Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 2 Meine Kindheit (1927 bis 1933)

Erinnerungen, ein wertvolles Gut

Im Steckkissen
Im Steckkissen
Dieser Abschnitt wird relativ kurz sein, obwohl meine 1900 geborene Mutter immerhin 97 (siebenundneunzig) Jahre alt wurde und ihren Vater Ludwig Köpke an Lebensjahren noch um vier Lebensjahre übertraf. Ich habe relativ wenig von ihr erfahren. Nicht, dass sie mir nichts mitteilen wollte, vielmehr gab ich – nicht immer zutreffend – vor, keine Zeit zu haben und noch anderes tun zu müssen. Ich habe mir zu selten die Zeit genommen, mit ihr über die Dinge zu reden, die mich und auch meine Enkel heute interessieren würden. „Zu spät", so hört man oft auch von Gleichbetroffenen.

Unsere beiden Töchter waren in ihrer Kindheit neugieriger als ich und wissen sicher von manchen Dingen mehr als ich. Sie fragten ihre Großmutter - und bekamen von Großmutter Marie auf ihre Fragen eine Antwort. Sie war glücklich, ihrem "eigenen Fleisch und Blut", wie sie zu sagen liebte, aus ihrem Leben erzählen zu dürfen. Das trifft besonders auf unsere Erstgeborene zu, die viel in der Obhut meiner über uns wohnenden Mutter in der Schönfließer 18 war, häufig in den Abendstunden, wenn Uschi und ich unseren zahlreichen Freizeitbeschäftigungen wie Chor, Kabarett oder Kegeln nachgingen. Sogar den Armbruch unserer Tochter Angelika beim Sturz aus dem Bett mit der Einlieferung ins Krankenhaus Hohen Neuendorf musste meine Mutter einmal wegen unserer Abwesenheit aufgrund einer Kurzreise ins Zittauer Gebirge allein bewältigen.

Oma Marie mit Enkeln
Oma Marie mit Enkeln
Grabstein
Grabstein
Geradezu schicksalhaft scheint es mir zu sein, dass es ihre beiden Enkelinnen waren, die in unserer fernen Abwesenheit auf einer Kreuzfahrt ins Nordmeer, ihre Oma Marie, meine Mutter, auf den letzten Weg brachten, sich an unserer Stelle am Totenbett von ihr verabschiedeten. Denke ich daran, befällt mich ein Gefühl von Dankbarkeit und Schuld zugleich.

Meine Mutter
Meine Mutter
Wie lachten wir manchmal, wenn Mutter bei unserer ausbleibenden Reaktion auf ihre steten Mahnungen zu sagen pflegte:

Wartet mal, ihr werdet noch oft an mich denken!

Wie Recht hatte sie, die so Verlachte. Die Geschichte scheint sich immer zu wiederholen, denn auch ich weiß mehr aus dem Leben meiner Großeltern (ihrer Eltern) zu berichten, als meine Mutter mir zu erzählen wusste. Und wenn ich nicht den Ruf: "Vadder, schreib auf, wir wissen zu wenig aus eurem Leben", als den Anstoß zum Schreiben bekommen hätte, dann wiederholte sich auch dieses Mal ein Versäumnis.

Merke: Sprich mit Deinen Kindern, solange du dich erinnerst und sie dir zuhören!

Sparsame Zärtlichkeiten

Erst nach der Geburt unserer ältesten Tochter fragte ich Mutter, wie es denn bei mir mit der Geburt gewesen sei. In ihrem Intimbereich hatte meine Mutter nach der heutigen Ansicht ein übertriebenes, sittenstrenges Verhalten. Sie äußerte sich nie zur Sexualität, überließ die "sogenannte" Aufklärungsstunde für mich, allerdings zu spät, ihrer Schwägerin Erna, der Frau ihres Bruders Fritz. Sie zog sich meist voller Scham zum Ankleiden in ihr kleines Schlafzimmer zurück, bedeckte mit irgend einem Kleidungsstück ihren vielleicht nur mit Unterwäsche bekleideten Körper, wenn ich einmal plötzlich zu morgendlicher Stunde in ihrer Wohnung über uns auftauchte. Welche Überwindung muss es sie gekostet haben, in meiner Gegenwart die Hausärztin ihren Körper untersuchen zu lassen oder sich gar in ihren letzten Jahren von meiner Uschi und von mir bei ihrer Körperpflege helfen zu lassen.

