Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 3 Von der Schulbildung zur Waffenschulung (1933 bis 1944)

„Wer soll das bloß bezahlen?"

In der Friedrichstrasse
In der Friedrichstrasse
Bald nach meiner Einschulung zog die Familie in die Friedrichstraße 33. Bei Frau Dr. Hauser in der Schönfließer Str. 8 waren wir die einzigen Mieter gewesen, hatten also eine Einliegerwohnung. Als Wohnungseigentümerin machte sie ihr Kündigungsrecht wegen Eigenbedarfs für ihre Stieftochter geltend. So zogen wir in die Friedrichstraße 33, zunächst ins Parterre, dann ins erste Stockwerk.

Nach wie vor versorgte uns „Mutter Matthes" mit Milch. Sie war ihrer Herkunft nach eine Bauersfrau, die mit ihrem Mann - wie schon ihre Vorfahren - dieses Pachtgeschäft "Milchvertrieb" in Stolpe gepachtet hatten. Bis zu täglich 300 Liter Milch kutschierte "Mutter Matthes" mit ihrem Einspänner-Milchwagen aus Stolpe zu den Familien nach Hohen Neuendorf und Umgegend. Die Milch war vor allem wegen ihrer Frische und ihres unverfälschten Gehaltes gefragt.

Mutter Mathes
Mutter Mathes
Als einmal der Pächter des Stolper Gutes den „Milch-Matthes" den Vertriebsvertrag für Stolper Milch aufkündigte, mussten sie sich nach Marwitz orientieren und die Milch über die Havelhinweg beziehen. Das alles bei Wind und Wetter, bei Frost und Schnee. Wehe, wenn Krankheit dazwischen kam.

Die Milchkutsche von „Mutter Matthes" hatte einen nach hinten verschlossenen Aufbau. Unter der hinteren Tür gab es einen geschmiedeten Tritt, um das Wageninnere besteigen zu können. Dieser Tritt verführte mich öfter zum Daraufsetzen, um ein Stück mitzufahren. Wenn „Mutter Matthes" nicht gerade in Zeitnot war, ließ sie mich auch neben sich auf dem Bock sitzen. Sie machte wohl auch manches Mal einen vertrauten Snack mit meiner Mutter, die ja ebenfalls aus einer Bauernwirtschaft stammte. Sie war, was man unter einer lieben, urgemütlichen Frau mit weitem Herz für andere verstand. Sie soll sogar einmal unbemittelten Eltern für die Tochter ein Einsegnungskleid spendiert haben. Darum eben auch „Mutter Matthes".

Fritz Mathes
Fritz Mathes
Vater Matthes regelte alles auf dem Hof mit großem Garten. Beider Sohn Fritz trat früh in die Fußstapfen seiner Eltern, war nun aber bald mit einem Lieferfahrrad unterwegs. Später heiratete er in den Gasthof „Zum Dorfkrug" der Bergemanns ein. „Mutter Matthes" Enkel Norbert, wohnt heute in Stolpe Dorf, war Bürgermeister in Stolpe und und ist heute Stadtverordneter Hohen Neuendorfs. Wie stolz wären wohl die „ganz Alten" auf ihn!

Sonst habe ich nur wenige Erinnerungen an dieses Haus Nr. 33 in der Friedrichstraße. Es hatte einen breiten, gekachelten, kalten Hausflur, in dem es laut hallte, wenn man in ihm lief. In der unteren Wohnung erinnere ich mich an einen nicht uns gehörenden alten Flügel im Zimmer, an dem ich im „Einfingersystem", wie wohl alle Kinder, zuerst das Kinderlied "Hänschen klein, ging allein" zu intonieren versuchte. Ich hätte es gerne gelernt, es meinem Vater als gelerntem Musiker gleichgetan, denn unmusikalisch war ich nicht. Aber das Geld war bei knapp, wie die Gehaltliste meines Vater zeigt. In unsere untere Paterre gelegene Wohnung zog wenig später ein kinderfreundlicher Herr Madel ein, alleinstehend, ich glaube, er war ein Jude.

Die Wohnung gegenüber bewohnte eine Familie K. Der Mann war überzeugter Kommunist und hieß, Ironie des Schicksals, Adolf. Also gleichen Namens, wie dieser 1933 gerade in Deutschland an die Macht gekommene Adolf Hitler, sein ideologisch schärfster Feind. Seine Tochter Lisa spielte in meinem Lehrerdasein noch einmal eine in dieser Erziehung begründete beeinträchtigende Rolle.

Wenig später wohnten wir im 1. Stockwerk neben einer Familie Buggisch, mit der sich meine Eltern gut verstanden. Sicher lag es an ähnlichen Lebensbedingungen: Beide Familien hatten ein Kind und waren im Schichtdienst tätig, Vater bei der Post, Buggisch bei der Eisenbahn.

Die Wohnung war ofenbeheizt, an der Außenwand der Küche lief an kalten Tagen das blanke Kondenswasser an einer grünen Ölpanelwand zum Fußboden, eine schauerliche Erinnerung. Ich schlief nämlich winters in der noch nachwärmenden Küche auf einem „Chaiselongue" (heute Liege), einem Sofa ohne Rückenlehne, so dass man die kalte und feuchte Wand sofort fühlte.

In dieser Wohnung schwang Vater einmalig auch den bereits erwähnten Schuster-Knieriemen. Hier bekam ich als Siebenjähriger auch eine akute Blinddarmentzündung, die den Besuch unseres Hausarztes nötig machte.

Gedenktafel
Gedenktafel
Herr Doktor Rosenthal war auch Jude und mit einer evangelischen Jüdin verheiratet, an die heute eine Gedenktafel in unserer evangelischen Kirche erinnert. Die Erinnerung an unsern Doktor und seine Frau, lassen uns heute noch bei jedem Besuch eines Gottesdienstes in unserer Kirche den Platz unter der Gedenktafel zum Gedächtnis aufsuchen.

Unser Doktor war gehbehindert und trug immer eine dickrandige, große Brille, eine, über die es später im DDR-Kinderfernsehen hieß: „Frau Puppendoktor Pille, mit der großen klugen Brille". Ich hatte kurze Zeit vor der Blinddarmentzündung schon einmal meinen Kontakt mit ihm, als ich bei „Butter-Nordstern" mit den drei großen Schaufenstern in der Friedrichstraße gestolpert war und auf den Rand einer vor dem Geschäft stehenden Buttertonne fiel.

Bei dem Sturz riss ich mir den einen Nasenflügel ein, der vom Doktor mit zwei Metallklammern „geflickt" werden musste. Er hatte seine Praxis in einem großen Haus am Bismarckplatz, dem heutigen Damaschke-Platz. Ich erinnere mich weniger an das Klammern, als an die Behinderung beim Schnauben wegen der kreuzweise über die Nase geklebten Pflaster.

Sein bedenkliches Gesicht nach dem Drücken auf meinen schmerzempfindlichen Unterbauch bei seinem Hausbesuch 1934 verhieß nichts Gutes: „Der Junge muss ins Krankenhaus zur Operation!" Mutters Entsetzen darüber war groß: „Wer soll das bloß bezahlen?" Eine umfassende Krankenversicherung wie heute gab es noch nicht, und Vater verdiente nur wenig (siehe seine Gehaltsliste!). Unser Hausarzt Herr Doktor Hugo Rosenthal beruhigte Mutter mit den Worten: „Das lassen sie mal meine Sorge sein!"

Gehaltsliste Fritz Siebert 1923 Bis 1943
Gehaltsliste Fritz Siebert 1923 Bis 1943

Im Dritten Reich wurde unser Doktor Rosenthal, der uns geholfen hat, als "das Judenschwein" beschimpft.

Hubertusstrase 36
Hubertusstrase 36
In dieser Zeit erlebte ich als Siebenjähriger auch, wie meine Mutter durch Sanitäter durch den hallenden Hausflur in ein Krankenauto getragen wurde. Das Krankenauto des Ortes stand zu dieser Zeit in einer Blechgarage, direkt neben dem „Alten Krug" in der damaligen Dorfstraße, heute Karl-Marx-Straße. Der Fahrer war der Hausmeister aus der Schule, ein Herr Schilsky. Die „Schnelle medizinische Hilfe" gab es noch nicht. Mutter wurde in Berlin-Zehlendorf an der Galle operiert. Die kinderlose Tante Else, die schon länger im Ort wohnende Schwester meines Vaters, nahm mich liebevoll in den Arm, als sie Mutter an mir vorbei trugen, tröstete mich, den verständlicher Weise so Verstörten.

Schon in dieser Zeit entwickelte sich zunehmend eine besonders enge Beziehung zu meiner Tante Else und zu Onkel Hans L., ihrem Mann. Vielleicht war dieser Krankenhausaufenthalt ein letzter Anstoß dazu, unsere Familie aus der Friedrichstraße zu ihnen in ihr Haus Hubertusstraße umziehen zu lassen.

„Eine Schachtel Güldenring für Herrn Mitzlaff!"

