Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 5 Der Krieg geht zu Ende – Gefangenschaft (1945)

Auf den letzten Drücker

Mit abgelaufenem Urlaubsschein vom Arbeitsdienst und nach einem letzten Kontakt mit den Eltern, erreichte ich befehlsgemäß Anfang April 1945 die Kasernen in Döberitz westlich Berlins. Ich glaube, es war nicht allein das Wissen um die spürbare Aussichtslosigkeit des Kampfes, dass unsere Offiziere und Unteroffiziere nicht mehr um jeden Preis den Krieg mit uns fortsetzen wollten. Auch sie orientierten sich schon auf die Zeit nach dem Ende des absehbar verlorenen Krieges, hatten sicher Familie, sie wollten überleben wie wir.

Die Greulgeschichten der Nazipropaganda ließen uns den Weg nur in Richtung der Westalliierten nehmen, nur nicht nach Osten in eine vermutete, todbringende, russische Gefangenschaft in Arbeitslagern. Gerüchteweise war uns zur Kenntnis gekommen, dass die Elbe als Demarkationslinie zwischen den Westalliierten und den Russen vereinbart wäre. Die Richtigkeit unserer Fluchtbestrebungen sollte sich später als allzu berechtigt herausstellen. Demarkation traf auch in medizinischem Sinne zu: Trennlinie zwischen krankem und gesundem Gewebe.

Zur Rekrutierung wurden wir Arbeitsdienstler nach Döberitz bei Falkensee kommandiert. Ich gab an, noch an den Folgen eines eitrigen Furunkels genau in der, man verzeihe mir, Arschkerbe zu leiden. Grund genug, mich nicht den Fußlatschern (Infanterie) zuzuordnen, sondern dem Tross. Der bestand aus etwa 20 bespannten Fuhrwerken mit Munition, Verpflegung und der wichtigen Gulaschkanone (Feldküche) zum Kochen der Mahlzeiten für die vorneweg marschierenden Infanteristen. Eifrig und gewohnt, schnell den Befehlen zu gehorchen, hatte ich auf dem Bock (Fahrersitz) beim Feldscher (Sanitäter) des sich aufreihenden Trosses Platz genommen, als d e r Hauptfeldwebel, in jeder Literatur immer als S p i e ß bezeichnet, mich erblickte. Er stand wohl noch ganz in der Tradition einer alten preußischen Armee, als es noch das sogenannte "Spießrutenlaufen" gab. Auf seine Nachfrage, was ich dort auf dem Wagen mache, antwortete ich betont schneidig, ohne pflichtgemäß die Hacken zusammenschlagen zu können: "Beifahrer vom Bock, Herr Hauptfeldwebel!" Seine Reaktion ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. "Mensch, sind sie wahnsinnig? Wir haben Krieg und sie sitzen faul herum? Vielleicht haben sie sich bald aus der Halle zwei Gäule geholt und angespannt!"

Meldereiter
Meldereiter
Ich ab in eine große Kasernenhalle und zwei Gäule geschnappt. Dann wurde ich - passend zu meiner Neigung für Essbares - als Spitzenduo der sechsspännig gefahrenen Feldküche eingewiesen. Ich erinnere mich noch, wie wir mit gekochtem Eintopf in der Feldküche durch Brandenburg galoppierten, als Flugalarm ausgelöst war. Ich hatte dabei mächtige Angst. Nicht vor möglichem Beschuss, mehr als Ungeübter vor einem ungewollten Abstieg vom galoppierenden Pferd. Wie mein Vater im I. Weltkrieg war ich also bei den „Berittenen" gelandet.

Meine Gäule hielten aber nur 3 Tage durch, denn ich hatte in der Eile drusekranke Tiere genommen. Die bald eitrigen Halsdrüsen gestatteten kein Ausheilen, die Lösung bestand in einem Gnadenschuss. Ich war Gott sei Dank unbewaffnet, wurde aber auch nicht "arbeitslos".

Nun durfte ich den elitären Dienst als Bursche des Bataillonskommandeurs ausüben, war Pferdebursche seines Reitpferdes. Dies bedeutete: Statt An-und Ausspannen nur Satteln, Quartier an bevorzugter sicherer und trockener Stelle zugewiesen zu bekommen, früher schlafen und später aufstehen zu können und immer eine Zudecke durch die große Satteldecke, den Woilach, zu haben. Sie war aus strapazierfähigen Haaren gewebt und hat noch Jahrzehnte später zu Hause ihren Dienst versehen. Selbst als Schlafunterlage für die kühlen Luftmatratzen bei unserem späteren erstem Zelten an der Ostsee tat dieser Woilach noch nützliche Dienste. Diese Decke war eine meiner gewinnträchtigen "Kriegsbeuten".