Sicher hat meine Mutter ihr Verhalten von ihrem Elternhaus übernommen. Liebkosende körperliche Berührungen oder Küsse waren in unserer Familien nicht die Regel. Nur wenn man sich längere Zeit trennte, sich zu besonderen Feiertagen verabschiedete oder begrüßte.

Auch bei meinen Buchholzer Großeltern Köpke war es nicht anders. Wenn ich in meiner Kindheit und Jugend bei ihnen wohnte, gab es z.B. ein liebevolles Streichen über mein am Kachelofen erwärmtes Bett mit den Worten: "Nu schloop man sacht!" So drückten sie ihr Gefühl aus, ohne direkten körperlichen Kontakt. Auch ich folge nicht locker einem Trend unserer Zeit mit Umarmung und Kuß bei jeder Begegnung gegenüber jedermann.

Es verschafft mir jedoch ein gutes Gewissen, mich mit einem "Kuß" von Mutter verabschiedet zu haben, als ich sie das letzte Mal lebend vor Urlaubsantritt in der Leegebrucher Urlaubspension zu Bett legte. Unbewusst habe ich mich für immer so von ihr verabschiedete, wie sie mich sicher in diesem, meinem Leben, begrüßt hatte.

Schwerer Junge in schwerer Zeit geboren

Schonfliesser Strasse 8
Schonfliesser Strasse 8
Nach den Erzählung meiner Mutter wurde ich im rechten Zimmer, dem Schlafzimmer, in der Schönfließer Straße 8 geboren. Heute ist darin die Galerie Art&Weise. Die Hebamme, eine Frau Kadur aus Hohen Neuendorf, half ihr bei der Geburt. Schwägerin Else, die Schwester meines Vaters, ging der Geburtshelferin zur Hand, obwohl sie selbst kein Kind geboren hatte, später auch keines bekam. Mein Vater soll sich in der Küche oder im danebenliegenden Wohnzimmer aufgehalten haben. Er half so gut er konnte, unterstützte das geschäftige Treiben, wenn meine Tante Else wieder heißes Wasser ins Schlafzimmer bringen musste. Er sorgte für die gut gewärmte Wohnung in diesem strengen Winter 1926/1927 und wartete auf meinen ersten Schrei, der ihm sagte: Dein Kind ist geboren - ich lebe!!!

Stammhalter
Stammhalter
Dann war es soweit, die Hebamme teilte kurz durch den Türspalt mit:

Alles dran, gratuliere zum S t a m m h a l t e r!

So wünscht es sich meist jeder Vater, der so den Fortbestand seines Geschlechtes unter gleichem Namen sichert. Es war besonders in bäuerlich geprägten Familien oft auch die erste Frage: "Ein Junge?" Mit einem Jungen schien der Fortbestand des Hofes durch den Erbhofbauern gesichert. Ich will es jedoch nicht verallgemeinern, ebenso häufig, sicher häufiger hieß es: "Gesund?"

Bei meiner Geburt fehlten jegliche Vorhersagen zum Geschlecht oder zu möglichen Komplikationen bei der Geburt, wie es heute möglich ist. Letzteres erklärt auch einen Teil der hohen Kindersterblichkeit früherer Jahre, die unsere Enkelin Judith bei einem Friedhofsbesuch am Schloss Ribbeck erschreckte. So auch bei unserem Besuch der Gräber unserer Vorfahren auf dem Buchholzer Friedhof, als wir drei nebeneinander liegende Gräber der sehr zeitnah verstorbenen Nachbarskinder vom "klei Hus" entdeckten. Auch Onkel Franz und Tante Alma Köpke hatten zwei Kinder frühzeitig verloren.

Solche Unwägbarkeiten einer Geburt gab es auch am 13. Januar 1927. Nach Aussage meiner Mutter war es eine schwere Erstgeburt in ihrem fünften Ehejahr, denn ich wog über 8 Pfund. Mutter war auch schon zwei Wochen über die Zeit, dem erwarteten Geburtstermin. Mein Kopf soll bei der Geburt etwas deformiert gewesen sein. Die noch ungefestigten Nähte zwischen den Schädelknochen ließen sich aber unter den erfahrenen Händen der Hebamme Kadur etwas zurechtrücken, so wurde mir berichtet. Wie ich denke, ohne Schaden. Vielleicht ist in der Schwere der Geburt auch e i n Grund für die ablehnende Haltung meiner Mutter zu einem weiteren Kind zu suchen, vorrangig wohl aber in den schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in den Zwanziger Jahren nach dem verlorenen 1. Weltkrieg. Dass es für mich, den gerade Geborenen, nur 12 Jahre später noch einen 2.Weltkrieg geben würde, ahnte zu dieser Zeit keiner.