Einschulung
Einschulung
Zur Schule ging ich aber in dieser Zeit so ganz nebenbei auch noch. Seltsamer Weise hätte ich an meine Einschulung 1933 keinerlei Erinnerungen mehr, wenn ich nicht die mit der einfachen 10 Mark-BOX-Kamerafotografierten schwarz-weißen Aufnahmen hätte. Oder das Bild eines Fotografen, vor dessen Kamera ich mich einfach vor einer Blautanne auf dem Vorplatz der Kirche aufgebaut hatte. Die Eltern waren nicht gerade erfreut, als man ihnen dann die Rechnung dafür präsentierte. Zur Erinnerung pflanzte ich 2000 an gleicher Stelle wieder eine Blautanne.

Als Schulkind bei den Groseltern
Als Schulkind bei den Groseltern
Sicher war mein erster Tornister aus derbem, aber geschmeidigem Leder von Onkel Hans L., der in Berlin der Vertreter der Lederwarenfabrik Gebrüder Lehmann aus Neukirch (Lausitz)war. Fast 80 Jahre später nutze ich noch heute einen Brieföffner dieser Firma.

Ich wurde noch zu Ostern eingeschult. Damals erfolgten die Einschulungen aufgrund der engen Bindungen zwischen Kirche und Schule zu diesem Termin, in Anlehnung an das kirchliche Fest der Auferstehung Christi. Noch früher war der Superintendent der evangelischen Kirche sogar Schulaufsichtsbehörde und wurde an Texten der Bibel das Lesen erlernt. Interessantes dazu kann man noch in der Schulchronik des Dorfes Stolpe, unserer kleinen, aber älteren Nachbargemeinde, nachlesen. Bis vor wenigen Jahren war die Dorfschule Stolpe noch in Kirchenbesitz.

Lehrer Mitzlaff
Lehrer Mitzlaff

Mein erster Lehrer war Herbert Mitzlaff, der am 1.2.1925 - nach vollzogenem Schulanbau - als Lehrer in die sich stark entwickelnde Gemeinde Hohen Neuendorf gekommen war. Ihm habe ich als meinem Klassenlehrer über die ersten fünf Schuljahre viel zu verdanken. Sicher prägte die Erfahrung aus dieser Lehrer-Schüler Beziehung bei mir in meiner späteren Ausübung des Lehrerberufes auch mein prinzipielles Verhältnis zu Schülern, nicht nur zu denen meiner eigenen Klassen.

Herr Mitzlaff war immer sehr korrekt gekleidet, und so arbeitete er auch. Schreiben erlernte ich anfangs im 1.Schuljahr noch auf der Schiefertafel mit angehängtem Griffel, dem Lappen und dem kleinen Schwamm zum Löschen, der etwas angefeuchtet aus der Schulmappe heraushing. Ich höre direkt noch das Quietschen des auf die Tafel schreibenden Griffels. Geschrieben wurde noch in Sütterlinschrift, die dann ab 1941 endgültig auf die lateinische Schreibweise umgestellt wurde.

Auch das tägliche Morgengebet am Anfang der ersten Stunde gehörte 1933 noch zum Schulalltag. Nicht lange, denn nach der „Machtergreifung Hitlers" und seiner ablehnenden, diskriminierenden Stellung zur Kirche zeigten sich sehr schnell erste Auswirkungen. Wenige Jahre später grölte ein Fähnlein der Hitler-Jugend (HJ) auf Befehl in der Kirchstraße mit verhöhnenden Sprechchören Herrn Pfarrer Rosenau.

Lehrer Mitzlaff saß meist auf der ersten Bank mit den Füßen auf dem Sitz, ich genau vor ihm. So sehe ich ihn noch heute deutlich vor mir: Korrekt gekleidet, von hier aus den Unterricht leitend. Die Finger beider Hände hatte er locker zur Faust gekrümmt und die Fingernägel wurden im gegenläufigen Auf und Ab der Hände schnell aneinander gerieben. Ich höre noch heute dieses Geräusch der Nägel. Er muss sehr nervös gewesen sein, und heute weiß ich es zu erklären. Daumen und zwei Finger seiner Hände waren vom Nikotin schon braun eingefärbt, er war sehr starker Raucher. Es „jieperte" ihn zu rauchen, und so bewegten sich rhythmisch nervös seine Hände.

Zu mir muss er ein bevorzugtes Verhältnis gehabt haben, oder ich gehörte zu den diensteifrigsten und guten Schülern. Ich durfte ihm oft aus dem der Schule gegenüberliegenden einstigen Tabakwarengeschäft Ruhm, später durch Heirat Eichbaum, seine Zigaretten holen. Er traute mir die alleinige Überquerung der schon damals verkehrsreichen Berliner Straße zu.

„Eine Schachtel Güldenring für Herrn Mitzlaff!", das war mein Begehren. Güldenring war eine Sorte der gehobeneren Klasse, und ich brauchte nie zu bezahlen. Das tat Herr Mitzlaff dann am Ende des Monats selber, es wurde nur angeschrieben. Ich übernahm das Zigarttenholen sehr gern, denn als häufiger Abholer bekam ich auch das eine oder andere Mal ein Stück Lakritze (Saft der Süßholzwurzel) für mich mit auf den Weg oder durfte in die Dose mit den scharfen Salmiak-Pastillen greifen. Die Leckereien lagen unterm Glas des Verkaufstisches. So hatte eine Lakritzstange im Maul sogar einen kleinen Ring. Anreiz zum Kauf für Mädchen oder auch von Jungen für ihre „angebetete erste Liebe" gleicher Altersstufe.

Nachdem wir zu Onkel Hans und Tante Else L. 1935 in die Hubertusstraße umgezogen waren, begleite ich oft meinen Klassenlehrer nach Hause, der am Ende der gleichen Straße in der großen Stadtvilla Hubertusstr. Nr. 2 wohnte, heute Kindertagesstätte Waldheim, wo in den 60-ziger Jahren unsere beiden Töchter schon einen Kindergarten und Hort besuchten.

Es war für mich eine Auszeichnung, wenn ich ihm dann stolz seine Aktentasche ein Stück des Weges tragen durfte. Er drängte sie mir nie auf, er gab nur meinem Verlangen zur Hilfsbereitschaft (oder Anbiederung?) nach.

Schulfreundschaften

Lehrer Mitzlaff mit Klasse
Lehrer Mitzlaff mit Klasse
Sicher galt ich zu meiner Volksschulzeit als "armer Leute Kind", schien aber ein so erzogener, verträglicher Typ zu sein, dass ich in sozial davon abweichenden Elternhäusern durch meine Mitschüler erwünschten oder geduldeten Zugang bekam.

So bei Günther H. in der Hubertusstraße 13, der späteren Kinderkrippe für unseren Enkel Jan. Das Haus war mir darum sehr vertraut. Günther war der Sohn eines meist abwesenden Professors der Chemie mit österreichischer Staatsangehörigkeit. Das Haus mit der warmen, hölzernen Ausstattung wurde durch die Großmutter geführt, einer einfühlsamen, feinen, aber auch gestrengen Frau. Sie trug immer ein weißes Chemisett, einen Einsatz im Halsbereich des Kleides, ihre Haare waren hochgesteckt. Für mich galt sie als Inbegriff einer feinen, vornehmen Frau. Wir hatten aber alle Freiheiten beim Spielen, auch in dem umzäunten großen Garten, der an den nahen Wald, den Kurpark, angrenzte. Gelegentlich saß ich auch in der Familie bei Tisch, das war in meiner Kindheit eine Ausnahme.

Günther war ein äußerst begabter, sensibler Schüler, etwas sommersprossig und mit rötlichem Haarschimmer. Beinahe schon wie „überzüchtet", seine Sprech- und Ausdrucksweise unterschied sich schon von der von uns anderen. In unserer Klasse war er das mathematische Genie, das Paradepferd des Rechenlehrers. Lehrer Hartmann war ein Hüne von Gestalt, durchmaß mit langen Schritten unruhevoll während des Unterrichts fast unentwegt drei Seiten der Schulstube. Seine Schein-Drohung mit einer körperlichen Züchtigung formulierte er in folgende Worte: „Möchtest du gern, dass ich zwei ostpreußische Jagdhiebe aus meiner Höhe zu dir auf deinen Hintern hernieder sausen?" Alles nur Drohgebärde, weiß ich heute, denn er war kein prügelnder Lehrer wie der bereits erwähnte „Braune", Konrektor Dobbert, der sogar in SA-Uniform unterrichtete, der Schule gegenüber wohnte und alles unter Kontrolle hatte. So auch, wann diese Hakenkreuzfahne auf dem Dach der Schule geflaggt wurde. Ich glaube zu wissen, dass er bei der Ablösung meines ersten beliebten und anerkannten Direktors Dahms 1934 mit belastenden anonymen Briefen eine unrühmliche Rolle spielte und in der Folge wie oft üblich beruflich aufrückte. Eine Spielart, die im Sozialismus der DDR mit den IM (Informelle Mitarbeiter) der STASI (Staatssicherheitsdienst) abgrundtief, unfassbar, perfektioniert wurde. So belegt durch die „Gauck-Behörde" nach der Wende.

Nein, Rechnenlehrer Hartmann war kein prügelnder Lehrer. Kam jemand in die Klasse, wurde Günther H. aufgerufen: „Hohlweg , wie heißt der Vorgänger von 1 000 000 ?" Hohlweg wusste es, während wir Mitschüler uns erst mühevoll im Zahlenraum bis 1000 bewegten!

