Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 8 Mein Leben als Pauker (1946 bis 1990)

Meine Zeit als Pauker beginnt am 1. September 1946 - nach überstandener Zeit beim Arbeitsdienst, nach der Gefangenschaft, in die ich als „letzter Krieger“ zum Kriegsende 1945 geraten war, und nach der Zeit als Landarbeiter bei einem Bauern in Niedersachsen, den ich im Oktober 1945 wieder verlassen habe.

Wovon soll ich berichten? Was soll ich weglassen? Was ist vergessen? Es gilt immerhin über 44 schöne, schwere, frohe, erlebnisreiche, nachdenkliche, lehrreiche, erfolgreiche und weniger erfolgreiche Jahre im Beruf eines Lehrers zu berichten.

Lenin: „Lernen, lernen und nochmals lernen.“

Ja, mit diesem Lenin kam ich nun auch in Berührung. Meiner Bewerbung als „Neulehrer“ war entsprochen worden. Ende Januar 1946 trafen sich in einer Bernauer Baracke etwa 150 männliche und weibliche "Kriegsüberlebende", die sich für den Beruf eines Lehrers entschieden hatten. In der russischen Zone war Eile geboten, denn alle, wirklich alle Lehrer, die Mitglied der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) waren, wurden sofort aus dem Schuldienst entlassen. Das waren viele, denn als Beamter konnte man sich seit 1937 nur schwer einem Eintritt verweigern.

Der sogenannte "Neulehrerkurs" in Bernau bestand aus sechs Klassen mit jeweils etwa 30 Teilnehmern. Die Altersspanne reichte von 19 Jahren, wie ich, bis zu 50 Jahren. Unter uns waren Abiturienten, Architekten, Ingenieure, Sekretärinnen und Maschinenbauer. Wie sollte, wie konnte das bloß gut gehen?

Neulehrer-Lehrgang in Bernau
Neulehrer-Lehrgang in Bernau

So war ich bis Ende August 1946 fleißiger Teilnehmer der Neulehrer-Seminare, die von älteren und erfahrenen Lehrern abgehalten wurden. Viele waren es nicht, die kein Mitglied der NSDAP gewesen waren und den Krieg überlebt hatten. Neben Pädagogik und Psychologie, Didaktik und Methodik, Deutsch und Mathematik, gab es auch Unterricht in Russisch und Marxismus-Leninismus stalinscher Prägung. Zur Ausbildung gehörten auch Demonstrationsstunden. Dann saßen etwa 30 angehende Neulehrer hinten in der Klasse einer langsam in Tritt kommenden Bernauer Schule und dort schon tätige Lehrer zeigten uns Unterrichtsstunden. Nach der Hospitation wurde darüber diskutiert: Wie, was, wo, hätte können, sollte man nicht, sehr gut gelungen, müssen sie so machen, usw. usw. usw. So ähnlich, wie nach einem verlorengegangenen Spiel beim Skat oder Fußball.

Nach sieben Monaten Schmalspur-Theorie und wenigen gesehenen Demonstrationsstunden musste ich beim Schulpraktikum in Neuenhagen, südlich von Berlin, meine ersten Stunden unterrichten und gleichzeitig meine Prüfungslektion für den Abschluss des Kurses als Voraussetzung zur Einstellung als Lehrer halten. Jeder heutige Dozent einer Pädagogischen Hochschule würde sagen, das kann nicht gut gehen. Mehrere Tausend von mir unterrichteter Schüler können darüber besser urteilen. Eine "Pisa-Studie" zum vermittelten Wissenstand hätte ich am Ende meines Lehrerdaseins nicht fürchten müssen.

Zur Prüfung wählte ich mir das Thema „Die Biene“ in Heimatkunde in einer 4. Klasse. Ich hatte mit bestmöglich fachlich vorbereitet, mich im heute noch ortsansässigen Bieneninstitut von Frau Professor Dr. Meyerhof informieren lassen. Das vermittelte Wissen entsprach den Grundkenntnissen eines Imkers. An Schulbücher war nicht zu denken. Kurz und gut, die Prüfungsstunde an der Schule in Neuenhagen südlich von Berlin lief gut. Die Kinder wussten um deren Bedeutung für mich, machten freudig und diszipliniert mit. Am nächsten Tag stand, für mich überwältigend, ein ganzer Tisch voller Blumen aus den Gärten des sommerlichen Ortes im Klassenraum. Gratulierende Kinderaugen strahlten mich an. Ich erinnere mich, welche Freude diese Stunde und diese Nachbereitung mir selbst machten. Sie gaben mir das Gefühl, den Beruf des Lehrers gut und richtig gewählt zu haben. Er liegt mir, er war für mich keine Lösung in der Stunde der Not. Dieses Gefühl war meine Geburtsstunde als Lehrer.

Heute weiß ich natürlich, dies angemessen zu bewerten. Im August 1946 stand vor der Klasse ein junger, gerade 19jähriger Lehrer, groß, schlank und lebhaft, dabei auch noch zu Späßen aufgelegt. Welch ein Kontrast zu den vielen im Dienst tätigen älteren Lehrern letzter Kriegsjahre! Die meisten Schüler wünschten und wünschen sich einen jungen Lehrer. Doch können sollte er auch etwas. So begleitete mich mein ganzes Lehrerleben die alte pädagogische Weisheit:

Nur wer stetig lernt, kann auch erfolgreich lehren!

In diesem Punkt hatte Lenin sicher recht: „Lernen, lernen und nochmals lernen.“

Muss ich jetzt "SIE" sagen?

Schule, erbaut 1902
Schule, erbaut 1902
Ich bewarb mich als Neulehrer an die Grundschule Hohen Neuendorf. Irgendwie war ich damals schon stolz, gerade dort Lehrer zu werden, wo ich geboren wurde und selbst zur Schule ging. Es war ja gerade erst einmal sieben Jahre her, dass ich das Hohen Neuendorfer Schulgebäude verlassen hatte.

Die erste Schulleiterin war Frau A. Sie war schon über 60, mit einem abgeurteilten, kommunistischen Widerstandskämpfer liiert und deshalb 1933 aus dem Schuldienst entlassen worden. Als ich mich ihr vorstellte, fragte sie mich nach meinem Alter.

"So, 19, vielleicht ein bisschen jung, da versuchen wir es einmal mit einer 2. Klasse."

Das war leichter, hatten die Kinder doch schon Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen erlernt.

"Auf dem Flur unten die letzte Tür links!"

Tür auf und klopfenden Herzens rein. 64 Augenpaare schauten mich an: Also das ist der neue Lehrer? Ja, ein Neulehrer!

Bald konnte ich mich aber von dem Schock erholen, denn zwei Klassen waren kurzfristig aus Lehrermangel zusammengelegt worden. Da es zu dieser Zeit nur Doppelsitzer-Bänke mit eingelassenen Tintenfässern gab, musste bei dieser Klassenstärke von den drei Schülern in einer Bank immer einer auf dem mittleren, die Bänke zusammenhaltenden Holm sitzen. Von Zeit zu Zeit wurde dann der Platz gewechselt. Das waren  Zeiten, aber die Schüler waren sehr gehorsam, gelegentlich untertänig gehorsam erzogen. So kam einmal eine Mutter mit ihrem Sohn zur Anmeldung zu mir. Mit einem Stupser an den Hinterkopf forderte sie ihn auf:

"Nun mach einmal einen Diener (Nicken des Kopfes) und sag dem Herrn Lehrer ordentlich guten Tag!"

Vielleicht war es auch ein "Grüß Gott", denn beide waren Vertriebene aus den Sudeten.

In Hohen Neuendorf wurden viele Flüchtlingsfamlien von dort ansässig. Es waren ausgewiesene Deutsche, aus einem von Hitler okkupierten Teil der Tschechei. Der Krieg war gerade beendet, und schon wieder war mit der Vertreibung aus angestammter Heimat neuer Hass und neue Feindschaft geboren.

Meine erste Klasse
Meine erste Klasse

Das erste Klassenbild mit meiner 2. Klasse entstand auf meinen besonderen Wunsch an genau der gleichen Stelle und in ähnlicher Aufstellung, wie das meine vor elf Jahren mit meinem Klassenlehrer Mitzlaff (siehe auch HIER). Vielleicht wollte ich schon damals wenigstens optisch auf den Spuren meines Klassenlehrers gehen, dem ich viel zu verdanken hatte. Wie ich bemerkte, war selbst ein Starkasten noch an der gleichen Kiefer angebracht.

Einige Schüler kannten mich noch als Jugendlichen. Karin Bammann, die ihre Mutter gefragt hatte "Muss ich jetzt zu Günter ‚Sie’ sagen?", schrieb mir 46 Jahre später auf der Rückseite ihres ersten Zeugnisses mit meiner ersten Unterschrift als Lehrer einen Brief. Heute verbindet unsere ganze Familie eine herzliche Freundschaft mit Karin und Arthur Milz in der Schweiz.

Vom Hamstern und vom Holzklau

Die folgenden Jahrzehnte waren ausgefüllt mit allen Höhen und Tiefen, die ein Lehrerleben bietet: Anerkennung und Ablehnung, Begeisterung und Enttäuschung, Freude und Trauer, Mut und Angst, Gewissheit und Zweifel. Schüler leben, sind Menschen und kein "Material", das man mit einem Werkzeug wie gewünscht bearbeiten kann. Aus Schülern werden die Gestalter einer Gesellschaft, in der auch ich leben wollte und will, fernab von dem, was ich bisher erlebt hatte.

Wir Neulehrer wurden in der Mehrheit alle getragen von diesem Gedanken unserer Verantwortung für Kinder, ein Gedanke, der auch in den Elternhäusern vorherrschte, in Elternhäuser, die nach dem Krieg eigentlich nur noch Mutterhäuser waren. In den Klassenbüchern stand oft hinter „Name des Vaters“ ein "gefallen". Mit diesem Hintergrund fassten Eltern zunehmend Vertrauen in unsere ehrliche Arbeit. Ohne das Vertrauen der Mehrheit der Eltern in uns wäre das Unternehmen "Neulehrer" weniger erfolgreich verlaufen.