Wäre es nach meiner Mutter gegangen, hätte ich selbst mir später, viel später erst ein Kind anschaffen sollen. So ihre häufige Äußerung. Ihre Bedenken zu vielen anderen Vorhaben von uns kleidete sie aus Vorsicht und Ängstlichkeit in ablehnende Formulierungen wie: "Also, wir denken..." oder "Das wollt ihr wirklich?" oder "Wer macht denn das auch so?" Wir antworteten regelmäßig: "Wir machen es eben so!"

Auf Badetuch
Auf Badetuch
Chaise
Chaise
Als erste Geburt des Jahrgangs 1927 wurde ich im Standesamt der Gemeinde Hohen Neuendorfin das Melderegister eingetragen, Günter, Fritz Siebert. Die erste Geburt nach zwei Wochen im neuen Jahr ist Ausdruck der noch geringen Einwohnerzahl Hohen Neuendorfs. 1927 lebten gerade einmal etwa 5000 Menschen in unserem Ort. Nach Absprachen meiner Eltern sollte ich in ländlicher Tradition stehend auch Fritz gerufen werden. Ein auf der Gemeinde tätiger Bekannter stimmte meinen Vater jedoch um. So wurde daraus ein Günter, mit dem Zweitnamen Fritz. Meine Mutter war zufrieden, denn aus ihrer Herkunft her war sie es gewöhnt, dass der Bauer das Sagen hat. Sie schob mich mit dem hochrädrigen Gefährt stolz durch den Ort.

Früheste Erinnerungen

Nach meinen nur lückenhaften Kenntnissen in der Psychologie soll man sich erst ab dem dritten Lebensjahr an etwas erinnern können. Frühere "scheinbare" Erinnerungen wären das Ergebnis späterer aufgenommener Erzählungen. So sicher auch bei mir durch Mutter oder viele Verwandte hier im Berliner Raum. Sie waren oder blieben alle kinderlos. Ich wurde oft von Arm zu Arm herumgereicht und mit Liebe zugedeckt. Dies ist vielleicht sehr entscheidend für die Entwicklung eines Kindes, denn nur wer Liebe erhält, kann auch Liebe weitergeben.

Tante Else mit mir
Tante Else mit mir
Gruppenbild im Wald
Gruppenbild im Wald
Ich bewege mich in meinen Erinnerungen in einer gewissen Grauzone. Wenn Mutter mich auf dem Arm trug, suchte sie immer meinen linken Arm zwischen sich und meinem Körper einzuklemmen, damit ich rechts greifen sollte. So wollte sie meiner Entwicklung zum Linkshänder vorbeugen, wie es Vater und auch Großvater Siebert waren. Sie konnte es kaum ansehen, wenn Vater mit links das Holz hackte. Großvater Siebert führte mit dem linken Arm den Geigenbogen, und der Steg seiner Geige war dafür umgestellt worden. Sogar ein Beil für Linkshänder hatte man ihm für seine Arbeit als Stellmacherzum Behauen von Balken geschmiedet. Dank mütterlichen Erbgutes entwickelte ich mich aber zu einem „rechten" Knaben, wenn auch mit Tendenzen zu „linker" Ideologie.

Ich sehe mich mit meiner Mutter am hohen Kachelofen sitzen, spüre noch den warmen Rücken, sehe das sparsame Licht, erinnere mich noch an die Petroleumlampe, die immer wieder aus einer Petroleumkanne, korkverschlossen mit dünner Tülle, neu nachgefüllt wurde. Wir hatten schon Gaslicht, aber es war teurer, besonders, weil des öfteren der erforderliche "Gasstrumpf" beim Ersetzen oder beim Anzünden entzwei ging. Er hatte die Form und Größe eines heutigen Schaumkuss mit Schokoladenüberzug, der früher unkorrekt kurz „Negerkuss" genannt wurde. Der „Gasstrumpf" bestand aus einem Keramikring mit einem nicht brennbaren, feinem, empfindlichen glockenförmigen Gewebe. Darin fing sich das ausströmende Gas, brannte an der Oberfläche und verbreitete dann das Licht. Die verstellbare Stärke des ausströmenden Gases regulierte die Lichtstärke. Die alte Küchengaslampe tat sogar nach Kriegsende 1945 noch einmal ihren Dienst in der Küche der Schönfließer Straße 18, als Gas und Strom limitiert waren, und wir neben kohlenbetriebenem Küchenherd so die gewährten Kontingente besser verteilen konnten.