H. studierte nach 1945 in Berlin Mathematik, hatte aber auch seine Liebe zur Musik, insbesondere zur Klarinette entdeckt. Er vernachlässigte sein Studium der Mathematik und wendete sich stärker der Musik des Benny Goodman zu, DEM Klarinettisten und „King of Swing" dieser Zeitepoche. Der daraus sicher resultierende Konflikt mit den verständlichen, erwarteten Vorstellungen des Vaters, endete tragisch: Günther H. beendete sein Leben durch Selbsttötung. Ob vielleicht Liebeskummer oder Konflikte mit dem Elternhaus wegen der Studienveränderungen ursächlich mit seiner Selbsttötung zu tun hat, weiß ich nicht. Man fand G. H. tot auf der Halbinsel des großen Rotpfuhles.

Es ist nicht immer einfach, den Kompromiss zwischen elterlichen Erwartungen und eigener Vorstellung der Lebensgestaltung zu finden. Auch wir haben es in Ansätzen mit unsern Kindern kennengelernt. Sie werden es auch wieder mit ihrer Tochter und den Söhnen erfahren. Es braucht Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen, Kinder zu erziehen, zu führen ohne stets zu reglementieren. Vollkommenheit dabei ist kaum erreichbar.

Irgendwie war ich auch in das Haus des Zahnarztes Dr. von Muraldt in der Margaretenstraße gelangt. Sein Sohn Landolf von Muraldt war mein Mitschüler. Im Gegensatz zu G. H. ein mehr verträumter Typ mit blonden Locken, vielleicht auch nicht so schnell in seiner Auffassung. Auch sein Vater hatte eine andere Staatsbürgerschaft, er war Schweizer. Seine Mutter erhoffte sich vielleicht über mich eine Belebung seines Wesens, die freundschaftliche Begleitung seines Schulalltags und vielleicht auch die Vermeidung der Isolation des eher scheuen „Landi", wie wir ihn riefen. Hier führte nicht die Großmutter das Haus, sondern ein Dienstmädchen. So lernte ich auch einmal kennen, wie man verwöhnt werden kann. Reste dieser Erfahrung scheinen bei mir auch noch vorhanden zu sein. Ich liebe es bis heute, verwöhnt zu werden, ohne es allerdings zu erwarten oder gar zu fordern.

In Landis Spielzimmer gab es alles, was mir meine Eltern nicht hätten kaufen können. Diese Beziehung war jedoch nur von kürzerer Dauer, erst anlässlich eines der ersten Klassentreffen mit meinen Mitschülern nach der Wende 1989 haben wir wieder Kontakt bekommen.

So konnte ich ihm nun beratend zur Seite stehen, als er den Verkauf seines ererbten Anwesens in der Margaretenstraße an die Katholische Kirche vorbereitete. Sie hatte hier nach 1946 in einem ehemaligen Stall ihr Dauer-Domizil gefunden, denn viele Umsiedler katholischen Glaubens aus den Sudeten fanden in Hohen Neuendorf eine neue Heimat.

Seine Großmutter hatte das Anwesen in Hohen Neuendorf nach Kriegsende 1945 als Schweizer Eigentum zu retten verstanden und über diese Tage Interessantes aus Hohen Neuendorf aufgeschrieben und veröffentlicht.

1994 besuchten wir Landolf von Muraldt in seiner Schweizer Heimat, wo er ein Zahntechniklabor betrieb. Er lebte in Ehe mit einer Thailänderin und hatte eine Tochter. Bald danach ist er mit dem Wissen um die materielle Sicherstellung seiner Frau und Tochter an Krebs verstorben.

„Religion sehr gut, was?"

Sparkasse in der Nazizeit, mit Blaskapelle
Sparkasse in der Nazizeit, mit Blaskapelle
Aus der Hubertusstraße waren wir 1937 in den Neubau von Tante Else und Onkel Hans mit der Kreissparkasse in der Schönfließer Str. 18 gezogen, die inzwischen zur "Straße der SA" umbenannt worden war. Wir wurden Hausmeisterleute.

Nach wie vor machte ich mich traditionsgemäß nach Erhalt meines Zeugnisses wieder auf den Weg zu Onkel Hans in die Hubertusstraße zur Vorlage meiner Leistungsbewertung. Kam ich nicht gleich, erfolgte der Marschbefehl über den Telefon-Nebenanschluss, dessen Nummer ich noch heute im Kopf habe: Brkw. 2600.

Aus dem anfänglichen: „Na, in Religion wieder eine 1", seiner steten Redewendung bevor er überhaupt Einsicht in mein Zeugnis genommen hatte, war ein anteilnehmendes Interesse geworden. Tante Else und Onkel Hans waren immer noch kinderlos. Sie waren mir - wegen ihrer permanenten Einflussnahme sicher nicht immer zur Freude meiner Mutter - zu zusätzlichen „Zweiteltern" geworden. Doch immerhin fiel die eine oder andere Kleinigkeit für mich ab, die meine Eltern nicht zu kaufen brauchten.

Im gleichen Jahr 1937 hatte mich Lehrer Mitzlaff von sich aus für den Besuch der Mittelschule in Birkenwerder angemeldet, für mich sogar eine Freistelle (ohne Schulgeld) erwirkt. Mein Vater sah eine weiterführende Bildung unter dem Gesichtspunkt einer möglichst schnelleren, finanziell entlastenden Berufsausübung nach 8 Schuljahren anders. Mutter erfuhr erst zu einem späteren Zeitpunkt, dass ich der Aufnahmeprüfung an der Mittelschule unbegründet, weil unwissend, ferngeblieben war. Es war zu spät.

Dankenswerter Weise erwirkte Lehrer Mitzlaff 1939 bei meinen Eltern und dem im Ort wohnenden Direktor eines Gymnasiums, Herrn Dr. Figur, doch noch die Anmeldung zur Eignungsprüfung an einer Berliner Aufbauschule. Sie war geschaffen für Späteinsteiger, die das Abitur schon nach sechsjährigem Besuch machen mussten: Das „Lessing-Gymnasium", eine Oberschule für Jungen in der Pankstraße 18 in Berlin-Wedding. Wie ich heute weiß, war die Aufnahme in dieser Schule für meinen Lebensweg eine bedeutsame Entscheidung.

Ich lernte an ihr Gott sei Dank nie die Turnhalle richtig kennen, denn Geräteturnen, wo man sich so arg die Knochen stoßen konnte, war nie mein Ding. Sie wurde schon bald mit Getreide als Kriegsnahrungsreserve aufgefüllt. In späterer Kriegszeit lernte ich dafür um so besser das Dachgeschoss kennen, als bei den ersten Bombenangriffen immer zwei Schüler im Wechsel mit anderen als Nachtwache den Boden des Gymnasiums nach Brandbomben abgehen mussten.

Am hinteren Schulhof, der in den Pausen nur den älteren Schülern vorbehalten war, floss die Panke vorbei, wo experimentierfreudige Gymnasiasten mit aus dem Chemieunterricht entwendeten Chemikalien den Effekt des Brennens auf Wasser ausprobierten. Ich glaube es war Kalium oder Natrium. In Chemie war ich mehr als schwach.


Ein Blick in die Gehaltsliste meines Vaters zu dieser Zeit um 1939 zeigt, dass er 271 Mark im Monat verdiente. Dies bedeutete bei monatlich 7.50 Fahrgeld und 25.- Mark Schulgeld, einen Anteil von 12% seines Bruttoverdienstes. Ein hoher Preis für meine Bildung. Doch bei dem Gehalt meines alleinverdienenden Vaters gewährte mir die Schule auf Antrag eine halbe Freistelle. Wieder bekam ich die Zuneigung von Tante und Onkel aus der Hubertusstraße zu spüren, sie übernahmen die Zahlung des Schulgeldes.

Beide gaben eigentlich immer! Anfang der 50-ger Jahre für mich und Uschi oft mehr, als sie eigentlich noch zu geben in der Lage waren. Es gab Zeiten, in denen Onkel Hans aus Freude am Geben sinnbildlich von 10 Mark im Portemonnaie noch 2 Mark für uns für den Kinobesuch im Mercedes-Palast erübrigte. Als Jungvermählte besuchten wir sie fast jedes Wochenende in Berlin, um ihnen im zunehmend schlechter gehenden Geschäft für Weißwaren und Tuche zu helfen, gemeinsam Kaffee zu trinken und zusammen Halma zu spielen.

Lofflers In Hermsdorf
Lofflers In Hermsdorf
Auf Lofflers Terasse
Auf Lofflers Terasse
Bei Tante Else und Onkel Hans gab es immer ein offenes Haus. Was für die Geschwisterfamilien Tante Friedas "Hermsdorf" im Freien war, war für uns und die Geschwister von Onkel Hans immer der Wohnbereich in der Hubertusstraße mit seinem Garten und dem unbebauten Grundstück nebenan.

So war es auch Weihnachten. Der Gänsebraten von Tante Else kam stets verspätet auf den Tisch, war häufig nicht ganz gar und immer Gegenstand der Diskussion. Schon bevor die Weihnachtsgans auf dem Tisch stand hieß es: „Na, ist sie auch durch?"

