Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 1 Warum ich mein Leben aufgeschrieben habe

Anstöße zum Schreiben

Günther Siebert
Günter Siebert
Es waren mehrere Dinge, die für mich ein Anstoß zum Schreiben wurden:

"Vadder, schreib auf, wir wissen eigentlich zu wenig aus eurem Leben! Später ist es vielleicht zu spät!"

Seit der Antike gilt das Denken an den Tod als geistige Reife. Ich fühle mich zunehmend reif. Wer mich kennt, wird vielleicht erschrecken, sich wundern, wenn ich dies zum jetzigen Zeitpunkt schreibe.

Wer ehrlich gegen sich selbst ist, wird gestehen, dass auch ihn sporadisch über lange Jahre ähnliche, unausgesprochene Gedanken erfassen. Man will nur keinen damit erschrecken.

Ich will mich in meinen Aufzeichnungen bemühen, Unangenehmes nicht zu löschen, höchstens zu reduzieren, Erlebnisse nicht in den Stand einer Glorifizierung zu erheben und keine leichtfertigen Schuldzuweisungen zu erteilen.

Ich will berichten, erzählen, auch zeitgeschichtlich authentisch dokumentieren und Gefühle nicht aussparen.

Einfach aufschreiben, so war es, so handelte ich, so dachte und denke ich!

Das Aufgeschriebene ist sicher gelegentlich mit der Unzulänglichkeit eines Schleiers des Vergessens dazwischenliegender Jahre behaftet. Doch bietet es lebenden Zeitzeugen die Möglichkeit, zu ergänzen, zu berichtigen, zu loben oder zu tadeln, zu überlesen oder nachzudenken, zu schmunzeln oder eine Träne zu verlieren. Kurzum, sich seine eigenen Gedanken zum Geschriebenen machen. Doch: Die aller mutigste Handlung ist immer noch, selbst zu denken - LAUT!

Das Niedergeschriebene ist m e i n e Biographie, aufgeschrieben für unsere Nachfahren, für die große Geschichte unbedeutend, aber voller Geschichten.

Dichtung und Wahrheit

Günther Siebert
Günther Siebert
Unsere Familienchronik reicht weit zurück. Mütterlicherseits ist als erster urkundlich nachgewiesener Vorfahre ein Heinrich K o e p k e genannt. Wahrscheinlich ist er als Siedler aus anderen Teilen Deutschlands zugewandert, sei es aus Ernährungsschwierigkeiten, aus dem Wunsch nach sozialem Aufstieg oder wegen unterdrückten Glaubens nach dem 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648). Kirchenbücher sagen aus:

1702 wendete sich (der 1652 geborene Ahnherr – G.S.) Heinrich Koepke der evangelisch-reformierten Kirche (Glaube der eingewanderten Kolonisten-Hugenotten – G.S.) zu, war dann als Einwohner der Gemeinde Hindenburg (Uckermark) Kirchenältester und verstarb als 70-Jähriger am 13.Januar 1722.

205 Jahre später liegt dazu beziehungsreich am 13. Januar 1927 der Tag meiner Geburt. Es ist die erste Geburt des Jahrgangs 1927 in der Gemeinde Hohen Neuendorf. Es ist mein Wunsch und Hoffen, dass meine Fragen und mein Wissen zum Ursprung unserer familiären Vorfahren wachgehalten und belebt werden, dass sie durch persönliche Aufzeichnungen ergänzt und fortgesetzt werden.

Alles von mir erlebte und beschriebene Geschehen muss dabei aus der Sicht der sich verändernden Gesellschaftsordnung betrachtet werden: Des Nationalsozialismus, des Sozialismus und der Demokratie. Es muss mit dem Wissen um geschichtliche Begleiterscheinungen gelesen werden, einer "letzten Völkerwanderung" von Menschen in den Wirren des 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945, der Vertreibung nach dem Krieg aus der angestammten Heimat (Umsiedlung) sowie der gewollten Übersiedlung oder ängstlichen Flucht von Ost nach West (genannt Republikflucht) .

Geschriebene Lebensläufe können sowohl Start als auch Grundlage einer persönlichen Entwicklungsmöglichkeit sein, die gesellschaftliche Stellung beeinflussen oder sogar bestimmen. Lebensläufe werden in der Eigendarstellung oder durch Fremdverfasser nicht immer ein objektives Bild zeichnen. Oft steht dabei die Absicht zur Erreichung eines angestrebten, erwünschten Zieles für sich oder andere Pate. Lebensläufe sind oft mit unterschiedlichen Anteilen eine verständliche Mischung aus Dichtung und Wahrheit geschrieben. Ich schließe mich von solcher Einschätzung nicht aus.