Mutter las mir besonders an längeren dunklen Wintertagen aus einem Buch mit großen Buchstaben vor. Zu jeder Geschichte lockte ein ganzseitiges, kräftig farbiges Bild, das bei jeder Lesestunde mich immer wieder die gleichen Fragen stellen ließ, deren Antworten ich schon kannte. Abweichende Worte in den Erklärungen mahnte ich dann an. Dieses Buch war sicher Auslöser meines frühen Lesebedürfnisses, das mich in meiner Volksschulzeit immer zum Vorleser in der Klasse machte, wenn uns unser Klassenlehrer für einige Zeit allein im Klassenraum zurückließ. Das große Buch, auf dessen äußerem Buchdeckel ein Mädchen mit roter Kappe und ein Wolf im Wald den Blick auf sich zog und auf dem in großen Lettern stand: MEIN ERSTES MÄRCHENBUCH, wurde leider von Mutter später vernichtet. So wie 1945 auch viele andere Bücher aus Angst vor den neuen Machthabern in der sowjetischen Besatzungszone vernichtet wurden, hatte man doch demonstrativ sogar einen Bürger wegen eines nicht abgegebenen Radios am Rathaus Hohen Neuendorf öffentlich erschossen. So wurden auch gute Bücher vernichtet, nur weil auf deren Innenseite als meine Adresse "Straße der SA" (Sturmabteilungen der Nazis) stand.

Mein Vater
Mein Vater
Die Erinnerungen an meinen Vater aus dieser Zeit der Kindheit sind sehr blass. Für seinen Schichtdienst in Rohrpostamt Berlin hing an unserm Küchenschrank ein Zeitplan für seine Arbeit im Berliner Haupttelegrafenamt. Unsere Tagesabläufe regelten sich nach den monatlich wechselnden 4 (!) Schichtdienstzeiten. Ich sehe noch deutlich die vielen kleinen Löcher an der Seitenwand des Küchenschrankes, die von den immer wieder neuen Einstichen der Reißzwecken zum Wechsel des Schichtplanes stammten. Einmal soll ich an einem Liegestuhl hantiert haben, so dass mein Vater damit zusammenbrach. Der blau angeschwollene Zeh passte dann in keinen Schuh, und Vater konnte nicht zum Dienst.

Die Kiste

Es war stets einbedeutsamer Tag, wenn uns durch den Postboten eine Nachricht zugestellt wurde, der uns zum Abholen eines Paketes vom 1907 gebauten "Kaiserlichem Postamt" in der Berliner Straße aufforderte. Die Zustellung von Paketen erfolgte im Ort nur unzureichend. Bei uns war es meist eine kleine Kiste, 50 x 30 x 25 cm groß. Die hatte mein handwerklich sehr geschickter Vater aus Eierkistenbrettern vom Lebensmittelgeschäft "Butter-Nordstern" gefertigt, wie auch die Laube auf dem Grundstück. Die Handelskette hatte das Geschäft mit den drei großen Schaufenstern in der Friedrichstraße, wo später dann lange Jahre Schuhe und Lederwaren verkauft wurden und jetzt eine neue Praxis für kranke Tiere eingerichtet ist. Hierher wurden die Eier in großen dünnbrettigen Kisten von etwa 150 x 100 x 15 cm Größe geliefert, bei denen noch aus den kleinen Zwischenräumen die schützende Holzwolle für die empfindlichen Eier heraus guckte. Leere Kisten wurden samt Holzwolle für 50 Pfennige verkauft. Daraus fertigte mein Vater dann "unsere Kiste", die Holzwolle wanderte in die Ofenheizung. Das war sehr praktisch, war die stabile Kiste doch mehrfach im Jahr zwischen Hohen Neuendorf und Buchholz mit der Post unterwegs. Das so verarbeitete Holz wurde dabei sogar nicht zweckentfremdet, sondern wie früher ebenfalls für den Eiertransport genutzt. Die Eier stammten aus der Bauernwirtschaft von Mutters Eltern und waren eine hilfreiche Unterstützung des Lebens "in der Stadt", wie man in Buchholz sagte.