Ich erinnere mich auch an ein Silvester, als ich um 24 Uhr in meiner oftmaligen Schlafstelle in der Mädchenkammer von Tante Else und Onkel Hans durch den Lärm erwachte, die Gesellschaft geschmückt und angeheitert erblickte und schlaftrunken ins neue Jahr die Worte schmetterte:

Wisst ihr wie ihr ausseht? Wie die Schweine!

und damit, für mich unverständlich, einen großen Heiterkeitserfolg erntete.

Tante Friedas Laden
Tante Friedas Laden
Zu Geburtstagen kamen dann die zahlreichen Geschwister von Onkel Hans dazu. Schwester Käthe, die stolz als Ehefrau den Bankdirektor Bruno L. vorzeigen konnte, Grete, die glücklich Spät-verheiratete, Alice, die stille, fleißige Unverheiratete, die ihrem Bruder, Maurer Willi, sehr ähnelte, dem „Kleenen", wie alle sagten. Dann war da noch Bruder Seppel mit Wanda und Sohn Peter. Hinzu gesellte sich Tante Elses Schwester Frieda mit ihrem Hermann Hoheisel, Gemüsehändler im Kellergeschäft eines Miethauses in der Friedenstrasse Berlin, in dessen hinterem kleinen Raum es so schön nach Essen roch, wenn es mal zu ihnen ging. Tante Frieda drückte mich dann an ihre großen „Büsen", oft durfte ich mit Onkel Hermanns Dreiradgefährt (im Volksmund Dreikantfeile genannt) mit zum Gemüseeinkauf in die Berliner Halle fahren.

Hier sah ich erstmals, wie die nach der Kristallnacht 1938 mit dem Judenstern auf der Kleidung gekennzeichnete Juden heruntergefallenes Gemüse von der Straße klaubten, bekam jedoch nur unzureichende, ausweichende Antworten auf meine Nachfragen. Ein ungeliebtes Thema, zu dem sich unter meinen Verwandten kaum jemand mir gegenüber äußerte.

Das Stimmengewirr zu Weihnachten und zu anderen Gelegenheiten im Wohnzimmer der Hubertusstraße wurde nur von Streitgesprächen der Skatrunde im nebenan liegenden Herrenzimmer übertönt. Über den runden Tisch war eine grüne Filzdecke mit dem unter der Tischplatte befindlichen Gummizug gespannt. So glitten die Skatkarten beim Aufnehmen leichter über den Tisch. Aber auch das Geld, denn es wurde immer um Geld gespielt. Dann saß ich neben Onkel Hans, durfte für ihn einkassieren oder an Mitspieler auszahlen. Ersteres tat ich häufiger, denn Onkel Hans war eine Spielernatur, die auch mal etwas riskierte und oft Glück hatte. Häufigster Mitspieler war Onkel Hermann. Er hatte ausgearbeitete Hände wie ein mittelgroßer Kochtopfdeckel und eine spiegelblanke Glatze, über die ich ihm auch streichen durfte. Er schaute mich dann lieb an, denn auch er hatte mit Tante Frieda kein Kind. Onkel Hermann trank gern ein Bier, hatte wache Augen, in den Mundwinkeln zogen vom vielen Sprechen ein paar Speichelfäden. Hier saß meist eine Zigarre, die Bude war ohnehin vom vielen Rauchen aller anderen immer blau verqualmt. Bruno L. war nur gelegentlich mit in der Runde, dann jedoch der Besonnenste. Spielte der „Kleene", Bruder Willi mit, verlor er meist, denn er konnte sich zu wenig merken beim Skatspiel. Onkel Hans ähnelte in seinem Wesen sehr seinem Bruder Joseph, dem Seppel. Er war Tapezierer und Dekorateur mit eigenem Geschäft in Berlin-Reinickendorf, bei dem auch der Hohen Neuendorfer Polsterer Gerhard K. einmal tätig war.

Es war schon beinahe eine Bank, Hans und Seppel lagen bei jedem Skat im Clinch. Seppel musste öfter von seiner Frau Wanda in seiner Erregbarkeit wieder beruhigt werden. Sie stritten fast immer: „Hättest das Spielen müssen, wäre dann so richtig gewesen, wenn, dann hätte, müsste man doch gemerkt haben, wolltest wohl den Kleenen schonen, hast gemauert" und was es beim Skatspiel noch so alles zu sagen gibt.

Skatrunde in Gerswalde
Skatrunde in Gerswalde
Verlieren wollte keiner und so wurden manchmal aus Verärgerung alle Karten einfach auf den Tisch geschmissen. Meist fand man aber wieder zueinander, dafür spielten alle zu gern Skat. So lernte ich beizeiten, wie man sich beim Skatspiel nicht verhalten sollte. Mit dieser Erfahrung habe ich auch nie in einer Gaststätte den sogenannten Bierlachs mitgespielt, wo der Verlierer eine Runde Getränke ausgeben musste. Hierbei gab es nur einen Gewinner, den Wirt. Das Kartenspiel war in meiner Erinnerung immer mit Streit verbunden. Noch heute habe ich keine rechte Freude daran. Wenn ich heute beim Preisskat des Kegelklubs einmal im Jahr mitspiele, heißt mein geflügeltes Wort: „Skatspielen kann ich nicht, nur rumreißen!"

So verbrachte ich manche Stunde am Tisch der Skatrunde im Herrenzimmer. War Onkel Hans Gewinner, nahm er sich mit seiner auffällig kleinen Hand große Geldstücke und ließ mich oft gönnerhaft den Rest einstreichen. Bei diesem Skatspiel war ich immer der Gewinner. Eben: „Religion sehr gut!"

Dass ich ganz nebenbei das Skatspiel gut erlernte, bekamen mein Großvater Ludwig und sein Bruder Franz aus Herzfelde später zu spüren, als sie einmal mit mir in Buchholz spielten: „Nu kiek mol eener an, die Bengel treckt uns Ollen övern Tisch!"

„Geistig sehr rege, aber vorlaut!"

So stand es bald im Kopf eines meiner ersten Zeugnisse am Lessing-Gymnasium. Fast zeitgleich mit dem Wechsel der Schule nach Berlin war am 1. September 1939 der 2. Weltkrieg ausgebrochen. Nicht nur so, oder wie man uns Glauben machen wollte durch Übergriffe der Polen. Nein, es war Hitlers Marschbefehl, der den Einmarsch nach Polen befahl. Der propagandistisch vorbereitete Anlass dazu wurde mit einem von den Nazis erlogenen Vorfall begründet. Es waren nicht polnische Soldaten, die in der Nacht den deutschen Sender Gleiwitz im Westen Oberschlesiens überfallen hatten, sondern in polnische Uniformen gekleidete SS-Angehörige. Doch auch unsere Familie glaubte dieser Lüge der Nationalsozialisten.

Volk ohne Raum" und „Großdeutschland" waren die Ziele, die Hitler schon in seinem Buch "Mein Kampf" vorher der Welt mitgeteilt hatte. Hätten es doch viele Menschen vorher gelesen, nicht wie ich erst nach dem Ende dieses fast sechs Jahre dauernden Krieges, der über 50 Millionen Tote, und noch mehr Millionen Trauernder, Verwundeter, Vertriebener, Entehrter, Verwirrter, Halb- und Vollweisen zurückließ. Der dazu noch den Keim der Vergiftung zwischenmenschlicher Beziehungen von Völkern unterschiedlicher Nationalität und Rassen hinterließ; teilweise eine bis heute wirkende, mit Neid und Hass angereicherte, neue Zwietracht. Ja, sogar Menschen hervorbrachte, die historische Wahrheiten als Lüge bezeichnen (Auschwitz-Lüge).

Dieser Krieg bescherte uns am Lessing-Gymnasium eine ältere Lehrerschaft, denn die jüngeren Lehrer wurden zur Wehrmacht eingezogen. Dies scheint für meine geistig-weltanschauliche Entwicklung von Bedeutung, waren es doch vorrangig in humanistischer Tradition stehende Lehrer, die uns nun unterrichteten. Sie vermittelten uns in Sinne der Ringparabel aus dem „Nathan" weltanschauliche Ansichten, bei denen die Frage, welches denn die beste Religion sei, auch für unsere vielleicht unterschiedlichen weltanschaulichen Gedanken offen blieb. Unter den Lehrern auch mein in Hohen Neuendorf, Margaretenstraße 1 wohnender Direktor des Gymnasiums Dr. Figur, der ein erstes Gespräch mit mir führte und mein erstes Zeugnis unterschrieb. Zu ihnen gehörten auch mein erster Klassen- und Biologielehrer Dr. Bothe aus Lübars in Berlin-Reinickendorf und die einzige Frau als Lehrerin unter den Männern, Frau Studienrätin Kirsten. Sie unterrichtete Mathematik und wurde meine zweite Klassenlehrerin.