So tat ich bei unserm Fluchtmarsch gen Westen als Meldereiter Dienst, galoppierte dann an die Spitze des Bataillons, um die befohlene Marschrichtung als Meldung weiter zu geben.

Militärtrompeter Fritz Siebert
Militärtrompeter Fritz Siebert
Das erinnerte an meinen Vater, der im 1.Weltkrieg (1914 bis 1918)in gleicher Funktion bei den Berittenen diente. Mir fehlte nur noch seine Trompete, denn ein Meldereiter musste damals ein Trompeter sein, der so auch als Tonsignal bestimmte Marschbefehle weitergab. Alles hatte für mich ein Ende, einmal brauchte mein "Chef" doch seinen Gaul, und beide kamen nicht mehr zu mir zurück.

Das bescherte mir den Sitz auf einem mit Munitionskisten beladenen Wagengespann. Ohne meine "Vorkenntnisse vom Bauernhof der Großeltern im Umgang mit Pferden" hätte dies alles wohl chaotisch geendet. So war aus dem anfangs „Beifahrer vom Bock", „über den Meldereiter", nun ein „Gespannführer" geworden, mit dem Erlebnissen zweier Deichselbrüche, von denen einer hätte tödlich enden können.

Einmal war ich auf den vor mir fahrenden Wagen aufgefahren. Doch vorsorglich hatte ich auf Rat erfahrener Rosselenker auf meinem Wagen dann eine vorher in einem Dorf "besorgte" Ersatzdeichsel zu liegen, schnell erfolgte das Auswechseln.

Wir marschierten meist verschlafen in der Nacht und ich sehr aufmerksamen, hatte ich doch schon die Erfahrung des Auffahrens. Die zu dünne Ersatzdeichsel wurde mir dann aber beim Bruch Nr. 2 beinahe zum Verhängnis: Wegen der Gefahr durch feindliche Tiefflieger fuhren wir tagsüber in Fliegermarschtiefe. Der Abstand von Wagen zu Wagen betrug etwa 100 Meter, damit sich die Verluste bei einem Tiefangriff in Grenzen halten sollten. Grausige Anschauung sahen wir dazu in zusammengeschossenen Trecks von Flüchtlingen, deren Wagen in die Straßengräben beiseite geräumt worden waren. Beim ersten bergab Fahren rutschte der Ring der Halskoppelketten, mit dem die Pferde den rollenden Wagen aufhalten müssen, über den Haltedorn meiner zu dünnen Ersatzdeichsel. Der Wagen rollte schneller, den Pferden in die Hinterbeine, die liefen wieder noch schneller. Dieses Wechselspiel wiederholte sich.

Als ich die Gefahr erkannte, sprang ich vom rollenden Wagen, klemmte mich vor die Deichsel, um das Gefährt auf den neben der Straße befindlichen sandigen Sommerweg zu lenken. Ich wollte so die Geschwindigkeit verringern und den Wagen bremsen.

Wollen und Können unterschieden sich aber wesentlich. Was dann geschah, wusste nur der hinter mir fahrende Gespannführer zu berichten. Ich war bei zunächst trabenden, dann fast galoppierenden Pferden frontal mit der Deichsel-spitze gegen einen Baum gerast, die natürlich zerbarst. Je ein Pferd war rechts und links am Baum vorbei, deren Geschirre zerrissen. Der Wagen fuhr auf den Baum auf, die Munitionskisten rutschten durch die Fliehkraft nach vorne - und was war mit mir?

Ich lag am Fuße des Baumes, über mir schwebten Munitionskisten, die von den Anspannscheiten der Pferde aufgehalten wurden und so nicht auf mich herabstürzten. Der sofortige Ruf nach einem Sanitäter durch den Nachfolgenden erwies sich dann aber als unnötig. Wie durch ein Wunder hatte ich nur eine Schramme über einer Augenbraue, die noch nicht einmal ein Pflaster erforderte. Auch der neben mir sitzende, fußkranke Infanterist hatte nach seinem mächtigen Schleudersatz in den Straßengraben keine Verletzungen. Glück, Zufall oder Schicksal?? Ja, das ging mir später so durch den Kopf.