Wenn dann die von Vater gefertigte Holzkiste auf dem Küchentisch stand, wurden die, den Deckel haltenden, Schrauben gelöst. Es waren Messingschrauben, denn sie sollten ja nicht rosten. Die Schlitze waren mitunter schon vom mehrfachen Gebrauch beim sichernden, festen Anziehen "zerwürgt". Mit dem Abnehmen des Deckels fiel erst einmal Strohhäcksel heraus. Mitunter lag auch ein kurzer Brief von der Großmutter obenauf, mit dem an den Rand geschriebenen legendären kürzesten Satz in kleiner Schrift vom Opa Ludwig:

Gruß Vater!

Vorsichtig fühlten die Finger nach den im Häcksel liegenden Eiern, von der Großmutter meist noch zusätzlich in Papier verpackt. Vorsichtig deshalb, weil das eine oder andere Ei gesprungen war, das dann gleich den Mittagstisch bereicherte.

Zur Schlachtzeit stieg die Eierkiste zu einer "Mischwarenkiste" auf. Köstlichkeiten wie Schinken, Rauchwurst, Schmalz, Speck und die geliebte "Pottwost" (Blutwurst) entlockten uns Auspackenden jedes mal ein freudiges "OOOH". Wir konnten den verlockenden Wohlgerüchen nicht widerstehen. Als erstes wurde eine richtige, kantige Griebe in etwas Salz getunkt und genüsslich mit einem Stück trockenem Brot verspeist. Man ließ es sich regelrecht auf der Zunge vergehen.

Als "Die Kiste" später nach Kriegsende für landwirtschaftliche Produktbeförderung mangels "Masse" ausgedient hatte, wurde sie zur Aufbewahrung von Vaters Schusterutensilien umfunktioniert. Vater besohlte nicht nur Schuhe, er fertigte auch Bürsten an. Essbares wurde jetzt per Fuß, Rad oder Bahn "gehamstert".

Die Sache mit dem Mittagsschlaf

Mutter achtete bei mir sehr auf die Einhaltung des Mittagsschlafes, vielleicht auch, um mich eine gewisse Zeit am Tage ruhig zu stellen. So erinnere ich mich daran, wie ich wegen meiner vielleicht Ungehorsamkeit zu meinem Vater ins Bett gesteckt wurde, der für die bevorstehende Nachtschicht im verdunkelten Raum auf Vorrat schlief. Es war für mich reiner Horror: Ich schwitzte unter dem warmen Deckbett wie verrückt, traute mich aber nicht mich zu bewegen, um nicht den schlafenden Vater zu stören. Ihm galt alle Rücksicht, denn er war der Ernährer der Familie in einer Zeit wachsender Arbeitslosigkeit.

1 Jahr alt
1 Jahr alt
Sonst schlief ich in einem aus Drahtgittern bestehenden Kinderbett im elterlichen Schlafzimmer. Die "vorsichtige Mutter" hatte es mit seiner abklappbaren Bettseite an die Wand gestellt. Wohl auch, damit ich nicht allein entfliehen sollte. Manches Mal wurde ich auch aus "erzieherischen Gründen " in voller Montur in dieses Bett gesteckt. Mir ist noch die Strafandrohung in Erinnerung : "Ich stecke dich ins Bett!" Einmal kam es zu einem behinderten Aussteigeversuch, der damit endete, dass ich schreiend am äußeren Drahtgeflecht des Bettes hing, denn ich hatte mich mit den über Kreuz liegenden Schürzenbändern darin verfangen.

Ja, ich trug oft eine Schürze, vorne mit einer Tasche wie bei einem großen Beuteltier. Vielleicht hatte sich Mutter lieber ein Mädchen gewünscht. Spielte ich allein auf dem Hof, war die Schürze sehr nützlich. Mutters große Wäsche erforderte einen hohen zeitlichen Aufwand für sie. Ich schaute durch das kleine Kellerfenster der Mutter beim Waschen zu, bekam von ihr einen großen Nachttopf, in dem ich es ihrer Arbeit nachtun konnte. So wurde die Schürze am Körper gleich mit gewaschen.