Es war eine irre Zeit, in der selbst manches unmoralische Verhalten kaum Schaden anrichtete. Wir alle lebten von der Hand in den Mund, gingen über Land zum "Hamstern", was soviel bedeutete wie durch Betteln oder Tausch Nahrungsmittel zu ergattern. So setzten wir einmal in der Gewerkschaft durch, täglich einen Lehrer mit seinen Stunden freiwillig zu vertreten, damit er auf "Hamstertour" unterwegs sein konnte, ohne seine Dienstpflicht verletzen zu müssen.

Nachts zogen wir zum Holzklau in die nahen Wälder. In Rotpfuhlnähe war für die Russen sogenanntes Grubenholz geschlagen worden, vielleicht für den von ihnen kontrollierten Uranabbau um Aue. Es war von einheitlicher Dicke, etwa 15 bis 20 cm, und Länge, 2,30 m. Also hervorragend beim "Einmannklau" zu bewältigen. Einmal war ich mit dem durch meinen Stellmacher-Großvater Siebert zusammensetzbaren Handwagen unterwegs. Ein stabiles Gefährt, baulich adäquat auch größerer Wagen für die Landwirtschaft. Wie oft hatte ich schon die Einzelteile aus dem Hauskeller noch oben geschleppt: Vordergestell, Hintergestell, Bodenplatte, zwei Seitenbretter und die den Kastenwagen an den Enden abschließenden "Schottkell", wie man auf Plattdeutsch sagt. Nur mit Bodenbrett versehen, wurde damit auch in einer alten Benzintonne das aus der Jauchegrube des Hofes geschöpfte "Dicke" über das Kopfsteinpflaster der noch durchgängigen Ruhwald und Stolper Straße in unsern Garten für die Tomaten gefahren. Sogar einen Haken neben der Deichsel hatte der Großvater zum Anbringen von Zuggurten schmieden lassen.

So war ich eine Nacht ohne Kastenaufsatz nach Grubenholz unterwegs. Zwischen die Wagenrungen ließen sich die 2,30 Meter langen Stücke gut legen. Das Herzklopfen, die Angst erwischt zu werden, und der Beschluss, diesen Weg nicht noch einmal nehmen zu wollen, ließen mich dann mehr Holzstangen auflegen, als dann dem überladenen Handwagen unterwegs gut tat. Eine Achse verbog sich, ein Rad schleifte an den Rungen. Das bedeutete, bei Zurücklassung der "Beute" schnell nach Hause und den zweiten, leichter gebauten Handwagen holen und mit mehrfacher Fahrt die Ladung zu bergen. Zum Schluss dann das defekte Gefährt. Was muss ich geschwitzt und auch Angst ausgestanden haben? In diesen Nachkriegstagen ohne eine solche rollende Hilfe zu sein war so ähnlich, wie später zu DDR-Zeiten einen Trabant ohne Hängerkupplung und Anhänger zu haben.

Einmal musste ich ein Elternteil meiner Schüler um Hilfe bitten, weil mir die Säge bei Schieflage eines zu fällenden Baumes eingeklemmt war. Am nächsten Tag stand ich vor dem Kind dieses Elternteiles. Doch dies wurde derzeit noch nicht zum moralischen Kriterium. Man unterschied anders zwischen Diebstahl aus Not oder Diebstahl um des Besitzenwollens. Stehe ich heute auch zur gleichen Toleranz beim Diebstahl aus süchtiger Not bei schwerst Drogenabhängigen?

Holzzuteilung
Holzzuteilung
Eine ehrliche, schweißtreibende Holzgewinnung bestand im Roden vom Amt zugeteilter, nummerierter Stubben von gefällten Kiefern im Kurpark. Dies erwärmte gleich mehrfach: Beim Roden, beim Transport, beim Spalten und Sägen und letztlich beim Heizen. Besonders gefragt war das bestens zum Anheizen des noch feuchten Holzes geeignete Kienholz, die geruchsintensiv mit Harz angereicherten Wurzeln.

Eine andere legale Möglichkeit, an Brennmaterial zu kommen, wurde uns in einem neu aktivierten Torfstich hinter dem Briesebad in Birkenwerder geboten. Später durften wir uns nach dem Stechen, dem pyramidenartigen Aufschichten und Trocknen der Stücke, etwas für den Hausgebrauch holen. Dienstlich halblegal war die Erteilung uns verbotener Nachhilfestunden z.B. für krankheitsbedingt Zurückgebliebene. Mein Kollege L. bekam so jedes Mal einen Rucksack zerkleinertes Holz.

Erhöhte Kinderzahlen führten zur Bildung der 2. Grundschule gegenüber der Backsteinschule, die doppelsinnig oft als die "Rote Schule" bezeichnet wurde. Es waren zwei hintereinander stehende Gebäude. Aus umgebauten Zimmern einer ehemaligen Gemeindeverwaltung wurden Unterrichtsräume. Zu ihnen führten enge ausgetretene, abgelatschte Holztreppen. Klassenräume vom Dachgeschoss bis zu den Kellerräumen, wo sich sogar noch drei alte Gefängniszellen für Inhaftierte früherer Jahre befanden. Dort hatten einmal Schüler spaßeshalber einen Klassenkameraden eingesperrt. Er musste dann für den Unterricht in der einstigen Kellerklasse erst "entlassen" werden. Dieser Raum im Keller war ein Fachraum mit einem kleinen Vorraum. Hier unterrichtete unser Freund und Kollege Rudi Kuhfeld Physik und Chemie, ich selbst später einmal Biologie. Im Vorraum hielt ich, allerdings nicht lange, in einem großen Aquarium zu Anschauungszwecken weiße Mäuse mit starkem Vermehrungsdrang. Kurzzeitig war hier auch eine Zentrale für die Information über Lautsprecher in alle Klassenräume. Gegenüber diesem Raum war eine alte Waschküche, wo ich diebstahlgeschützt mein schweres Fahrrad der Sorte "MIFA" abstellen konnte.

Stellmacher Großvater Siebert
Stellmacher Großvater Siebert
Ein weiterer Kellerraum war zeitweise auch mein Werkraum, denn zeitweilig unterrichtete ich auch dieses Fach. Ein Neulehrer musste sehr flexibel sein. In diesen Werkraum brachte ich auch die alte Hobelbank meines Großvaters Siebert und seinen Schleifstein. Den hatte ich bei meinem Vater oft drehen müssen, wenn Messer oder das Beil geschärft werden mussten. Beides wurde, wie vieles, was ich von zu Hause mit in die Schule schleppte, bald zum "Volkseigentum". Wenn ich etwas suchte, wurde es gleich in der Schule vermutet. Diese Veranlagung dazu muss auf unsere Tochter Angelika, die Lehrerin wurde, vererbt worden sein.

Geheizt wurde mit Kachelöfen, die ein Hausmeister schon morgens um vier Uhr anheizen musste, mit Heizmaterial, das am Abend vorher in die Klassenräume getragen wurde. Die drei Bankreihen wurden unterschieden nach Fensterreihe, Mittelreihe und Ofenreihe. Verständlich, wenn beim ersten strengen Winter da ein regelmäßiger Wechsel von ganzen Bankreihen vollzogen wurde. Auch Eltern baten um Umsetzung, weg von einem überheizten Ofen oder näher zu ihm hin. In so einem strengen Winter waren Schüler der Grundschule II nur für zwei Stunden beim Klassenlehrer. Er gab neue Hausaufgaben, er sammelte die Aufgaben vom Vortage zur häuslichen Korrektur ein. So ging das dann eine Woche oder länger.

Manchmal wusste man nicht, ob drei Tage später noch Kohlen geliefert würden. Einmal sollte sogar jeder Schüler täglich eine Kohle mitbringen, damit man überhaupt im Mantel die zwei Stunden aushielt. Am schlimmsten war das Heizen mit Rohbraunkohle, einer Vorstufe zur Braunkohle. Es stank entsetzlich, war sicher ungesund und auch nicht ungefährlich, wenn ein Kachelofen zu früh geschlossen wurde. Oft mussten wir das selbst während des Unterrichtes einschätzen und die Ofenklappe schließen, denn die meist feuchte Rohbraunkohle brannte nur zögerlich, oft nur schwelend. Zeitweise wurde im Zwei-Schicht-System unterrichtet: Es gab Vormittags - und Nachmittagsunterricht im wöchentlichen Wechsel.

Doch auch aus dieser Zeit, unter diesen Nachkriegsbedingungen sind viele Menschen hervorgegangen, die ihren Weg gemacht haben. Sie hatten meiner Ansicht nach gelernt, auch unter schwierigen Voraussetzungen zu lernen. Vor allem, sie wollten lernen.

Uns Lehrern ging es nicht anders. Wir waren im Stoff erster, einfacher Lehrpläne oft in unserm Wissen den Schülern nur eine Woche voraus, verwandten gerade erst erschienene populärwissenschaftliche Bücher und Broschüren als Lehrbücher. Jede Stunde wurde schriftlich vorbereitet. Wir mussten unsere "gesammelten Werke" regelmäßig anschließend einem Mentor, einem Altlehrer zur Kontrolle vorlegen. Er wiederum wurde in der Wahrnehmung seiner Aufgabe durch die besagte Direktorin A. überwacht. Ich bedaure es außerordentlich, meine gesammelten damaligen Vorbereitungen einmal entsorgt zu haben. Sie könnten unser strebsames Bemühen gerade als "Neulehrer" dokumentieren und mancher gerümpften Nase über unsere Schmalspurausbildung zur Ansicht überlassen werden.

Vertrauen ist gut...

Frau A. zitierte und praktizierte als Kommunistin den Lenin: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!" Erfolgreiche kapitalistische Unternehmer denken sicher wie Lenin, und bei den kaschierten Parteispenden und Korruptionsvorkommnissen von Lobbyisten wäre heute diese Praxis wohl auch nicht schlecht.