Lehrerschaft am Lessing-Gymnasium
Lehrerschaft am Lessing-Gymnasium
Unter der mich unterrichtenden Lehrerschaft hatten wir auch zwei „Braune", die in den von ihnen erteilten Fächern kaum Schaden anrichten konnten: Kleiber, den Sportlehrer, der uns "schnell wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl" (Hitlers Wortwahl) machen wollte. Dann Schütze, den Zeichenlehrer, der uns bald nur noch Panzerkreuzer mit großen Reichskriegs- oder Hakenkreuzflagge malen ließ. Stets trug er am Revers das Goldene Parteiabzeichen, das ihn als Mitglied der NSDAP mit dem Eintrittsdatum vorMachtübernahme Hitlers im Jahr 1933 auswies. Wir nannten ihn auch Knochenkarl, weil er die mitgebrachten Altstoffe der Schüler registrierte. Nach den anfänglichen militärischen Okkupationserfolgen der Wehrmacht wuchs der Widerstand von innen und von außen, verknappte sich das eine oder andere, Rohstoffe wurden gebraucht und jeder Schüler wurde zur Abgabe von Altstoffen verpflichtet. Dies lies uns singen: „Lumpen, Flaschen, Knochen und Papier - ausgelutschte Büchsen sammeln wir!" Selbst leere metallene Zahnpastatuben wurden gesammelt.

Etwas blieb von den beiden Paukern aber erhalten: Meine Freude am Handballspiel, und dass ich nichts wegwerfen kann. So auch nicht die Dokumenten, die nun meinen Aufzeichnungen zugute kommen.

In meiner Erinnerung leben aber auch noch mein Deutschlehrer Dr. Pekrun, der ein Buch zur deutschen Rechtschreibung schrieb. Weiter der Deutschlehrer Haase, der stets einen Gehstock mit einer silbernen Krücke nutzte, der Englischlehrer Schreer, der mir meine erste Ohrfeige verpasste, und der Physikleher Arthur Satow, genannte „Atze", der sich als leidenschaftlicher Höhlenforscher immer leicht vom Schulstoff abbringen ließ, um sich seinem „Hobby-Thema" zuzuwenden. Der Lateinlehrer Wilke, der mit seinen kleinen, dicken Brillengläsern und den verschränkten Händen auf dem Rücken bei nicht zutreffenden Antworten auf seine Fragen kopfschüttelnd "Mumpitz, Mumpitz" zu kommentieren wusste, derart, dass sogar die Wangen mit wackelten.

Kurzfristig war letzterer mein Deutschlehrer. Bei ihm kam ich nie auf einen grünen Zweig. Er bewertete meine Aufsätze stets mit befriedigend oder ausreichend. Er würde mit Sicherheit meine jetzigen Aufzeichnungen so zerrupfen, wie meine damaligen Aufsätze, dass es mir leid wäre, weiterzuschreiben.

Als in den Schulen durch Regierungserlass der Hitlergruß zu Beginn einer Unterrichtsstunde befohlen wurde, hatte Herr Vietze seine eigene, schwer anfechtbare, Ausführung gefunden. Er betrat das erhöhte Tisch-Katheder im Klassenraum mit den Lehrbüchern in der rechten Hand, hob damit den Arm in die Höhe und warf mit den Worten "Heil Hitler" die mitgeführten Utensilien auf den Tisch. Wir dachten uns unsern Teil dabei, denn in meiner Klasse gab es meines Wissens keinen Schüler, der dem Nationalsozialismus besonders zugetan war, obwohl alle Mitglieder der Hitler-Jugend waren. Erst nach dem Krieg erfuhr ich, Vietze war ein alter SPD-Mann.

Nein, ich war den Zensuren nach kein guter Schüler. Ich musste mir auch alles allein erarbeiten, hatte keine Eltern, die mir helfen konnten, besaß keine eigene Hausbücherei, keine Lexika, in Hohen Neuendorf keine Klassenkameraden für Nachfragen, kein Telefon, keinen Computer. Mit teuren Schulbüchern war ich ganz auf mich selbst angewiesen, hatte durchschnittliche Zensuren. Aber mit der Wort-Beurteilung:

Geistig sehr rege, aber vorlaut, charakterliches Streben einwandfrei

war ich zufrieden.

Auch in meiner späteren 40-jährigen Zeit als Lehrer habe ich die Erfahrung gemacht, gute Zensuren sind nicht alles, aber eine hilfreiche Voraussetzung. Charakter, abendländische und christliche Moral- und Ethikwerte, Wille, Fleiß, menschliche Zugänglichkeit und anderes sind bedeutsamer. Dazu dann etwas Glück, ein intaktes Elternhaus, gute Freunde sowie der passende Lebenspartner, all das sind wichtigere Weichensteller für erfolgreiche Lebensabläufe als Zensuren. Für mich kommt vielleicht auch noch ein Schuss preußischer Tugend dazu: „Wenn einer eine Sache seiner selbst willen tut, ohne Aussicht auf Belohnung !" So resümiere ich denn vielleicht heute im Alter von 86 Jahren etwas selbstherrlich :

Ja, ich habe mit dieser Erziehung durch Eltern, Schule und mit meinen gewählten Prämissen mein Leben bisher gemeistert!

"Wollt ihr den totalen Krieg ?"

Wir schrieben das Jahr 1942, der Widerstand der Gegner Deutschlands wuchs, erreichte bald mit Angriffen der englischen Luftwaffe deutsche Städte und auch Berlin. Bomben in der Heimat, eine für viele doch ernüchternde neue Erfahrung nach den mit klassischer Musik angekündigten Fanfarensignalen von Radio-Sondermeldungen anfänglicher Siege zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Grabkreuz Ludwig Köpke
Grabkreuz Ludwig Köpke
Der rhetorisch begabte Propagandaminister des wahnwitzigen Führers Hitler war ein Dr. Joseph Goebbels, ab 1944 auch „Generalbevollmächtigter für den totalen Krieg". Er musste immer aktiver werden, um aufkommende Kriegsmüdigkeit durch geschürten Hass und Zwecklügen im Keim zu ersticken. Wer einmal im Radio den Geiferer Goebbels hat schreien hörte: „Wollt ihr den totalen Krieg" und den Antwortschrei entfesselter Nazis in einer Halle „Ja", dem lief ein Schauer über den Rücken. So jedenfalls mir und meinem Vater, der schon einen Krieg erlebt hatte. Mutter musste in ihrer Familie Koepke 1914 den Tod ihres Bruders Ludwig und ich im 2. Weltkrieg den Tod meines Cousin Ludwig, wieder ein Erbhofbauer, beklagen.

Auch in mir wechselte im Denken das „Siegen möchten" in ein „Überleben wollen". Ich war in diesem Sinne nie eine Kämpfernatur, war ängstlich und kann mich an keine Schlägerei erinnern, drückte mich möglichst vor dem in der HJ (Hitler-Jugend) sportlich forcierten Boxkampf. Körperliche Gewalt ist mir zuwider. Es tat mir selbst weh, als ich später einmal, aber einmal zu viel, unserer Tochter den Hintern versohlte, wie man so sagt. Für mein Ausweichen vor körperlicher Auseinandersetzung nehme ich gern in Kauf, ein Feigling genannt zu werden.

Mit Beginn der Bombenangriffe auf deutsche Städte begann in Berlin die Evakuierung von ganzen Schulen, meist in die durch Deutschland besetzten Gebiete der Tschechei und Polens. Wir kamen zunächst in die Nähe von Skurz, zwischen Danzig und Graudenz gelegen. Nach meiner Ereinnerung war es eine polnische Landwirtschaftsschule mit Internatsräumen, die für uns Deutsche geräumt worden war. Sie lag etwas abseits des Ortes, den wir allein nicht aufsuchen durften, nur in Gruppen, oder wenn wir als Kolonne in die Stadt marschierten. Dabei trat ich meinem Vordermann, genannt Krambo, einmal versehentlich in den Hacken. Das veranlasste ihn, sich umzudrehen und mir einen Faustschlag zu versetzen. Er blieb unbeantwortet. Ich kam im wahrsten Sinne des Wortes mit einem blauen Auge davon und war wieder um eine Gewalterfahrung reicher.

Hier im westpreußischen Skurz wohnte eine fast ausschließlich polnische Bevölkerung. Sie war uns gegenüber nach dem Überfall auf Polen und der folgenden Besetzung nicht gerade wohlwollend gesonnen.

Wir wohnten zu mehreren in Zimmern, wer Glück hatte wie ich, nur mit weiteren fünf Mitschülern zusammen. Für den Unterricht und zur Aufrechterhaltung einer Ordnung war ein Teil unserer Lehrer mitgereist und im Gebäude untergebracht. Unterrichtet wurden in den wenigen vorhandenen Räumen. Raummangel und das altersbedingte Fehlen von Lehrern führten zu einer erhöhter Anzahl von Schüler in einer Klasse. Dazu kam die Streichung bestimmter Unterrichtsfächer und ein Austausch einzelner Fachlehrer von Berlin nach Skurz, der das Niveau und die Ergebnisse des Unterrichts in diesem Halbjahr weiter sinken ließ.

Ein eiskalter Winter für die nun weiter im Osten gelegene Schule führte teilweise zum Gefrieren des Wassers in den Waschschüsseln unserer Schlafräume. Kältebedingter erhöhter Harndrang ließ uns nachts zu den auf den Treppen stehenden Eimern gehen. Mitunter liefen sie über den Rand und die Flurtreppen verwandelten sich in eine Pisseeisbahn. Es war wirklich echt schlimm.