Nachttöpfe begleiteten zunächst unser Leben. Große, damit man nicht daneben puschte. Die Toiletten waren immer außerhalb der Wohnung. Das war im Elternhaus von Mutter in Buchholz so und auch hier in der Schönfließer Straße 8. Wer wollte schon in Dunkelheit und Kälte bei Nacht über den Hof zum "Plumpsklo", in dem sich vielleicht noch Ratten tummelten? Taschenlampen? Ein Luxus! Erst später ließ der Wirt Innentoiletten einbauen, wohl auch seiner eigenen Bedürfnisse wegen.

Im Strickanzug
Im Strickanzug
Ich kannte nur die Wirtin, die kinderlose Frau Hauser. Sie soll ein rechter "Besen" gewesen sein, wie später ihre Stieftochter berichtete. Ihr Mann hatte einen Doktortitel, und ich bekam von meiner Mutter eingeschärft, immer "Tante Doktor" zu ihr zu sagen. Das stimme die eitle Wirtin nachsichtiger, was für einen Einwohner im Zweifamilienhaus von größter Bedeutung war. Wir alle bewegten uns wie auf rohen Eiern. Wegen oft kinderunfreundlicher Wirte wechselte z.B. Uschi mit ihren Eltern öfter die Wohnung im Ort als wir. Da ich den ungeliebten Mittagsschlaf öfter mit heftigem Schreien quittierte, wurde ich mit Rücksicht auf "Tante Doktor" wieder aus dem Bett genommen. Das hatte ich wohl bald spitz bekommen. Aus erzieherischen Gründen muss jedoch der elterlicher Wille durchgesetzt und ein Exempel statuiert werden. So erzählte meine Mutter, einmal bei "Tante Doktor" für einen Tag um Nachsicht gebeten zu haben, falls es zur Mittagszeit großes Geschrei geben würde. Eine und eine halbe Stunden hätte ich bis zur Erschöpfung geschrien, wäre dann umgefallen, eingeschlafen und nach dem Erwachen stockheiser gewesen. Darin müssen auch Gründe für meine mir nachgesagte Stimmgewaltigkeit in meiner Lehrertätigkeit oder auf größeren Veranstaltungen liegen.

Körperliche Züchtigung - keine Lösung

Kniefall
Kniefall
Weitaus schwerwiegender war da sicher ein später von mir verursachter Schaden am Haus. Bei Überschätzung meines Wurfvermögens versuchte ich, einen Stein vom Hof aus über das Haus zu werfen. Es reichte aber nur bis zur Scheibe des Hausflures. In unserer Bürgervilla war das eine sehr große Scheibe, noch dazu mit ornamentiertem Milchglas. Für mich ein unbeschreiblicher Schreck, für meine Eltern ein finanzieller Tiefschlag. Als ich später während meiner Schulzeit in Hohen Neuendorf einmal ungeschickt meine Mappe auf den Sims einer Fensterbank an der Turnhalle warf, ging eine Butzenscheibe entzwei. Diese Scheibe war zum Glück kleiner. Ich konnte den Schaden von meinem im Taschentuch eingeknoteten Taschengeld heimlich begleichen. Über drei Mark, das war viel Geld für mich. Dabei war es ein Vorzugspreis vom Glasermeister Gehlhar, der gegenüber der Schule auf einem Hinterhof seine Werkstatt hatte. Er lebte nach christlicher Ethikund hatte ein Herz für Kinder. Was mag da die Milchglasscheibe zuhause erst gekostet haben?

Aus diesem Anlass kann ich mich aber an keine Tracht Prügel erinnern, wie das vielleicht in anderen Elternhäusern erfolgt wäre. Ich kann mich überhaupt an keine Schläge erinnern, obwohl es in der Wohnung auch einen gefürchteten Siebenstriemer gab. Das waren sieben etwa 30 cm lange Lederriemen, die am Ende eines Rehbeines befestigt waren. Der Siebenstriemer diente gewöhnlich dem Abstrafen. Nur einmal soll mein Vater damit Jungen auf einer Klingeltour aus unserm Haus heraus verfolgt haben.