Die Folgen dieser Kontrolltätigkeit formulierte in späteren Jahren einmal mein Lehrer für Agrarökonomie,  Altenmüller, an der Landwirtschaftsschule "Luisenhof" umgangssprachlich heiterer:

"Wo der Inspektor hinkackt, wächst kein Unkraut!"

Im Hintergebäude der „weißen Schule“, wie die II. Grundschule auch im Gegensatz zur „Roten Schule“ genannt wurde, Flur in Hochparterre, erste Tür links legte ich nach zwei Jahren Unterricht meine 1. Lehrerprüfung ab. Es war am 13. Januar 1948, an meinem 21. Geburtstag, ein Geburtstag, an dem ich wahlberechtigt wurde. Verlegen der Prüfung war nicht angesagt. Damals kam der "gelernte" Schulrat noch persönlich, um seine Lehrer im Unterricht kennenzulernen, erstickte nicht im Mief einer Amtstube hinter aktenbelegtem Schreibtisch. Er kannte noch die Realität des Schulalttags besser und nicht über dritte Zuträger. Er bestimmte den Termin. Meine 1. Lehrerprüfung mit Unterricht und Auswertungsgespräch war eine Grammatikstunde, kein Glanzstück, aber mit "fast gut" bestanden.

Wenige Jahre später, nach dem Einsetzen der Absatzbewegung auch von Hohen Neuendorfer Lehrern in Richtung "Westen", es waren im Laufe einiger Jahre über 30, war der Schulrat R., der mich geprüft hatte, in Westberlin der Beauftragte für die Aufnahme "nach drüben gegangener Lehrer ".

In einem Neulehrer-Zusammengehörigkeitsgefühl saßen wir nach Sitzungen noch oft zu einem Gläschen Bier zusammen, mitunter zehn bis fünfzehn Lehrer. Meist bei Paule Ehrentreich, wo heute die Arztpraxen gegenüber der Vita-Apotheke sind. Es war eine ausgesprochene Arbeiterkneipe, eine Eckkneipe. Von hier holte Mutter zu besonderen Anlässen schon einmal für Vater einen Siphon Bier, eine mit Verschluss versehene Glaskanne, die etwa 2 Liter fasste. Als "Landei" tat sie das ungern, erzählte sie mir, in den fast ausschließlich von Männern besuchten, verqualmten Gastraum des Lokals zu gehen.

Lehrerfasching, Günter Sieber ist der Kapitän mit Vollbart in der letzten Reihe
Lehrerfasching, Günter Sieber ist der Kapitän mit Vollbart in der letzten Reihe
"Kommst du mit zum blutigen Knochen?", hieß es dann unter uns Kollegen. Mitunter sprachen wir auch von der "SA-Kneipe", denn Paule durfte als ehemaliges Mitglied der SA (Sturmabteilung) seine Eckkneipe nicht gleich nach Ende des Krieges wieder öffnen. Wir hielten uns meist bei einem Gläschen fest, tauschten Gedanken aus, hechelten die Sitzung durch, zogen über die Schulleitung her, erzählten Witze, waren gelöst. Im Kollegium gab es noch wunderschöne Feiern, auch Kostümfeste. In einer kleinen Gruppe bereiteten wir bei den Kollegen Edith und Herbert B. freudig und ideenreich alles vor. Tänze wurden einstudiert,  Spiele vorbereitet, Gedichte geschrieben, wie auch Himmelsfahrtpartien geplant.

Knochenkarl
Knochenkarl
Einladung zum Elternabend 1927
Einladung Elternabend 1927
Elternabend mit Beate W.
Elternabend mit Beate W.
Einmal wurden in der nur mit einer Dunkelkammerleuchte grünlich erhellten Turnhalle mit dem menschlichen Skelett aus dem Fundus der Lehrmittel der Schule (genannt Knochen-Karl) Horoskopweissagungen zelebriert. Hierbei wurde über eine Schnur von der Empore der Aufruf der Sternzeichengruppen gesteuert, wobei das Skelett  immer den Knochenarm hob.

Auch die Tradition großer Elternabende in der Klause wurde gewahrt.

Mit zunehmender politischer Einengung von Ansichten, mit der Dominanz und Reglementierung durch die Parteileitung der SED wuchs Misstrauen im Kollegium. Der Kreis nach den Sitzungen wurde immer kleiner. Bald reichte ein Ecktisch in der damals noch vorhandenen Kaffeestube bei Bäckermeister Giesch in der Schönfließer Str. Dann fiel auch der Gang in die Kaffeestube weg, jeder strebte bei Versammlungsschluss schneller nach Hause. Der Vertrauensverlust untereinander ließ uns in Teilen zu einem typischen, misstrauischen, argwöhnischen, heuchlerischen und gespaltenen Kollegium in einer Nischengesellschaft werden.

Öfter mal etwas Neues

Stunde für Stunde, Monat für Monat erarbeiteten wir Neulehrer uns so unsere Befähigung zum Unterrichten. Mein Unterricht gab mir zunehmend auch die Gewissheit, auf dem rechten Weg zu sein. Schüler und Eltern waren mir überwiegend zugetan und mit meiner Arbeit zufrieden. Ich hatte kaum Schwierigkeiten mit der Disziplin. In diesem Gefühl vermochte ich als junger Lehrer schwung- und humorvoll zu unterrichten, konnte dabei aber auch sehr streng sein. Ich hörte auf zu unterrichten, wenn mich nicht alle Schüler im Unterricht anschauten. Ich fragte dann nach:

"Suchst du mich?"

Ich konnte auch mitreißen und begeistern, mit meinen Schülern noch jung sein. Für manche der heutigen Lehrergenerationen ein schöner, gewollter Traum.

Wanderung mit Museumsrad
Wandertag mit Museumsrad
So war es nicht verwunderlich, wenn ich oft und gern mit meinen oberen Klassen auf Wanderfahrt ging. Einmal nur zu Fuß durchs Briesetal oder in die Märkische Schweiz zur Wurzelfichte, mit dem Fahrrad nach Bad Freienwalde, oder mit der Bahn an die Ostsee zum Zelten, nach Oybin und in die Sächsische Schweiz. Alle Fahrten waren für mich als Lehrer nicht nur aufschlussreich beim umfassenderen Kennenlernen von Schülern, sie sind bis heute des Erinnerns wert - nicht nur für mich, sondern auch für  die Schüler, wie ich auf den häufigen Klassentreffen erfahre.

Wanderung Kartenstudium
Wanderung mit Kartenstudium
So schrieb mir 2013 Gerlinde P. aus einer damaligen Klasse über unsere Vorbereitung zu Tour nach Buckow:

„Wir stellten den Speiseplan auf, weil wir in Gruppen selber kochen mussten - Hansi mit seiner Tute zum Essen blies - in Jonsdorf hattest du dir den Buckel verbrannt und musstest die Träger Deiner Lederhose in den Händen halten - mit „klotz, klotz am Bein marschierten wir in Heringsdorf an der Bordsteinkante zur Eisdiele. Ja, wir haben Dich gelegentlich sogar spaßeshalber ‚Vater’ genannt.“

Das war wie ein Dank.

Wanderungen Beim Baden
Beim Baden
So hatten wir einmal im Dachgeschosss einer Schule in Saupsdorf (Sächsische Schweiz) im Tausch der Schulen untereinander eine Schlafstelle auf Stroh gefunden. Plötzlich bemerkte ich, dass ich die schon vorher eingesammelten Abschnitte der Lebensmittelmarkenzu Hause vergessen hatte. Das war vielleicht ein Schreck! Oma Marie regelte die Sache per Post, denn meine Uschi war mit von der Partie.

Wegen des Quartiermangels richteten viele Schulen zu den großen Ferien immer solche Austauschschlafstellen ein. Dabei waren Schulen in gefragten Urlaubszielen immer begünstigt, weil häufiger nachgefragt. Wir in Hohen Neuendorf waren das wegen der Nähe zu Berlin auch. Später konnten wir sogar "first class" anbieten. Ich hatte im Krankenhaus an der Havel "Reserve-Metall-Betten" für die Ausleihe locker gemacht, später dann bei der Armee in Hennigsdorf die Aufleger dazu.

In Reihe auf einem Feld
In Reihe auf einem Feld
Damit die Bäume vielleicht beginnender Überheblichkeit bei uns damals nicht in den Himmel wuchsen, war uns noch unfertigen Neulehrern anfangs ein Mentor zur Seite gestellt. Er bot Hilfe, war aber auch eine kontinuierliche Kontrolle, nicht in unserm Lerneifer nachzulassen. Jede Woche mussten wir unserm Mentor die Unterrichtvorbereitungen zur Beurteilung vorlegen. Alles handschriftlich, von Schreibmaschine oder gar Computer war noch keine Rede. So manche Vorbereitung wurde für ein besseres Erscheinungsbild zweimal geschrieben. Zwei Stunden wöchentlich musste ich beim Mentor hospitieren. Das spiegelte sich auch im Niveau unseres Unterrichtes wieder. Ich denke, sehr zum Nutzen dieser Nachkriegsgeneration, die in späteren Jahren trotz Neulehrer und Unterrichtsdefiziten mit einem soliden Grundwissen und Lerneifer in so manche verantwortungsvolle Position rückte.

Meine Mentorin war Fräulein Baake, eine etwa 50-jährige Altlehrerin. Sie war aus einer Zeit, als an den Schulen nur Fräuleins unterrichteten. Lehrerinnen durften nicht verheiratet sein, sicher um sich stärker und ausschließlich auf ihren Lehrberuf zu konzentrieren. Welch ein verordneter Widerspruch in sich, Kinder zu unterrichten ohne mögliche eigene Erfahrung mit Problemen in der eigenen Ehe und mit Kindern in einer Familie. Bei den heutigen Beziehungen der Geschlechter zueinander nicht mehr denkbar. Ich nannte Frau Baake immer den "Eisernen Gustav", wie sie so strammen Schrittes zur Schule kam. Später stapfte sie auch in Richtung der damals noch einklassigen Schule Stolpe-Dorf zum Unterricht. Ihr verdanke ich die durchdachte Methodik und Didaktik meines Unterrichtes nach der einfachsten Methode: Vormachen - Nachmachen, denn ich hospitierte viel bei ihr! Mein guter Draht zu ihr trug dann auch Früchte. Ihre Beurteilung ermunterte mich zur frühen Anmeldung zu meiner 1. Lehrerprüfung.