Ohne elterlich mahnende Worte, nicht nur der Zar war sprichwörtlich weit, auch unsere Lehrer waren es, begab ich mich einmal bei großem Frost auf eine Eisfläche. Es machte Spaß, die sich beim Betreten unter der Eisdecke bildenden Wasserwellen im noch dünnen Eis durch Körperschwung sichtbar zu erzeugen. Ich brach in Ufernähe bis zur Hüfte ein. Als ich wieder im Lager eintraf, war meine Hose steif gefroren. „Mutter, wenn du wüsstest!", mag mir durch den Kopf gegangen sein.

Hier in Westpreußen lernte ich so meine erste Lektion zur Meisterung des Lebens, 15-jährig, ohne elterliche Hilfe auf mich selbst gestellt, als Einzelkind ungeübt im sozialen Verhalten in einer Gruppe über den längeren Zeitraum von mehr als einem halben Jahr.

In den Zimmerkollektiven liefen hier mir nicht bekannte Spielchen ab. So Abstrafungen durch „Klassenkeile" oder „Gruppenschlachten" von Zimmern gegeneinander. Die Tür wurde mit einer Schnur mit einem wassergefüllten Behälter verbunden, der sich bei unerwünschtem Betreten des Schlafraumes über die Klassenkameraden anderer Zimmer ergoss. Dann die berüchtigten „Kissenschlachten", die uns manchmal wegen herumfliegender ausgetretener Federn kaum atmen ließen.

Beliebt war auch das „Durchfallspiel". War man jemandem nicht gut gesonnen, erfuhr sein Bett eine besondere Präparation. Matratzen und Federböden waren für uns unbekannte Größen, unsere Strohsäcke ruhten auf Brettern. Sie lagen quer auf einer seitlichen Leiste und konnten durch eine Schrägstellung in ihrer Funktion so verändert werden, dass man „durchfiel", wenn man sich ins Bett legte. Armer Untermann!

Nicht selbst erlebt, doch angewendet, war die Methode „Bettnässer". Hatte jemand beim Schlaf seinen unter dem Kopf liegenden Arm gestreckt mit nach unten hängender Hand aus dem Bett heraushängen, wurde die Hand in eine Schüssel mit lauwarmem Wasser getaucht mit der Wirkung, die dieser Methode den Namen gab.

Ungeteilte Freude bereiteten auch Meisterschaften im sogenannten „Sechser-Stoß". Hierbei wurde eine Sitzbank mit den 6 Beinen nach oben auf einen längeren Tisch gelegt. Die Tischhöhe war etwa auf Höhe der ein Quadratmeter großen Lücke zwischen den Bettpfosten an den Enden eines hölzernen Doppelstockbettes. Nun trat eine Mannschaft von 6 Schülern jeweils an ein Bein und suchte der Bank durch Hin-und Herschieben letztlich einen so großen Schwung zu verleihen, dass ein Zwischenraum von Tisch zur Bettlücke überwunden wurde, die Bank auf dem unteren Bett zu liegen kam. Als Sieger aus diesem lautstark angefeuerten Wettkampf ging die Mannschaft mit dem größten überwundenen Abstand Tisch-Bett hervor, der vorher vermessen wurde. Das Spiel hatte erst ein Ende, als einmal statt der Lücke zwischen Ober-und Unterbett ein tragender Bettpfosten getroffen wurde und zersplitterte.

Ein ähnliches Spiel fand dann in Bromberg (ebenfalls in Polen) statt, wohin wir später verlegt wurden, der „Tigersprung". Dabei sprang jemand vom Doppelstockbett so an einen entfernt stehenden Schrank, dass er sich an der Oberkante festhalten musste, ohne auf den Boden zu gleiten. Auch hier bestimmte der Abstand Bett-Schrank den Meister. Liebe Enkel, Urnenkel usw., probiert es nicht, auch ich war nur Zuschauer dieses gefährlichen Unsinns, andere nannten oder nennen es vielleicht Wehrertüchtigung.

Hier in Bromberg erlebte ich auch eine besondere Art der Wehrertüchtigung. Ich musste zusehen, wie ein uniformierter deutscher Polizist eine Gruppe von Polen militärisch schliff, seinen Befehlen zum Hinlegen und „auf marsch, marsch!" mit dem Gewehrkolben lustvoll Nachdruck verlieh. Ich mochte gar nicht hinsehen, so erinnere ich mich. Als ich dann auf einen Friedhof in Bromberg geführt wurde, mit vor kurzer Zeit aufgeworfenen Gräbern und Kreuzen einer sechsköpfigen Familie mit deutschen Namen, ermordet, wie mir erklärt wurde, wuchs in mir eine große Zwiespältigkeit über Recht und Unrecht, Vergebung und Rache, Wahrheit und Lüge, deren Kluft mit fortschreitendem Lebensalter in mir eher größer als kleiner wurde.

Von den Vorgängen in Konzentrationslagern hatte ich noch nicht einmal gehört. Selbst wer den süßlichen Geruch verbrannten Fleisches in der Umgebung Sachsenhausens wahrnahm, getraute sich nicht darüber zu sprechen oder gar Vermutungen auszusprechen. Doch gesehen habe ich KZ-Insassen schon. Als Schüler machte ich um 1937 einen Heimatkundeausflug zur Schleuse Lehnitz bei Oranienburg, sah dort am Klinkerwerk (heute Gedenkstätte) Sträflinge in gestreifter Kleidung arbeiten, wie sie in vier Reihen gepfercht hintereinander sitzend auf einem offenen Lastkraftwagen verladen wurden. „Zuchthäusler", sagte der Lehrer, und wir verließen schnell den Ort mit „Mördern und Gewalttätern".

„Führer befiehl, wir folgen!"

"Führer befiehl, wir folgen!" - so eines dieser eingepeitschten bedingungslosen Gehorsamsbekenntnisse aus dem Propagandaministerium des Dr. Joseph Goebbels. Nach einem halben Jahr sogenannter „Kinderlandverschickung" (KLV Lager) kamen wir 1943 nach Berlin zurück - und lernten mit dem Geheul der Sirenen bei Fliegeralarm zu leben. Wir als Randberliner waren da nicht so gefährdet. Die zur Markierung der Bombenziele gesetzten Leuchtkaskaden, von bedrohten Menschen sarkastisch auch „Christbäume" genannt, beobachteten wir wie ein fernes Feuerwerk. Nur das folgende, dumpfe Grummeln erinnerte an Explosionen von Bomben und Granaten, die immer die Falschen treffen.

Wir hörten bei offener Tür des mit Balken abgestützten Luftschutzkellers unseres Hauses in der „Straße der SA" (jetzt wieder Schönfließer Str.) das Pfeifen herabstürzender Metallsplitter geborstener Flugabwehrgranaten. Die Glassplitter zerborstener Schaufenster jüdischer Geschäfte der Kristallnacht vom 9. November 1938 schlugen zurück!

Schulkinder wetteiferten tags danach, wer die meisten dieser auch todbringenden Granatsplitter gefunden hatte, behandelten sie wie Trophäen, die Opfer dieser Luftangriffe dabei vergessend, die der Kristallnacht waren es schon längst.

Nach solchen Bombennächten wussten wir nicht, ob die S-Bahnstrecke die Nacht unbeschadet überstanden hatte. Es war nicht ungewöhnlich, auf den Schienen schon mal von einer Station zur anderen laufen zu müssen. Von Hohen Neuendorf bis zu meinem Zielbahnhof Humboldthain gab es dafür 10 Stationsmöglichkeiten. Man war in Gesellschaft mit Fahrschülern anderer Schulen in Berlin, freute sich sogar, wenn dann Unterrichtsausfall war und Hausaufgaben nicht kontrolliert werden konnten. Unsere Schule im Wedding blieb aber immer von Zerstörung verschont, bis wir das Gebäude bald aus anderen Gründen verlassen mussten.

Mit der mörderischen „Schlacht um Stalingrad" zeichnete sich schon die Wende im Kriegsgeschehen ab. Aus dem siegreichen Vormarsch entwickelte sich ein chaotischer, verlustreicher Rückzug. Statt eines zu dieser Zeit noch möglichen annehmbaren Friedensabschlusses, rief der große Zampano Hitler „seine" Kinder zu den Waffen.

Im Januar 1943 wurden wir alle eingezogen und sogenannte Luftwaffenhelfer. Nein, alle nicht, unser Mitschüler Horst Hatscher blieb in Zivil. Als Sohn eines Pfarrers war er als einziger kein Mitglied der HJ (Hitler Jugend), die als solche zur Leistung dieses Wehrdienstes gerufen wurde. Darum bekamen wir zu unserer neuen grauen Uniform auch eine schöne Hakenkreuzarmbinde. Sie wird auf Bildern aus dieser Zeit aber seltener zu sehen sein. Selbst unter Androhung von Strafen wurde die Armbinde entfernt und durch einen Luftwaffenadler auf der Brustseite ersetzt. Bald wurde dies stillschweigend geduldet, denn die politischen Kräfte des Landes hatten zunehmend andere Sorgen. Von uns war das jedoch keine ausschließliche politische Entscheidung. Wir wollten nicht als Hitlerjungen, sondern als erwachsene Soldaten angesehen werden, so stolz wie wir Verblendeten schon oder noch mit unsern 16 Jahren waren.