Einmal aber soll ich doch Bekanntschaft mit Leder gemacht haben, wie Mutter mir erzählte. Es war ein Knieriemen. Das war weiches Leder, etwa wie eine Uniformkoppel endlos zusammengefügt. Den Knieriemen benutzte mein Vater zur Reparatur unserer Schuhe, denn das sparte Kosten: Das Gehalt ließ zu bezahlende Dienstleistungen dieser Art kaum zu. Zur Reparatur legte man den Schuh in die Schlaufe eines Riemenendes, legte den Schuh über beide Knie, trat dann mit dem anderen Fuß in den zwischen den Unterschenkeln herabhängenden Riemen in die untere Schlaufe. So lag der Schuh fest zum Bearbeiten auf den Knien. Meine wegen irgendwelcher Vergehen von mir sehr erboste Mutter hatte Vater nach dessen Heimkehr von der Arbeit aufgefordert, mit mir mal ein "Machtwort" zu sprechen. Das tat er dann auch und hielt offenbar den Knieriemen für angemessen. Wie mir Mutter erzählte, hätte sie selbst bei Vater schon bald um Einhalt gefleht. Sie hatte wohl das Gespür dafür, welche Erniedrigung die Ausübung überlegender körperlicher Gewalt für mich war, der ich bei Leibe kein abgebrühter Tunichtgut war.

Dazu werden Kinder oft erst, wenn sie häufig geschlagen werden. Erschreckend sind für mich heutige Analysen zur Gewalt in den Familien, nach denen 90% von Kindestötungen durch Eltern geschehen. Ich kann (und will) dies nicht glauben und schon gar nicht hinnehmen.

Das erinnert mich auch an die erste Schulleiterin nach dem Krieg, Frau Käthe Agerth, die symbolisch vor allen Schülern einen bis dahin in den Schulen gebrauchten Rohrstock zerbrach, als Ausdruck einer neuen Zeit mit der Abkehr von nun verfemter körperlicher Gewalt gegenüber wehrlosen und schwachen Schülern, so wie es Mutter noch um 1910 in der Buchholzer Schule erfahren hatte, wo Jungen auf den Hintern oder den Rücken geschlagen wurden und Mädchen die Hiebe auf die Innenseiten der Handflächen bekamen.

Auch während meiner Volksschulzeit war es noch üblich zu schlagen. In Erwartung solcher Schläge schob man sich schon mal ein dünnes Heft zwischen Körper und Hose. Wurde das bemerkt, erhöhte es die Anzahl der Hiebe. Je besser der Lehrer, um so weniger griff er zu dieser erniedrigenden Züchtigung. Sehr gute Lehrer schlugen nie Schüler. Als übler Schläger an der Hohen Neuendorfer Volksschule war Lehrer Dobbert gefürchtet. Seit 1920 in der Schule wurde er als früher Nazi sofort nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zum Konrektor berufen. Dobbert, der sogar in SA-Uniform herumlief und als erster die Nazifahne aus seiner Wohnung gegenüber der Schule hinaushing, symbolisierte als Schläger "würdig" seine NSDAP.

Sehnsucht Schule

Im Strickanzug
Im Strickanzug
Mit etwa fünf Jahren war für mich der hohe Drahtzaun entlang der Schönfließer ein beliebter Aufenthaltsort. Die etwa zwei Meter hohen Sträucher waren unten verkahlt. Dort hatte ich in den Lücken drei "Garagen", eine für meinen Roller, eine für mein Dreirad, in der größeren saß ich selbst besonders gern. Von dort sprach ich die Erwachsene und Kinder an oder reagierte auf ihre Worte. Gerne hockte ich am späten Vormittag dort, wenn die ersten Schüler auf ihrem Heimweg von der Schule bei mir vorbeikamen. Ohne Spielgefährten fühlte ich mich einsam. Hier entwickelte sich sicher mein ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis. Spielgefährten einzuladen verbot sich durch die Empfindsamkeit von "Tante Doktor".

Bald war es dann aber soweit. Die Enge meiner häuslichen Kindheit entließ mich in die Freiheit schulischen Lebens. Ostern 1933 kam ich in die Volksschule Hohen Neuendorf, zeitgleich mit meinem ersten von vier Umzügen in Hohen Neuendorf, in die Friedrichstraße 33. Zeitgleich auch mit der unheilvollen Machtergreifung der Nazis in Deutschland.