„Bericht über Herrn Siebert

Herr Siebert ist ein frischer, fröhlicher Mensch, der sich im Nu die Herzen seiner Schüler erobert. Er hat ein deutlich erkennbares Lehrgeschick. Ihm merkt man es an, dass ihn die Liebe zu den Kindern in seinen Beruf getrieben hat. Er behandelt jeden Schüler individuell und denkt viel über die Beweggründe der Kinder zu ihrem oft eigenartigen Verhalten nach. Er sucht nach immer neuen Mitteln, den Stoff abwechslungsreich darzubieten. Er kommt mit vielen Fragen zu seinem Mentor und ist dankbar für jede Aufklärung, die man ihm gibt. Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst, ist fleißig und gewissenhaft und bemüht sich, den Stoff arbeitsschulmäßig zu übermitteln.

Else Baake, Lehrerin“

Bericht über mich
Bericht über mich
Dieser „Bericht über Herrn Siebert“ durch meine Mentorin Frau Else Baake war die Grundlage meiner Zulassung zur 1. Lehrerprüfung. Abgenommen vom Unterzeichner „Ri“, dem damaligen Schulrat Richter aus Bernau, der Kreisstadt unseres damaligen Kreises Niederbarnim.

Die in der oberen rechten Ecke dreimal veränderten Zahlen geben die Stellung in der Reihenfolge der Ablagen in meiner Personalakte an, im Sprachgebrauch der Zeit vor der Wende „Kaderakte“.

Erst nach Jahrzehnte wurden mir 1990 alle Inhalte zugänglich. Die Akte wurde mit der Wende aufgelöst und uns in vorhandenen Teilen überlassen. Ich vermute, nach vorheriger Entnahme von belastenden Aussagen durch vorherige Dienstvorgesetzte oder Funktionäre, damit sie nicht eventuell zur Rechenschaft wegen Inhalten in dieser geführten Kaderakte gezogen werden können. Mit Sicherheit hatte auch die STASI Zugang zu allen Aufzeichnungen. Wenn vielleicht auch nicht bei mir, aber generell schon.

Nicht ganz zwei Jahre später meldete ich mich 1949 als einer der ersten Neulehrer zur 2. Lehrerprüfung an, deren erfolgreicher Abschluss aus dem Lehramtsanwärter einen Lehrer werden ließ. Der gute alte Schulrat als Prüfender war passé, es fungierte bereits eine Prüfungskommission aus Schulfunktionären. Das neue Schulsystem begann sich zu organisieren.

Bei dieser 2. Lehrerprüfung war auch eine Prüfung in einem Wahlfach gefordert, wollte man in der 5. und 6. Klasse unterrichten. Zwar hatte ich durch den Schulrat eine politisch erforderliche Genehmigung zur Erteilung des Geschichtsunterrichtes, doch ich wählte die Biologie. Einerseits bestimmt durch meinen Klassen- und Biologielehrer Dr. Bothe am Lessing-Gymnasium von 1940 bis 1943, andererseits als fachverwandten Ersatz für mein einst beabsichtigtes Studium zum Veterinär.

Noch viele Jahre habe ich mein Biologieheft voller schöner Zeichnungen wie zum Thema "Vom Einzeller zum Vielzeller" aufgehoben, ja sogar noch als anregendes Beispiel für Schüler in meinem späteren Biologieunterricht verwendet. Dies auch nicht ganz ohne Hintergedanken, mich ins rechte Vorbild-Licht setzen zu wollen.

Ein Glanzstück war auch meine 2. Lehrerprüfung nicht, aber bestanden und als Beweis für Nachkommen geeignet, dass mäßig beurteilte Prüfungen nicht auch Erfolglosigkeit im Leben und Beruf bedeuten müssen. Im Rückblick auf mein Lehrerdasein erkenne ich, dass ich den neuen Dingen in der Pädagogik immer sehr aufgeschlossen gegenüber stand, wenn ich von deren Richtigkeit überzeugt war. Dies zeichnete sich auch schon zum Zeitpunkt 1948 ab, als die Welle der schon früher entwickelten "Arbeitsschule" auch unseren Kreis, noch Niederbarnim, und Hohen Neuendorf erreichte.

Die "Arbeitsschule" war eine Unterrichtsmethode, bei der die Schüler unter gezielter Anleitung des Lehrers weitestgehend im Gespräch untereinander ein Thema erarbeiteten, der Lehrer nur steuernd eingriff. Charakteristischer Unterrichtsablauf dafür war: Lehrer – Schüler – Schüler – Schüle –Lehrer - Schüler usw. Die Schüler lernten dabei polemisch zu diskutieren, rücksichtsvoll zuzuhören, Probleme zu erkennen, Meinungsvielfalt zu akzeptieren, aber auch, sich sprachlich verständlich ausdrücken. Diese Methode ließ Fragen und Gegenargumente untereinander zu, ohne auf reines Lehren und Lernen ganz zu verzichten. Diese Methode stand gewissermaßen im Gegensatz zur reinen Lernschulmethode (daher Pauker). Kritiker der Arbeitsschule bezweifelten dabei die Sicherung exakten Wissens.

Meine damalige Klasse 30 Jahre später beim Klassentreffen im Restaurant „Lunik-Park“ in Hohen Neuendorf
Meine damalige Klasse 30 Jahre später beim Klassentreffen im Restaurant „Lunik-Park“ in Hohen Neuendorf
Nach dem Besuch der Weiterbildungsveranstaltungen bei einem Professor König in der Schule Sachsenhausenbegann ich meinen Unterricht auf diese Methode umzustellen. Dies tat ich auch mit Tischen und Stühlen, löste geradezu revolutionär die Ordnung der drei Reihen auf und ersetzte sie durch ein offenes Viereck. Ich war somit optisch in die Gesprächsrunde einbezogen, alle konnten sich ansehen. Der Erfolg gab mir Recht. Ich hatte damals über viele Jahre eine Klasse, die sich durch hohe Disziplin und gegenseitige Rücksichtnahme auszeichnete und auch das Zuhören und Mitdenken lernten, wenn Mitschüler sprachen. Ich wurde so etwas wie ein "Beispiellehrer", der bei den Weiterbildungsveranstaltungen diese Methode vielen hospitierenden Lehrern zeigte. Besuche von interessierten Kollegen waren die Regel. Die regelmäßige und häufige Hospitation war überhaupt eine tragende Säule der Lehrerweiterbildung dieser Zeit. Unter progressiven Lehrern gab es kein Versteckspielen. Die Direktorin A. kannte diese Methode schon aus der Zeit vor 1933, war aufgeschlossen und stolz, in uns "Vorzeigeobjekte" einer jungen Neulehrergeneration in ihrer Schule aufweisen zu können. Sie ließ nichts auf uns kommen.

Heute bin ich nur noch über meine Enkel in Ansätzen über methodisch-didaktische Inhalte im Unterricht informiert. Ich glaube in bestimmten Bereichen und bei einzelnen Lehrern eine Fortsetzung und Erweiterung dieses Unterrichtes zu finden, soweit die Schüler bereit sind, es zuzulassen. Aber es sind auch gute neue Gedanken zu finden.

Schrottsammeln mit Handwagen
Schrottsammeln mit Handwagen
Ein großer Haufen Schrott
Ein großer Haufen Schrott

In dieser Zeit der 1950ger Jahre wurde im Wettbewerb der Klassen untereinander für die Stahlproduktion dringend benötigter Schrott zusammengetragen, so dass manches Mal der ganze Zwischenhof der Schule 2, der sogenannten weißen Schule, ausgefüllt war. Auch mein inzwischen wieder gerichteter Handwagen musste wieder seine Dienste tun.

„Kinderarbeit“

Modellbauer
Modellbauer
Als dann 1959 das polytechnische Unterrichtsprinzips in den Schulen Einzug hielt, zählte ich sofort zu seinen Befürwortern. Ein in und an der Praxis orientiertes Lernen schien mir ein erfolgversprechendes pädagogisches Konzept zu sein. Schon immer hatte ich Arbeitsgemeinschaften wie z.B. den Modellbau, den Schulgarten oder die experimentelle Biologie angeleitet. In letzterer galt es z.B. eine Ratte zu sezieren, wie ich es auf einem meiner zahlreichen Weiterbildungslehrgänge in Potsdamgelernt hatte.

Modell eines westfälischen Bauernhofs
Modell eines westfälischen Bauernhofs
Inzwischen war Deutschland zweigeteilt, in die westlich orientierte Bundesrepublik und die östlich orientierte DDR (Deutsche Demokratische Republik). Im Gegensatz der Ideologien war es nur zu verständlich, dass dieses östliche kommunistische Machwerk „Polytechnischer Unterricht“ durch westlich orientierte Ideologen als "Kinderarbeit" abgelehnt wurde.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 ist die Polytechnische Oberschule als Schulstruktur verschwunden. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass dieses Prinzip des praxisbezogenen Lernens wieder verstärkt zu neuem Leben erwachen wird, wie es sich bereits in Anfängen zeigt.

Mit dem Fach "Polytechnischer Unterricht" von wöchentlich vier Stunden kamen Schüler in Betriebe, sahen, was sie im zukünftigen Berufsleben erwarten wird. Auch für mich erschloss sich eine ganz neue Welt. Noch nie hatte ich einen Betrieb wie Stahlwerk und Elektrolokomotivbau in Hennigsdorf von innen gesehen. Allseitig informierendes Fernsehen gab es noch nicht. Man musste einfach die Gluthitze beim Beschicken eines Schmelzofens oder dessen Abstichs miterlebt haben. Wer einmal den glühenden Stahl einer Drahtzieherei unter seiner Beobachtungsplattform hindurch schießen sah, der wusste mehr vom Leben und der Arbeitswelt der Eltern seiner Schüler. Ich wusste nicht, was sich hinter dem Hohen Neuendorfer Betrieb Elmed (Elektromedizinischer Apparatebau) verbarg. Simpel ausgedrückt glaubte ich, ein Werkzeugmacher fertige Hämmer, Feilen oder ähnliche Heimwerkzeuge an.