„Ziel erfasst - feuerbereit !"

Luftwaffenhelfer Siebert
Luftwaffenhelfer Siebert
„Ziel erfasst - feuerbereit!" war der erste Satz, den ich als Luftwaffenhelfer erlernen musste. Auf dem „Kahler Berg" bei Berlin-Lübars wohnten wir in Baracken. Hier zum Teil in 3-stöckigen Betten, deren oberes nicht sehr gefragt war. Oben war es zu warm, und man war Erstgefährdeter durch aus den Ritzen der Holzdecken in der Nacht herabfallende Wanzen. Durch die Nachtalarme oft übermüdet, schlief man tief und war am Morgen mit bis zu 15 Wanzenstichen in fortlaufender Linie über den Körper „verziert".

Unsere Unterbringung in den Baracken war wie sortimentsbereinigt. Je nachdem, für welchen Waffendienst wir ausgebildet wurden, lagen die Baracken über das Gelände weit verstreut, meist in eine schützende Mulde hineingestellt, möglichst nahe dem Einsatzort: Geschütz, Funkmeßgerät, Leitstand oder Umwertung.

Es gab auch eine Großbaracke mit Schreibstube, Fernsprechvermittlung und einer Kantine für uns etwa 100 Essensteilnehmer sowie mehreren Stuben für die in diesen Bereichen eingesetzten Mitschüler. Schüler? In welchem Sinne eigentlich Schüler? Schüler fürs Erlernen des Kriegshandwerks!

Mein Freund Hanne und ich hatten Glück, wir wohnten in der großen Baracke, hatten kurze Wege zum Essen und zu unserem Einsatzort, für mich der Leitstand und für Hanne die Umwertung. Andererseits hatten wir aber auch Pech, denn neben uns hatte der Spieß sein Zimmer, uns immer im Visier und gleich bei den Ohren. Unzählige Male robbten wir Teilstrecken zum Appellplatz wegen unserer oft gezeigten Aufsässigkeit gegen diesen Drill.

Auf dem Leitstand war auch der Batteriechef mit seinem Fernglas, er gab den Feuerbefehl nach unseren Vorleistungen. Hatten Scheinwerfer ein Flugzeug in etwa 7000 bis 8000 Meter Höhe über Berlin erfasst, suchten wir mit einem schwenkbaren, optischen, vier Meter breiten Scherenfernrohr, das im Prinzip wie ein Fernglas aufgebaut war, das Ziel zu erfassen. Durch den vier Meter großen Abstand zwischen den aufnehmenden Linsen war ein räumliches Sehen möglich und gestattete die Entfernung zum Flugobjekt genauer zu bestimmen. Dazu war die Deckungsgleichheit zweier Rhomboide über ein Okular herzustellen. Es bedurfte der Fähigkeit räumlichen Sehvermögens des K 2, um das zu bewerkstelligen. Der K 2 war ich. Diese Fähigkeit hatte man bei mir mit einer Untersuchung im Luftschutzbunker Humboldthain am S-Bahnhof Gesundbrunnen festgestellt, wozu ich vorher zwei Stunden in einem völlig dunklen Raum verbrachte. Seitdem weiß ich, mein Pupillenabstand beträgt 65 Millimeter, ich bin sehr gut nachtsehtauglich und auch heute noch sehr empfindlich gegen stärkeres Licht bei Nachtfahrten im Auto, nicht nur wegen größerer Lichtempfindlichkeit im Alter.

Hatten wir eines von den feindlichen Flugzeugen einer Staffel erfasst, löste der Schrei „Ziel erfasst!" in der Batterie weitere Aktivitäten aus. Auf dem Leitstand setzte ein Stimmengewirr der verschiedensten erfassten und errechneten Werte ein, wie Flugzeugtyp, Höhe, Entfernung, Reichweite, Geschwindigkeit, Richtung. Zu den sechs Geschützen wurden diese Erfassungswerte übermittelt, anfangs akustisch, bald schon elektronisch deckungsgleich an der Kanone eingestellt. Bis zur Meldung der Leitstelle an Batteriechef „Batterie feuerbereit!" waren in der Regel kaum 30 Sekunden vergangen. War das so geortete Flugzug in Schussreichweite der Batterie, befahl der Batteriechef: „Feuer!"

Mein Freund Hanne war vor Granatsplittern oder Bomben geschützter, er hatte unter dem Leitstand in einem gesicherten Bunker seinen Gefechtsstand. Hier befasste er sich ausschließlich mit dem zeichnerischen Festhalten der Werte und Meldungen auf einer Karte, hörte Befehle der Regimentsleitstelle ab, verfolgte die Radiomeldungen zu den anfliegenden Staffeln, meist aus dem Raum Braunschweig/Hannover. Durch einen Ausguck hatte Hanne auch Blick- und Sprechkontakt zum Batteriechef auf dessen Gefechtsstand, für Nachfragen.

Diese Fertigkeiten zum Gefechtsablauf wurden täglich geübt, mitunter auch als „Scheinangriff" auf Ziele, die am Tage von eigenen Flugzeugen als Attrappen hinter sich über den Himmel gezogen wurden. So konnten aus den tatsächlichen und von uns ermittelten Werten Schlussfolgerungen über den Leistungsstand der Batterie gezogen werden. Im Ernstfall durfte sich jede Batterie für einen errechneten Abschuss einen weißen Ring ums Kanonenrohr malen, es war gewissermaßen wie ein Wettbewerb über erfolgreiche Abwehr eines Feindes, aber bedeutete auch Tötung von Menschen. Aus gegnerischer Sichtweise war es das Gleiche. Krieg heißt auch Morden!

Ich würde lügen, wenn ich ein Interesse an dieser Militärtechnik leugnen würde, konnten wir doch auf diesem Gebiet Bezüge zum erlernten Wissen in den naturwissenschaftlichen Fächern herstellen. Als dann die Funkmeßgeräte mit ihren großen Parabolspiegeln in den Batterien Einzug hielten, wurden über das Schulwissen hinausgehende Kenntnisse vermittelt. Dieses Gerät wurde bei uns fast ausschließlich von Luftwaffenhelfern/Gymnasiasten unter einem aus Österreich stammenden Wachtmeister bedient. Auch das Morsen erlernten wir hier. Unausgelöscht die Folge . ... ... . -. gleich „Essen", das zum Schluss des Morseunterrichtes uns die Kopfhörer abnehmen ließen.

Der unerträgliche Drill in unserem „Soldatenleben" passte uns nicht. Vieles wurde geregelt über die überall vorhandenen lautstarken Klingeln, die mich noch heute erschreckt zusammenfahren lassen. So bedeutete drei Minuten laufend kurz „Voralarm für Fliegerangriffe"; drei Minuten laufend lang „Alarm". Die Batterie musste bei Alarm in etwa vier bisfünf Minuten feuerbereit sein, auch nachts. So manches Kleidungsstück wurde erst am Gefechtsstand angezogen, selbst im Winter.

Auch der „normale" Tagesablauf wurde für uns „schulangepasst" über das Klingeln gesteuert. Drei mal kurz „Fertigmachen zum Raustreten" (wir alle standen hinter den Türen); drei mal lang „Raustreten" (mehr Rausstürmen) zum Appellplatz auf die Anhöhe „Kahler Berg"... Oft wurden wir direkt auf dem Wege dorthin schon vom Spieß (Hauptwachmeister) mit den Worten empfangen: „Das nennt ihr schnell? Hinlegen! Auf marsch, marsch! Hinlegen! Auf marsch, marsch!" usw. usw.

Spieß John war ein gehasster Typ. Wir ließen auch keine Gelegenheit aus, ihn auf "gehobener Ebene" manchmal zur Weißglut zu bringen. Gebrauchte er einmal bei der Steigerungsform statt „als" das „wie", murmelte die ganze Front der angetretenen etwa 80 Luftwaffenhelfer vor sich hin: „Als, Komparativ!" Einmal schrie er daraufhin mit aufgeregtem Fuchteln beider Hände vor dem Gesicht: „Ich bringe euch alle hinter Gittern!" Ja, er sprach es mit dem „n".

„Hinter Gitter", das war für uns der „Bunker", man kam in den „Bau" hieß es. Dies bei schmaler Kost und für drei Tage. Ironie des Schicksals, der „Bau" befand sich in der Baracke des Batteriechefs, Hauptmann Kuhn, ein an Malaria erkranker Infanterieoffizier aus dem Afrika-Korps. „Nun nehmen sie die Jungs mal nicht so scharf ran!", übte er schon mal mäßigenden Einfluss aus.

Es war nicht ungewöhnlich, wenn ein zum „Bau" verknackter Luftwaffenhelfer (LWH) zu Tisch beim Chef saß, eine Ordonanz das Essen auftrug. Unser nicht ungebildeter Hauptmann hatte wohl auch einmal das Bedürfnis, andere als batterieübliche Gespräche um Kämpfe zu führen, und da war ihm der Gymnasiast im Bau gerade recht. Hauptmann Kuhn war kein Berufsoffizier, wir ließen auf unsern Hauptmann nichts kommen. Sicher eine große Ausnahme.