Meine "Kaderakte"

Als Zeitdokument seien hier meine selbstgeschriebenen Lebensläufe nach 1947 aus meiner Personalakte als Lehrer angeführt. So schrieb ich seinerzeit Sätze wie:

"Schon immer wollte ich Lehrer werden, wie es solche bei meinen Vorfahren gab."

"Ich will meine ganz Kraft für die DDR zum Wohle der Schüler einsetzen."

"Meiner Herkunft nach entstamme ich einer Arbeiter-und Bauernfamilie."

Altlehrer Siebert, 2003
Altlehrer Siebert, 2003
Sätze wie der letzte waren bei Bewerbungen zur Aufnahme eines Studiums oder später als Lehrer oder hilfreich, weil die soziale Herkunft als Arbeiter oder Bauer im „1. Arbeiter-und Bauernstaat", wie sich die DDR nannte, einer Förderung dienlich war. Ja, ich bekenne, meine Seele durch Angepasstheit schon früh in solchen Teilbereichen verkauft zu haben. Doch darüber urteilen sollte der Leser erst nach dem Lesen aller meiner Lebensabschnitte. Der Objektivität nahe kommt aber nur der, der in dieser Zeit hier in der DDR gelebt hat. Mir selbst war es nach der Wende 1989 beinahe peinlich, solche Sätze zu lesen. Solche Lebensläufe wurden uns – wie auch andere Dokumente – erst nach 1989 ausgehändigt. Bis zu diesem Jahr hatte ich 40 Jahre keinen Zugang zu meiner sogenannten "Kaderakte", die jetzt „Personalakte „genannt wird.

Ein "Feuertiger"

In seiner Laudatio zu meinem 70.Geburtstag 1997 führte mein Freund Hanne auch die Weisheit der alten Chinesen an:

Lieber Günter, in der chinesischen, 5000 Jahre alten Astrologie, werden 48 Typen mit unterschiedlichen Charaktermerkmalen und Eigenschaften unterschieden. Nach deinem speziellen Geburtsjahr und Monat bist du ein FEUERTIGER.

(Zitat): Dieser ist nicht nur brillant, gebieterisch, imposant und offen, ein sinnliches Wesen, sondern auch ungemein großzügig, er besitzt hohe Führungsqualität und ist durch und durch Optimist, der mit Weltuntergangpropheten nichts anzufangen weiß.

Sein Enthusiasmus und grenzenlose Energie sind kaum zu bändigen und er muss daher jeden tief beeindrucken, von dem ER etwas will! Seine Impulsivität und Lebhaftigkeit sind ansteckend, seine Energie und Lust am Leben allseits anregend. Im Grunde seines Herzens bleibt er jedoch ein Romantiker und Menschenfreund und wer mit ihm verheiratet ist (so heißt es) wird allerhand erleben. (Zitat ende)

Ich glaube, kürzer und treffender kann man Günter, - diesen Feuertiger -, kaum beschreiben, als diese weisen, alten Chinesen. "

Das ging runter wie Öl, in dem man sich baden könnte. Doch Hanne wusste nicht alles aus meinem Leben von mir. Wenn ich jedoch ehrlich bin, würde ich mich gerne wiederfinden im Urteil der alten Chinesen.

Sicht des Lesers nach 2001

80. Geburtstag
80. Geburtstag
Dem interessierten Leser ist die Möglichkeit eigener Sichtweise zu meinen folgenden LEBENSABSCHNITTEN gegeben. Doch wird es nur wie ein Blick durchs Schlüsselloch in einen dahinter liegenden Raum sein. Es gibt nicht einsehbare Ecken, dunkle und überstrahlte Stellen. So vielleicht von mir gewollt oder noch nicht einmal selbst erkannt. Damit bietet sich durch andere Blickwinkel die Möglichkeit, mich als einen Menschen in seinen Facetten anders, neu, vielleicht vollkommener zu entdecken, oder mich anders zu sehen. Aber es bleibt immer doch nur unvollkommen.

Darum:

Urteile nie vorschnell und endgültig! Ein Urteil ist nur die Momentaufnahme einer Persönlichkeit mit dem gerade vorhandenen Wissen des Einschätzenden über den Beurteilten. Das gilt selbst beim besten Vorsatz zur Objektivität.