Gutshof mit Schulergruppe
Gutshof mit Schulergruppe
In den Anfangsjahren der Polytechnik wurden Schüler der 7. Klasse mit den Grundlagen der Metallbearbeitung, in der 8.Klasse mit Maschinenkunde, in der 9. Klasse mit der Landwirtschaft und in der 10. Klasse mit der Elektrotechnikin Betrieben vertraut gemacht. Berufstätige Eltern standen als betreuende Facharbeiter den Schülern an ihrem Arbeitsplatz zur Seite. Wir Lehrer sahen nun „unsere“ Eltern an ihrem Arbeitsplatz. Unser Verständnis für manche häusliche Situation wurde größer. Lehrer und Eltern kamen sich über ihre Arbeitsstätten näher.

Historisch bedingt war das Bildungsniveau der in landwirtschaftlichen Gütern tätigen Landarbeiter auf einem niedrigen Stand. Ein Gutsinspektor sagte, was zu tun ist, und dann ging man dem nach. Erst mit der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft war der gebildete landwirtschaftliche Facharbeiter gefragt.

Erster Mähdrescher
Erster Mähdrescher
In diese Umbruchphase 1961 fiel für uns der Beginn des „Polytechnischen Unterrichts“ der 9. Klassen auf dem Volksgut Stolpe-Dorf. Die Beschäftigten mit größerer Fachkenntnis waren mit der Leitung der Produktion völlig ausgelastet. Für die Arbeit mit den Schülern blieben oft gute Praktiker in der Produktion. Sie vermochten jedoch nur bedingt, dem Lehrplananliegen des Wissenszuwachses mit der Arbeitspraxis gerecht zu werden. Dies erkennend wollte ich als begleitender Lehrer in diese Bresche springen. Bald merkte ich aber, wie groß das dafür erforderliche Wissen war. Der Lehrplan gab klare Vorgaben für den zu erlernenden Stoff.

Ich entschloss mich, sehr zum Unwillen meines Direktors, für eine Weiterbildung im Abendstudium mit dem Abschluss "Staatlich geprüfter Landwirt". Für einen Lehrer eine völlig untypische Qualifizierung, die aber angesichts der polytechnischen Schulentwicklung durch das Schulamt eine Zustimmung erfuhr.

Kükenaufzucht
Kükenaufzucht
Meine Bewerbung an der traditionsreichen Landwirtschaftsschule "Luisenhof" in Oranienburg erfuhr zunächst, neben Erstaunen dieses Novums, eine Ablehnung. Grund: Ein fehlender Facharbeiterbrief in einem landwirtschaftlichen Beruf. "Was nun, Herr Siebert?" Wieder kam mir eine vorher ausgeübte Aktivität in Ausübung meiner Lehrertätigkeit zugute. Als im Fach Schulgarten unterrichtender Lehrer hatte ich eine AG "Junge Geflügelzüchter" gegründet.

Mit Unterstützung der Kohlenhandlung Bayer aus Hohen Neuendorf rissen wir in der Oranienburger Straße ein altes unbewohntes Behelfsheim ab, das zuvor als Ausweichquartier für Bombengeschädigte aus Berlin dient, funktionierten es in unserm Schulgarten neben dem Kohlenhändler zu einem Kükenaufzuchtstall um. Erfahrene Hühnerzüchter vermögen mit ziemlicher Sicherheit an der Kloake eines Eintageskükens nach Hennen und Hähnen zu unterscheiden. Letztere sind für Legebetriebe nur unnötige Fresser und werden gern zur Verfütterung z.B. an Raubvögel abgegeben. Aber auch an uns.

Für sehr wenig Geld holten wir uns nach dem Schlüpfen bis zu 300 solcher Eintagesküken, um sie zu mästen. Meine Arbeitsgemeinschaft war mit mir Feuer und Flamme, scheute an kühlen Tagen nicht die regelmäßige Kontrolle der wärmenden Rotlichtlampen, auch nicht in den Abend- und Morgenstunden außerhalb der Schulzeit oder an Sonn-und Feiertagen. Ja, sie nahmen sogar erkrankte Tiere zur individuellen Pflege mit nach Hause. So auch Ansger L., der zwei Jahrzehnte später unserer Tochter M. als Praktikantin Einblick in wissenschaftliches Arbeiten im Bereich Biologie an der Charité ermöglichte. Zur Fütterung kehrten wir z.T. das verstreute Kraftfutter auf den Gängen der Schweinemastanstalt im Volksgut Stolpe zusammen. Erstaunlich, was Begeisterung in dieser Zeit zustande brachte.

Diese Erfahrung mit der Aufzucht von Masthähnen ermöglichte mir im Hühneraufzuchtbetrieb Behrend in Liebenwalde praktische Arbeit in den großen Ferien - mit dem Ziel, meinen Facharbeiterbrief als "Geflügelzüchter" abzulegen. Danach klappte meine Bewerbung in "Luisenhof". Von 1960 bis 1964 drückte ich neben dem Landwirt Harry Pankow aus Teschendorf jeden Freitag ganztägig die Bank. Wir profitierten voneinander, ich von seinen besseren Praxiskenntnissen, Harry von meinen besseren Kenntnissen in den Grundlagenfächern. Ich von seinen Broten mit Hausmacherwurst, er dann von meiner für ihn ungewohnten Schlachterwurst. Die in dieser Zeit entstandene Beziehung hält bis heute.

Landwirtschaft
Landwirtschaft
Getreidestiege in Stolpe
Getreidestiege in Stolpe
Seit dieser Zeit verband uns auch herzliche Freundschaft mit Herrn Stellmacher, dem damaligen Direktor des Volksgutes Stolpe. Er war uns in vielerlei Hinsicht immer hilfsbereit, wie auch wir Lehrer und Schüler dem Betrieb, wenn es um Hilfe beim Einbringen der Kartoffel- Rüben- Heu –Getreide- oder Kirschenernte ging.

Meine Belegarbeit für den Abschluss an der landwirtschaftlichen Fachschule befasste sich mit der Intensivierung der Schweinemastanlage für die bis zu 3000 Schweinen des von Herrn Stellmacher geleiteten Betriebes. Heute ist diese Anlage abgerissen, das Gut dem Verfall preisgegeben. Es tut immer weh, wenn man Ergebnisse der Arbeit dem Fortschritt der Zeit opfern muss, es schmerzt jedoch besonders, wenn das unnötig geschieht.

Gern erinnere ich mich der Fahrten mit Erwin J., dem sicheren LKW-Fahrer des Gutes, wenn wir als Auszeichnung die damalige Leistungsschau der Landwirtschaft in Ostdeutschland in Leipzig besuchen konnten, nicht ohne dem geschichtsträchtigen Völkerschlachtdenkmal einen Besuch abzustatten.

Seit dieser Zeit kann ich als Berufe angeben: Lehrer, Geflügelzüchter und staatlich geprüfter Landwirt. Eigentlich war ich der jetzigen Zeit nur etwas voraus. Wer heute nicht flexibel ist, nicht in mehreren Sätteln zurechtkommt, der hat es schwerer. Die Floskel: Wissen ist Macht, nix wissen, macht nix, mag vielleicht in seinem zweiten Teil auf TV-Reality-Sendungen wie "Big Brother" zutreffen.

In der Sackgasse

Jahre vergingen, die Schülerzahlen wuchsen. In Hohen Neuendorf gab es drei Schulen, die in sieben (!) verschiedenen Gebäuden unterrichtet wurden, von Wohnhäusern in der Puschkinallee und in der Hubertusstraße, von zusammengesetzten Behelfsheimen bis zur alten Druckerei „Saremba“ in der Berliner Str. Ständig wurde umgebaut, saniert, nach Lösungen gesucht. Lehrer hetzten zum Unterricht zwischen den Gebäuden hin und her. Selbst der Ratskeller musste kurzzeitig für den Unterricht herhalten, bis er zur Schulküche umfunktioniert wurde. Es fällt einem Einzelnen wirklich schwer, alle Bewegungen dieser Zeit chronologisch nachvollziehbar zu ordnen.

Aus einem Geltungsbedürfnis heraus hatte sich Herr B. zum Direktor aller Schulen erhoben, weil so die ökonomischere Führung der Schulen gewährleisten sein sollte. Es waren 64 Klassen und über 100 Lehrer unter einer Leitung zu "händeln", von kontinuierlicher Lenkung konnte man in diesem Mammutgebilde kaum sprechen. Meist waren zunächst die Stellvertreter SED-Genossen. Es zeigte sich aber auch, dass neben dem Parteibuch auch Können gefragt war.

So wurde es auch der parteilose Altlehrer Karl Lampe, ein von der Mehrheit des Kollegiums anerkannter Kollege, zuständig für viele Arbeiten im Schulalltag. Anerkennung für seine Arbeit fiel, wie auch andernorts, meist dem Chef zu. Ich schreibe das an dieser Stelle in Bitterkeit, weil es bei mir eine Fortsetzung in diesem Kapitel finden wird.

Lampes geachtete Stellung war in seiner guten Arbeit als Mathematiklehrer, in seinem korrekt höflichen Umgang mit den Kollegen, aber auch mit Aktivitäten im kulturellen Leben der Gemeinde als anerkannter Musiklehrer begründet. Kaum vorstellbar, an den Schulen gab es einmal einen großen gemischten Chor von Schülern, Eltern und Lehrern, daneben sogar ein reines Streichorchester von 18 Lehrern und Eltern.

Auch ich spielte einmal richtig die 3. Geige, den Part mit den längeren Tönen, der einfacheren Stimme, an der Seite meiner Kollegen Loos und Heinrich. Es war noch die Geige von Großvater Siebert (siehe auch HIER), deren Steg nunmehr von Linkshänder auf Rechtshänder umgebaut worden war. Ich war nach der 3. Mendelschen Regel, dem Unabhängigkeitsgesetz, genetisch Rechtshänder geworden.