Auf einen der Spieß-Wutausbrüche: „Kehrt, marsch, marsch!" reagierte unsere aufsässige Meute mit Ausgabe der Parole „08/15", der Bezeichnung unserer Geschützkaliber. Dann rannten die ersten wie Besessen nach hinten weg, während ein anderer Teil gemächlich dem Befehl folgte. Letztere reagierten auf den neuen Befehl „Achtung", die anderen rannten weiter, weil sie es (angeblich) wegen der großen Entfernung nicht gehört hatten. Die Langsamen schrien es ihnen dann im Chor hinterher. Sollten wir uns dazwischen auch noch hinlegen, dann war das Chaos vollkommen und der "Hühnerhaufen" nur schwer wieder in einer Front zu vereinigen. Die in unserer Batterie angetretenen etwa 20 Hiwis (Hilfswillige gefangene Russen), für die anfallenden Munitionstransporte an den Geschützen zuständig, wussten schon gar nicht, was da eigentlich abging.

War im Anschluss zur Marschübung „Ein Lied!" befohlen, wurde durch Weitergabe des Geheimcodes 08/15 beim Auftakt mit drei, vier automatisch folgendes Lied angestimmt: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie." So lagen wir zwar öfter im Dreck, aber mit der Genugtuung eines weißglühenden Spießes.

Wie mir bekannt, hat der Luftwaffenhelferkumpel Claus Hubalek aus Bergfelde über diese Dinge ein Drehbuch geschrieben. Eine Vielzahl ähnlicher Zeitgeschichten ließ sich bei ihm sicher nachlesen. H. ist auch Autor des Fernsehspiels „Der General", das in der Regie von Egon Monk produziert wurde. Monk war als Pantomimendarsteller in der Batterie unter uns Luftwaffenhelfern bekannt. Nach Kriegsende lernten beide noch bei Brecht das Theaterhandwerk, Monk war später einmal Intendant am Hamburger Theater.

Motorboot an der Havel
Motorboot an der Havel
Es gab aber auch als Luftwaffenhelfer sportliche Wettkämpfe. Ich war ein sehr guter Schwimmer. Auch das hatte ich meinem Onkel Hans zu verdanken, der mich als 8-jährigen einfach 1935 in dem sehr schönen Schwimmbad am Boddensee/Birkenwerder zum Kurs angemeldet hatte. Sicher dachte er dabei auch an eine Vorsichtsmaßnahme, wenn es mit seinem Motorboot von der Havelbaude zum Lehnitzsee ging, und ich mich dabei auf dem relinglosen Vorderdeck aufhielt. Morgens um 8 Uhr, als noch keine Badegäste da waren, legte ich meine Schwimmprüfung ab, der Bademeister fuhr mit seinem Ruderboot neben mir her. Als ich nach 40 Minuten das Wasser verließ, hatte ich meinen „Freischwimmer" gemacht, nur 5 Minuten länger und es wäre der „Fahrtenschwimmer" gewesen. Wie einfallslos klingt da Schwimmstufe 1, 2 oder 3. Als wir mit unserer Schwimmmannschaft der Batterie Lübars einmal Sieger der Untergruppe Frohnau wurden, gab es acht Tage Sonderurlaub. Man muss eben beizeiten lernen, im Leben schnell und oben zu schwimmen!

Natürlich wurde in der Freizeit „uff Bude" auch gezockt, unsere Berliner waren da infizierter als ich vom Dorf. „17 und 4" hieß der Renner, das ging zügiger als Pokern. Natürlich verboten, doch unsere Glücksspieler waren gewieft. Der Bänker saß vor einer geöffneten Schublade eines Tisches mit dem darin befindlichen Geld. Betrat ein Dienstvorgesetzter den Raum, musste der erste, der ihn erblickte nach Dienstvorschrift laut „Achtung" schreien, das war militärische Order. Alles sprang auf und nahm Haltung an, der Bänker schob beim Aufstehen die Schublade zu. Nach der Meldung durch den Stubenältesten folgte meist die Aufforderung: „Weitermachen!" Dann wurden 3 schon bereitstehende LWH mit jeweils 10 Karten in der Hand aktiv, begannen zu reizen und beantworteten überzeugend die Frage, was denn hier gespielt würde, mit: „SKAT, Herr Unteroffizier!"

Finne Mahn hatte einmal 600 Mark Schulden angehäuft und verließ, wie auch ich schon mal, durch die angrenzenden Felder bei Lübars ohne Urlaubsschein die Batterie. Er versuchte, durch Gewinn bei Wetteinsätzen auf der Trabrennbahn Hoppegarten seine Schulden zu tilgen. Wie es ausging, weiß ich nicht mehr zu sagen, doch meist ritt er sich tiefer in die Schulden hinein. Meine Angst war mir, wie oft, ein hilfreicher Ratgeber gegen illegales Verlassen der Batterie. Auch aus Angst vor dem Schabernack meiner Stubenkumpels, die mir einmal die Schranktür zugenagelt hatten, weshalb ich noch schnell zum abendlichen Stubendurchgang des Unteroffiziers vom Dienst (U.v.D.) mit voller Montur ins Bett schlüpfen musste.

Unsere Kontakte zum anderen Geschlecht waren naturgemäß bei diesem Leben in „Männergesellschaft" und seltenem Ausgang eingeschränkt. Doch wissen wollten wir schon etwas. So sammelten wir einmal Geld, um einen Lernwilligen ins Bordell zu schicken, damit er uns über Sex berichten möge. Sein Bericht war spärlich: „Ich habe noch nicht einmal beim Verkehr mein Koppelschloss abgenommen, so schnell wurde ich bedient." Wir hatten sicher zu wenig Geld investiert.

Waffenschulung statt Schulbildung

Gewissermaßen so ganz nebenbei erhielten wir auch Unterricht. Unsere Pauker mussten zu uns in die Batterie kommen. Tageweise abwechselnd wurden drei Fächer unterrichtet. Jedes Fach dann in einer bestimmten Baracke, wir Schüler wechselten dann Baracke und damit das Fach. Gab es im Unterricht Alarmklingeln, stürmten alle über Tisch und Stuhl hinaus, einen lehrbereiten Lehrer verdutzt zurücklassend, der sich dann auch irgendwo in Sicherheit brachte.

Als wir dann die Batterie von Lübars zum Flugplatz Tegel wechselten, später weiter nach Stolpe-Dorf (hier das unwirksame Attentat auf Hitler erlebten), dann weiter in die Tiergartenkolonie bei Oranienburg, wo ich am 15. März 1944, Mutters Geburtstag, meinen ersten Tieffliegerangriff und die Bombardierung der Stadt Oranienburg erlebte. Später wurden wir zu den Scheinwerfern nach Kirchmöser bei Brandenburg umgesetzt. Unsere Lehrer mussten uns immer folgen.

Reifevermerk
Reifevermerk
Dass es mit unserer Weiterbildung nicht zum Besten stand, lässt sich denken, darum erhielten wir nach Kriegsende auch nur das sogenannte „Notabitur", den Reifevermerk zuerkannt. Die Anerkennung der Hochschulreife wurde dabei den Universitäten bei Bewerbung zum Studium anheimgestellt. Mein Abitur entsprach etwa dem Abschluss einer Realschule. „Ich habe das Abitur" zu sagen wäre Hochstapelei. Das Mehrkönnen besteht aber sicher in der Übung problemhafteren Angehens philosophischer Fragen und der sprachlich gefestigteren Führung argumentierender Diskussionen, die beide in unserm Gymnasium einen hohen Stellenwert hatten. Ich führe einen gewissen Hang zum Philosophieren auf den Unterricht guter Lehrer an der von mir besuchten Lessing-Oberschule in Berlin-Wedding zurück. Doch etwas Fachwissen muss auch hängen geblieben sein.

Über vier Stunden „Zufall oder Vorsehung" zu diskutieren, hat sicher auch auf die Entwicklung einer Befähigung für Polemik bei mir beigetragen. Schade, dass meine damalige Deutschlehrerin, Frl. Anker aus Birkenwerder, nicht noch die Spätwirkungen ihrer pädagogischen Arbeit erfahren hat, wie auch heute so mancher Pädagoge nicht die Ergebnisse seines Einflusses auf die Persönlichkeitsbildung ehemaliger Schüler zu wissen bekommt. Schade! Sehr schade!

Günter Sieberts erste Klasse
Günter Sieberts erste Klasse
Darum sind die heutigen Klassentreffen mit Schülern, die ihr Arbeitsleben schon beendet haben und heute schon berentet sind, für deren ehemaligen Lehrer von sehr großer Bedeutung, erfährt er doch mehr über die Ergebnisse seines Bemühens als Lehrer. In den meisten Fälle sind es anerkennende Worte. Wenn auch eine späte, so doch beglückende Rückkopplung aus seinem beruflichen Bemühen.

Meine Schüler haben die Umkehrung meines vorher erzählten Teil-Schulweges erfahren: Schulbildung statt Waffenschulung. Gerne sähe ich solche Umkehrungen für die Kinder aller Kontinente.