Doch zurück zu meiner "Orchesterarbeit". Erarbeitet wurden die Tonfolgen der 3. Geigenstimme im Einzelunterricht durch Lehrer Lampe, nachmittags in einem Klassenzimmer. Dies alles fand jedoch ein jähes Ende. Im pflichtbewussten Bestreben, seine Arbeit in allen Bereichen makellos zu tun, erlitt er in der Arbeit einen Herzinfarkt, der von heute auf morgen die Beendigung seiner Tätigkeit an der Schule bedeutete. Auch allen anderen Aktivitäten musste er entsagen.

Von heute auf morgen trug man mir 1963 die Funktion eines Stellvertreters an, ungeachtet meines 1952 erfolgten Austritts aus der SED, der nicht durch Mitgliederwahl entstandenen Einheitspartei von SPD und KPD. Gebraucht wurde meine geachtete und anerkannte Stellung als Lehrer, vielleicht auch mein gelegentlich etwas lautes, konsequentes Durchsetzungsvermögen in den Klassen.

Ich gestehe, geriet ich in "Brast", konnte man mich auch noch im Nebenraum hören. Darum wurde ich auch öfter als "Schülervergatterer" missbraucht. Aber auch im Falle von Alarmübungen, dann hatte ich auf den Fluren "Feuer" zu schreien. Man war sich sicher, alle würden das besser hören als den Alarm mit dem dann meist nicht auffindbaren Signalhorn.

Niederschmetternd war einmal eine Nachfrage meiner Uschi zu diesem Thema. Sie musste zu ihrer einstigen ersten Arbeitsstelle im Rathaus immer am Schulhof vorbeigehen. Nach Dienstschluss auf dem Rathaus fragte sie mich einmal:

Wer hat denn heute morgen da so geschrien, der hat ja eine furchtbare Stimme!

Seit dieser Zeit mühte ich mich um Mäßigung, denn ich wusste derzeit schon, was ich von ihr wollte, mit ihr eine Ehe eingehen. Ging meine Uschi an der Schule vorbei, so winkte ich ihr oft einen Gruß zu. Um dies den Schülern nicht gleich offenkundig zu machen, hob ich dabei nur kurz die Hand.

Zu meinen Lehrerpflichten gehörte auch die Aufsicht beim Einlass am Schuleingang. Dabei kontrollierte ich auch das eine oder andere Mal, ob Schüler ein Taschentuch dabei hatten. Als dann einzelne Schüler anfingen, mir auch ohne Aufforderung beim Betreten des Schulhauses den "Rotzlappen", wie sie es nannten, vor meine Nase hinzuhalten, ließ ich davon ab.

Eitelkeit und Bewährungswille verlockten mich, der Nachfolge von Herrn Lampe zuzustimmen. Sprichwörtlich wie eine Kuh stand ich vorm neuen Tor, vor der Tafel für die Stundenplanung. Ich ackerte wie ein Pferd in meinem neuen Arbeitsgebiet. Ich musste lernen, nicht mehr kumpelhaft mit Kollegen umgehen zu können, musste ihnen nahe treten, um Dinge in schulischem Interesse durchzusetzen. Ich lernte, man hat als Vorgesetzter zwar Einfluss und Macht, gleichzeitig aber nicht immer Freunde. Manche Beziehung wurde distanzierter. Besonders mit denen, die manche schulische Alltagspflichten etwas „lax“ angingen.

Mein Chef verstand es gut, mir in meiner Unerfahrenheit Aufgaben mit solchen Konsequenzen zu übertragen, was den einen oder anderen Kollegen sagen ließ:

Du hast dich ganz schön verändert!

So richtig wohl habe ich mich in dieser Rolle nie gefühlt. Bei aller Bestimmtheit von notwendigen Anordnungen versuchte ich eine Atmosphäre harmonischer Beziehungen zu erhalten oder herzustellen. In der Sache vielleicht unterschiedlicher Meinung, aber im Miteinander ohne Bosheit. In einer Vorgesetztenfunktion tut sich jemand leichter, der auch Bereitschaft zu eigener Dienstleistung erkennen lässt und nicht nur fordert.

Und hierin lag mein generelles Problem mit meinem Chef. Sein Verhältnis zur Macht als Vorgesetzter zeigte Erscheinungsformen von Herrschsucht, mangelnder Kollegialität, Kompromisslosigkeit gegenüber anderen Meinungen bei ausgeprägtem Geltungsbedürfnis. Dies ließ ihn ohne Bedenken Kollegen im Ränkespiel gegeneinander "in die Pfanne hauen". Selbst minimalste Merkmale eines freundschaftlichen Miteinanders in unserer Leitungsbeziehung konnte ich nicht erkennen. Ich schreibe das nicht ohne Bitterkeit. Ich war bei ihm menschlich in eine Sackgasse meines bisher ausgeglichenen Lebens geraten.

In dieser Zeit einer "Großmannssucht" fiel es mir einmal zu, als sein Stellvertreter den großen Laden allein führen zu müssen. Herr B. war für Wochen abwesend?! Viele hofften ihn zu einem Lehrgang für mögliche höhere Aufgaben. Doch dann sickerte durch, es war eine höchst patriotische (politische) Aufgabe, die er erfüllte. Wochenlang war er als verlässlicher Politikkader nach Westdeutschland entsandt, "Aufklärung" zu betreiben, wie er dann später nach seiner Rückkehr im vertrauten Kreis seiner Genossen voller Stolz durchblicken ließ. So gar nicht zu meinem Bild von ihm passte die Adoption eines Jungen und dessen Lebensgestaltung in seiner kinderlosen Ehe.

Während seiner langen Abwesenheit in Westdeutschland wurden Elternbeiratswahlen der drei zusammengelegten Schulen angeordnet. Dabei galt unausgesprochen die Forderung, die Suche möglichst auf Kandidaten der SED zu beschränken und Kirchennahe oder Systemkritische als Kandidaten zu verhindern. Es fielen Referate und Scheinwahlvorgänge an. Sie hätten mir beinahe den gesundheitlichen Rest gegeben. Bis zu 50 Zigaretten rauchte ich in diesen Wochen täglich, war in meiner jetzt nicht mehr existierenden Stammkneipe "Bürgergarten", Schönfließer Str.13, einer Nikotinvergiftung nahe. Übelkeit, Schweißausbrüche und Herzrasen waren eines Abends akute Anzeichen dafür. Ein Signal, das ich verstand und Gott sei Dank beachtete. Es gelang mir, mich von einem Tag zum andern vom Nikotin freizukämpfen. Ja, es war ein Kampf, hilfreich unterstützt von meiner Uschi und der Verantwortung gegenüber unserer zweitgeborenen Tochter Martina. Ich leiste noch heute Abbitte bei meiner nichtrauchenden Frau für die Zumutung, mit einem Raucher die Wohnung und das eheliche Bett geteilt zu haben. Deshalb bin ich auch so kompromisslos in meiner Haltung, wenn es darum geht, meine Enkel vor dem eventuellen Einstieg in diese gesundheitliche und finanziell problematische Abhängigkeit zu bewahren.

Mein langes schriftliches und zorniges Verweilen bei der Person von Herrn B. hat seinen Grund. Es war die einzige tiefgreifende Enttäuschung zwischenmenschlicher Beziehungen in meinem ganzen Berufsleben bis zur Berentung, die mich anderseits aber um so mehr erkennen läßt, was Freundschaften wert sind und bedeuten können.

Dies war der spaßige Ausdruck für uns, wenn ich mit meinem Kollegen Reinhold Mahler als Kreisfachberater für Schulgartenunterricht die etwa 45 Schulen unseres Kreises Oranienburg besuchte. Ich hatte 1973 durch Zufall von der Ausschreibung für den Kreisfachberater Schulgarten vom Schulamt erfahren. Es war für mich die Ausstiegsmöglichkeit aus der Sackgasse als Stellvertreter von B.

Zunehmend wurde ich in dieser Funktion mit der beginnenden vormilitärischen Ausbildung der Schüler an den Schulen konfrontiert. Schon 1956 war ich gemeinsam mit zwei anderen Kollegen in einer Jahresanalyse der Schule öffentlich auf einer Kreislehrerkonferenz als Pazifist gebrandmarkt worden. In der Jahresanalyse stand:

Die Kollegen K., Siebert und L. erklärten sich trotz langer Diskussionen nicht bereit, sich im Gebrauch der Waffen zum Schutz unserer Republik (DDR) zu üben.

Aus ihrer pazifistischen Einstellung ist zu erkennen, dass sie sich nicht das nötige Wissen für die patriotische Erziehung der Kinder angeeignet haben, sonst hätten sie die Lehre aus Lenins Worten über gerechte und ungerechte Kriege gezogen. Die Kollegen L. und Siebert erklärten sich bereit, an der Sanitätsausbildung teilzunehmen.

Eine politische Kollision war nur noch eine Frage der Zeit.

Schulgarten
Schulgarten
Noch am selben Tage, an dem ich von der Ausschreibung der Stelle eines Fachberaters für Schulgartenunterricht Kenntnis erhielt, schrieb ich meine hinreichend begründete Bewerbung:Langjährige Erfahrung im Schulgartenunterricht, mit Arbeitsgemeinschaften sowie in Leitungsaufgaben einer Schule, vorbildliche Schulgärten, erst in der Oranienburger Straße, dann in der Berliner Straße 65 (heute steht dort ein Mehrfamiliehaus), Fachlehrer für Biologie, Facharbeiter Geflügelzucht und Staatlich geprüfter Landwirt.

Wer vermochte da meiner Bewerbung die Eignung absprechen. Ich bekam meinen Ausstieg und B. einen neuen Stellvertreter, ein Mitglied der SED-Parteileitung. Sicher auch von ihm nicht ungern gesehen, nun brauchte man nicht mehr gegenüber dem parteilosen Siebert Vorsicht bei Parteiabsprachen zu üben. Die sich verschärfende politische Gängelung und Einengung, wie auch Wachsamkeit an der Schule konnte unkontrollierter betrieben werden, wie mir aus versehentlich zugänglichen Protokollen der SED-Parteigruppe bekannt wurde.

Als "Furchendackel" fuhr ich meist mit meinem „saharagelben“ Moped die Schulen ab. Es galt, den Schulen und Lehrern des Faches persönliche Erfahrungen mitzuteilen, ihnen bei der Lösung von Problemen, sowohl materieller als auch fachlich-methodischer Art, und bei der Abstimmung mit ihren Schulleitungen zu helfen. Aber ich hatte auch die Qualität ihres Unterrichtes für das Kreisschulamt kontrollierend zu analysieren. Eine Aufgabe, die sich auf Fachliches orientierte und mir in meiner auf Ausgleich und Hilfe bedachten Art ausgesprochen entgegen kam. In der Durchsetzung der Forderungen des Faches Schulgartenunterricht war ich bei eigenem Vorbild fordernd, oft unbequemer, steter Mahner für die Verbesserung der materiellen Bedingungen. Mein Revier reichte zeitweise von Hennigsdorf, Velten, Oranienburg und Mühlenbeck bis Liebenwalde, etwa 45 Schulen.

Struktur der Fachzirkel SGU im Kreis Oranienburg
Struktur der Fachzirkel SGU im Kreis Oranienburg
Gute analytische Arbeit, zahlreiche pädagogische Lesungen zum Schulgartenunterricht (SGU) in Potsdam und am zentralen Lehrerbildungsinstitut in Ludwigsfelde, die Mitarbeit bei der Überarbeitung der Fachlehrpläne im Ministerium für Volksbildung waren auch Grund, mich 1977an das Pädagogische Kreiskabinett (PKK) nach Oranienburg zu berufen. Als ich berufen wurde, hatte ich Mühe, meinem Direktor B. klar zu machen, dass ich nach 33 Jahren Lehrertätigkeit an der Hohen Neuendorfer Schule und dazu noch 10 Jahre als sein Stellvertreter, wohl vor den Schülern eine Verabschiedung verdient hätte. Nur mühevoll rang er sich zu drei Blumen und einem Kurzwort auf einem Apell durch. Das gärte noch nach zwei Jahrzehnten in mir. Doch bei aller Missachtung, ja ich hasste ihn zeitweise sogar, ein solches Ende, wie er es als Tag und Nacht zu betreuender Schwerst-Pflegefall nahm, habe ich ihm nicht gewünscht.

Beim PKK übertrug man mir vertretungsweise die Organisation der gesamten Weiterbildung aller Lehrer, Kindergärtnerinnen und Horterzieher im Kreis Oranienburg. Ich wurde zum Schreibtischtäter, verbiss mich wieder in meine neue Arbeit, suchte Vorgefundenes zu ordnen. Es war eine große Umstellung, täglich mit den gleichen Leuten in einem Büro zu sitzen, festgelegte Arbeitszeiten einzuhalten, ohne zeitliche individuelle Verschiebemöglichkeit, keine erholsamen Kurzferien mehr, nur 24 Werktage Urlaub und sitzen, sitzen und nochmals sitzen.

Meine Zusage zur Übernahme dieser Aufgabe war von Uschis und meiner Überlegung bestimmt gewesen, nicht mehr bei Wind und Wetter und in fortschreitendem Alter auf der doch gefährlicher werdenden Straße mit dem Moped unterwegs sein zu müssen. Nur meine nach wie vor am Ehrgeiz orientierte, erfolgreiche Arbeit schaffte eine gewisse Befriedigung. Ich trauerte jedoch meiner flexibleren Arbeit mit Kollegen und Schülern an frischer Luft unausgesprochen nach.

Wieder war das Schicksal mir gnädig. Schon nach eineinhalb Jahren durfte ich den Stuhl für meinen Vorgänger wieder räumen. Er war aus der Kreisleitung der SED als ungeeignet ins PKK zurückgelobt worden. Mir in gewissem Maße verständlich, hatte er doch als einstiger Schulamtsbewerber an unserer Schule nach der Mitteilung durch die Prüfungskommission "nicht bestanden", die Tür hinter sich so zugepfeffert, dass man ihn zurückrief. Sein Umgang mit Kollegen reichte vom Kumpel bis zu gelegentlicher Überheblichkeit. Seine spätere Dissertation schrieb er wohl über den Vergleich der Kriminalität zwischen BRD und DDR, mit guten Möglichkeiten zur politisch geprägten Schwarz-Weiß-Malerei. Kaum ein hilfreicher, wegweisender, pädagogischer oder psychologischer Beitrag für die Schule. Andererseits zeigte er Größe und adoptierte mit seiner Frau ein Zwillingspaar in seiner kinderlosen Ehe.

Ich wurde 1978 wieder "Furchendackel", konnte mir jedoch einen anderen Fachberater für den inzwischen berenteten Reinhold M. suchen. Mit Siegward Th., einem sehr erfahrenen Schulgärtner aus Borgsdorf, teilte ich mir nun das Revier. Meiner Bitte, mit meinen geforderten Reststunden nicht wieder an die Polytechnische Oberschule unter B. nach Hohen Neuendorf zurückkehren zu müssen, wurde mit meiner Versetzung an die Schule in Bergfelde stattgegeben.

Zuviele Demütigungen und verletzendes Neidverhalten habe ich bei B. als sein Stellvertreter erfahren müssen. Als ich mich einmal mit der perspektivischen Situation der Entwicklung der Schulen in Hohen Neuendorf befasste und unsere Sekretärin Frau A. - ich nenne sie noch heute Klapperschlange - dafür gewinnen konnte, meine aufgeschriebenen Gedanken außerhalb (!) ihrer Arbeitszeit lesbar in die Schreibmaschine zu bringen, erhielt sie das Verbot, für mich Dinge zu schreiben, die er als Direktor (Diktator) nicht zu Gesicht bekommen habe. Sicher war es die Tatsache, dass mein Name unter meinen Überlegungen stand, die ihn störte.

Wie mir bekannt wurde, hat B. später auf einer Direktorenkonferenz meine Aufzeichnungen als seine eigenen wegweisenden Überlegung zur Entwicklung des Schulwesens in Hohen Neuendorf vorgetragen. Solche Handlungen, sicher eine weltweite Erscheinung unter Wissenschaftlern oder Politikern, trieben mir als Betroffenem das Blut in die Adern.

Vom Auslaufmodell zum Newcomer

Hier in Bergfelde entwickelte sich im Ablauf des Schulalltags aus vorheriger Bitterkeit neue Freude. Unter der Leitung einer konsequenten, parteilichen (SED), aber um Objektivität und Gerechtigkeit bemühten Direktorin Bärbel E. machte es mir Spaß zu arbeiten. Obwohl nicht im vergleichbaren Funktionsstand stehend, wurde ich als gleichberechtigter Partner behandelt. Als Direktorin wurde sie sofort nach der Wende 1990 aus dem Schuldienst entlassen.

Mein Wunsch nach Bergfelde zu gehen, war auch geprägt von dem Willen, als Fachberater meine Schulgartenkollegen in anderen Schulen durch eigene Arbeit von der Realisierbarkeit der Lehrplanvorgaben zu überzeugen. Ich wollte zeigen, was alles erreicht werden konnte. Dazu war Bergfelde hervorragend geeignet: Der Schulgartenunterricht und dessen materielle Voraussetzungen waren schlecht. Der Boden war fast reiner Sandboden, vielleicht mit der Bodenwertzahl 22 (Optimum 100). Mein Ziel habe ich im Laufe der nächsten Jahre erreicht. Ich trat nicht nur als "schlauer Maxe" in den anderen Schulen auf. Theoretiker dieser Art ohne anhaltende Überzeugungskraft gab es anderweitig genug.

Gewächshaus im Bau
Gewächshaus im Bau
Fertiges Gewächshaus
Fertiges Gewächshaus
Meine in dieser Zeit erfolgte Beförderung zum Studienrat sehe ich uneingeschränkt als die Anerkennung meiner jahrzehntelangen, erfolgreichen pädagogischen Tätigkeit an, vielleicht schulpolitisch motiviert, doch nicht für die Politik der SED. So gab es gerade unter den Fachberatern viele Kollegen, die etwas konnten, denen aber die "zwei Gramm Metall", das Abzeichen mit den sich reichenden Händen, am Rockaufschlag fehlten, um ihnen Leitungen von Schulen zu übertragen.

Pflanzaktion zur Einschulung
Pflanzaktion zur Einschulung
Ich bin später nach der Wende 1995nur einmal mit einem Seitenblick an meinem alten Schulgarten vorbeigefahren. Das mit Stolz von Schülern, Hausmeister Lehmann und mir errichtete Gewächshaus existierte nicht mehr, wie es überhaupt den Schulgartenunterricht höchstens noch als Rudiment in dem inzwischen veränderten Schulsystem gibt. Doch ich konnte noch einige Sträucher und Pflanzen entdecken, die ich alljährlich mit den ersten Klassen zur Einschulung als Erinnerung an diesen Tag pflanzte.

Diesen Pflanztick übte ich schon immer oft aus. Ja, wir gaben im eigenen Garten den Bäumen auch Namen wie "Süßkirsche Angelika", "Pflaume Alfred", "Nuß Gustav" oder "Apfel Tante Frida". So auch im Jahr 2000 mit der Pflanzung der "Franz-Ludwig-Buche" in Buchholz in der Uckermark, auf dem rückübertragenen Altenteil der Bauern K., meiner mütterlichen Vorfahren. Solange man Bäume pflanzt, glaubt man an die Zukunft! Auch das ist eine mögliche Form des Weiterlebens in der Erinnerung der Nachfahren, wie mir Opa Ludwig einmal sagte.

Wir schrieben das Jahr 1989, ich dachte schon an die Nachfolge für meinen Schulgarten, denn es waren nur noch gut zwei Jahre bis zu meiner Berentung. Meine Gedanken beschäftigten sich schon damit, was ich dann alles machen werde mit meiner Uschi, die schon seit 1987 invalidisiert dem Schuldienst adé sagen musste.

Doch wie sagen alte Sprichwörter? "Erstens kommt es anders und zweitens als du denkst!" oder „Der Mensch denkt, und Gott lenkt!"

Das erste Sprichwort traf nachprüfbar mit Bestimmtheit zu: Es kam anders, als sich dies jemand hätte je träumen lassen. Eine friedliche Revolution.

Ich nenne sie einfach so, auch wenn der Charakter einer Revolution auf den unzähligen Parteilehrjahren der SED, an der alle Lehrer teilnehmen mussten, im Marxschen Sinne anders interpretiert wird. Als immer politisch Interessierter und kritischer "Mitmischer" geriet ich sofort auch in den Sog der Forderung von Gorbatschow nach "neuem Denken", nach "Glasnost" und "Perestroika", Forderung, deren Auswirkungen zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung gar nicht abzuschätzen waren. Gedanken wurden im Leninschen Sinne zur materiellen Gewalt. Aus den zwei Wörtern Gorbatschows "Neues Denken" wurde eine Lawine "Die Wende".

Auf einer Gewerkschaftsversammlung der Bergfelder Schule am 11. Januar 1990 habe ich mich nach einer scharfen Auseinandersetzung in einer Versammlung schriftlich durch Aushang erklärt:

  1. Ich werde ab Februar 1990 meine aktivere Tätigkeit im Rahmen der Gewerkschaft einstellen, aber Mitglied bleiben.
  2. Als Grund führe ich an, dass es auf bestehenden Machtebenen mit alten personellen Strukturen keine Erneuerung der Gewerkschaft geben wird. Ich glaube nicht, dass aus einem ehemaligen Erfüllungsgehilfen der alten SED ein echter Vertreter der Interessen unserer jetzigen Berufsgruppe wird.
  3. Beweis für meine Sorge sind Artikel im ND (Neues Deutschland) wie "Spalter am Werk".
  4. Ich werde zukünftig sachlichere Formen der Auseinandersetzung wählen, in einer anderen zukünftigen Entwicklung in unserm Land.
  5. Ich bedaure meine Lautstärke auf letzter Zusammenkunft. Emotional begründet mit persönlichen Erfahrungen, bin ich nicht nur allergisch gegen jede Regung faschistischen Denkens, auch sensiblisiert, wenn es um die Erhaltung von mir als untauglich erkannter Machtstrukturen von Organisationen und der Partei der SED geht.

Zeitgleich erfolgte mein Wiedereintritt in die SPD Hohen Neuendorf.

Mein SPD-Ausweis von 1946
Mein SPD-Ausweis von 1946
Die Machtstrukturen der KPD/SED hatte ich als 19-jähriger eindrucksvoll kennengelernt. Bald nach meinem Eintritt in die SPD war ohne Mitgliederbefragung der Zusammenschluss der SPD mit KPD zur SED vollzogen worden. Das Demokratiebestreben wurde schon nach drei Monaten durch die KPD und die Schirmherrschaft in der sowjetischen Besatzungszone im Keime erstickt. Es blieb damals bei meinem ängstlichen Versuch, durch Verweigerung der Beitragszahlung den Austritt zu erreichen. Mein Vater war im Januar 1946gerade gestorben, ich musste der Ernährer für meine noch ängstlichere Mutter werden, und so fügte ich mich 1946 widerwillig.

Die psychisch erpresserischen Methoden zur Gefügigkeitsmachung Unwilliger verfeinerten sich nach 1952 immer mehr. Der Druck verstärkte sich: So zum Eintritt in andere Massenorganisation, zum Abonnement der SED-Presse und den Erwerb von deren Literatur, zur Teilnahme an Parteilehrjahren, zum Schreiben diktierter Briefe an Bürger im Westen unseres Landes, zum Ausschluss politisch unerwünschter Eltern in den Elternbeiräten, zum gezielten Gespräch mit parteilosen Kollegen, heute als Vorläufer für IM (Informelle Mitarbeiter) der STASI von mir gedeutet, und mit der aushorchenden und meinungserforschenden Überprüfung jedes Einzelnen durch die Parteileitungen.

Die SED begann zunehmend mit dem sogenannten "Parteiauftrag" zu arbeiten, wonach jeder Genosse jeden durch den Parteisekretär ausgesprochenen Auftrag widerspruchslos auszuführen hatte. Sogar im Liedgut wurde es besungen: "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!!!" Ich hatte mich zunächst bei innerer Gegenwehr und gelegentlichem "Aufmucken" scheinbar angepasst verhalten. Doch 1953 wollte ich mir nicht das Rückgrat brechen lassen, als ich im Parteiauftrag als Lehrer auf dem Bahnhof in Hohen Neuendorf die ankommenden Fahrgäste aus Richtung Frohnau auf mitgebrachte Westwaren hin kontrollieren sollte. Ich sollte auch Schulkinder aus Hohen Neuendorf kontrollieren, die politisch begründet eine Schule in Westberlin besuchten.

In dem von der SED-Genossin L. K. gefertigten Protokoll vom 21. September 1953 steht unter dem Punkt 2a "Agitatationseinsatz gegen die Bettelpaketaktion (gemeint sind CARE-Pakete)":

Gen. R. teilte den Standpunkt der Ortsparteileitung (SED) mit, dass es nicht schädlich ist, wenn die Genossen Lehrer die Kontrolle am Bahnhof direkt vornehmen.

Die am 16.9.53 geäußerte Ansicht der Lehrer-Genossen der Betriebsgruppe, dass die Kontrolle politisch und gesetzlich falsch sei, wurde als zurückweichend und inkonsequent bezeichnet.

Spätestens jetzt hätte ich die für mich absehbare weitere Entwicklung dieses Staates mit der noch möglichen Konsequenz, ihn zu verlassen, beantworten müssen, so wie es bis zum Mauerbau 1961 (im DDR-Sprachgebrauch "Antifaschistischer Schutzwall") etwa 30 Kollegen aus der Hohen Neuendorfer Schule taten. Selten waren in dieser Zeit bis 1961 nach den Ferien alle Kollegen wieder zum Schuldienst angetreten. Meine starke Bindung an meinen Heimatort, nicht zuletzt auch an die hier lebenden Eltern, ließen mich nur den Schritt zum Austritt aus der Partei gehen, in den damaligen Verhältnissen von einem Lehrer für die SED kaum fassbar. Meine Austrittserklärung hatte ich mit meinem Kegelbruder und LDPD-Mitglied J. gemeinsam so formuliert, dass es sich logisch zum Vorteil für die Partei der SED darstellen sollte, nämlich, dass ich kein Hemmschuh für die Entwicklung der SED sein möchte.

Wir bezahlten die psychische Belastung wegen der nach diesem Schritt erwarteten Konsequenz vielleicht mit der Todgeburt unseres ersten Kindes, eines Stammhalters der Familie Siebert.

Die Ortsleitung der SED traute sich diesen Austritt fast ein Jahr nicht weiterzugeben. Der dann folgenden Vorladung vor die Kreisleitung der SED folgte ich nicht mehr und wurde daraufhin durch meinen Dienstvorgesetzten, Schuldirektor M., ins Lehrerzimmer vorgeladen. Mein Schulleiter überließ mich dann der Parteileitung der SED. Nach einer vehementen, kontroversen Aussprache wurde ich wegen "doppelzünglerischen Verhaltens zum Schaden der Partei" unter der damaligen Parteisekretärin K. ausgeschlossen. Ich, der ich schon lange ausgetreten war. Eindrucksvoller hätte die Diktatur der SED-Partei über den Beruf und die Stellung des parteilosen Lehrers in diesem Staat nicht demonstriert werden können. Und 1990 begannen einzelne Erfüllungsgehilfen dieser Diktatur der SED-Partei mit der sich vollziehenden Wende schon wieder ihre Kreise zu ziehen!

Mit diesem Hintergrund stellte ich mich am 6. Mai 1990 in empfundener politischer Berufung einer Wahl zum Abgeordneten und erreichte die höchste Stimmenzahl im Ort:

  1. Günter Siebert (SPD) - 2036 Stimmen
  2. Dr. Dieter Kunke (SPD) - 826 Stimmen
  3. Dr. Petra Heinich(PDS) - 799 Stimmen
  4. Monika Mittelstädt(CDU) - 754 Stimmen

Wahl im Kinosaal
Wahl im Kinosaal
Amtseid
Amtseid
Antrittsrede
Antrittsrede

Arbeitsbeginn
Arbeitsbeginn
Als 63-jähriger sagte ich der nahen Berentung, dem baldigen Ruhestand innerlich wieder adé. Als Neulehrer hatte ich aus dem Nichts einst den neuen Beruf aus Berufung erlernt, warum jetzt nicht? Nach fast 60-jähriger Diktatur wurde ich danach ohne die drei Stimmen der PDS-Abgeordneten, der Nachfolgepartei der SED, von den 16 anderen Abgeordneten der SPD, der CDU und der LPDin geheimer Wahl zum ersten frei gewählten Bürgermeister in meiner Heimatgemeinde Hohen Neuendorf gewählt.

Amtsstube von Opa Siebert
Amtsstube von Opa Siebert
Ich war nicht ohne einen gewissen Stolz, stand ich doch auch in der Tradition meines Großvaters Ferdinand Siebert, der mit nur einer Stimme Mehrheit als Arbeiter gegen die Honoratioren in der ländlichen Gemeinde des Marktfleckens Gerswalde (Uckermark) in den Jahren des vorigen Jahrhunderts dieses Amt bekleidete. (Ein Zeitungsbericht von 1932 würdigt die 30-jährige  Tätigkeit meines Großvaters Ferdinand Siebert als Schöffe, langjähriger Gemeindevertretervorsteher, Standesbeamter und Kirchenältester.)

Für  die korrekte Wiedergabe meiner überarbeitet Lebenserinnerungen von 2002 zeichnet Günter Siebert

                                    Hohen Neuendorf am 29.Oktober 2013