So ließ ich nun alles stehen und liegen, raffte meinen einfachen Sack zusammen, ließ eine schön mit Schokolade und Konserven gefüllte ehemals entleerte Munitionskiste samt Pferden und Wagen zurück und suchte schnell, sehr schnell den vor mir fahrenden Wagen zu erklimmen. Gott sei Dank unverletzt geschafft, und weiter ging's auf unserer nun schon beinahe kopflosen Flucht zu einem Elbübergang.

So fuhren wir mit dem Wagentross entlang der Elbe hin und her, um eine Brücke zu finden. Wir fuhren bei Schönhausen nahe der Elbe neben einer Bahnlinie, als eine auf der Strecke stehende mobile Flakbatterie wieder eine Salve, eigentlich sinnlos, in den Himmel feuerte. Die Gespannpferde stiegen erschreckt in die Höhe, wieder Deichselbruch, nur runter vom Wagen, fußläufig dran bleiben an der flüchtenden Truppe.

Da war sie auch schon, die herbeigesehnte Brücke bei Fischbeck. Ein breites Elbtal voller Soldaten, flüchtender und ängstlicher Menschen, Älterer und Jüngerer, Verletzter und Übernächtigter. Alle Dienstgrade füllten die Weite der deichbegrenzten Elbtalniederung. Überall lagen weggeworfene Gewehre, Panzerfäuste und leichte Waffen herum. Weniger die Handfeuerwaffen der Offiziere, vielleicht als eine "letzte" Lösung zurückbehalten, für ein letztes sich zur Wehr setzen oder für ein mögliches Suizid. Den Untergang s e i n e r Armee sichtbar zu erleben, war für manchen preußischen Offizier die größte Demütigung. Sicher gab es auch mit Schuld Beladene unter ihnen, die nun einen Richterspruch unter veränderten Verhältnissen befürchten mussten.

Unsere Blicke suchten die Brücke für den sich rettenden Strom der Flüchtenden über die Elbe. Erschreckt erkannten wir, sie war gesprengt. Was nun? Erst ein suchender zweiter Blick ließ uns erkennen, dass in Höhe des Flusswasserspiegels eine Menschenkette scheinbar übers Wasser lief. Erfahrene "Landser" wussten sofort: Da hat man mit Schlauchbooten einen behelfsmäßigen Übergang geschaffen.

Inzwischen war der Kontakt zu den alten Kameraden schon verloren, alle flüchteten in Richtung dieses rettenden Weges. Es war, als wenn nach einem Fußballspiel alle zugleich durch einen Ausgang das Stadion verlassen wollten. Für uns bedeutete es aber die Flucht vor einer möglichen russischen Gefangenschaft. Nur allzu berechtigt, denn in etwa 2 km Entfernung tauchten auf dem erhöhten östlichen Elbdeich bereits Panzer auf. Fronterfahrene erkannten sofort "T 34", also Russen. Ich konnte mit ängstlichem, rückwärts gerichtetem Blick erkennen, wie ein SS-Offizier herumliegende Panzerfäuste aufhob, um diese den zur Behelfsbrücke Eilenden in die Hand zu drücken. Sie sollten damit die auf den Deichdämmen auftauchenden Panzer der Russen aufhalten. Befehlsverweigerung gegenüber so einem SS-Offizier? Ein fast sicheres Todesurteil.

Nur schnell weg und weiter, nicht noch wenige Minuten vor sichtbarem Ende des Krieges den "Heldentod für den Führer, (der schon Selbstmord begangen hatte) Volk und Vaterland" zu sterben. Wir schrieben den 6. Mai 1945!!!

Von Angst getrieben entledigten sich sehr Mutige ihrer Kleidung, suchten diese behelfsmäßig im Nacken zu bündeln, um dann schwimmend durch die Elbe das rettende westliche Ufer der Elbe zu erreichen. Man konnte mit bloßem Auge gut die frei, fast heiter gestikulierenden deutschen Soldaten dort am westlichen Elbufer erkennen.

Wie froh war ich, die schwankenden Planken unter mir zu spüren, die man nur lose über die darunter befindlichen aneinander gebundenen kleinen Schlauchboote gelegt hatte. Kein Gedanke an einen möglichen Sturz in die Elbe kam bei mir auf, als deren starke Strömung sich durch das Trägergestänge der gesprengten Brücke ihren Weg suchte.

Ein letzter Sprung noch in das seichte Uferwasser und:

ICH WAR GERETTET !!!

Wenige amerikanische Soldaten standen lässig um einen Sherman-Panzer herum, ein aufgetürmter Berg von Gewehren und Pistolen signalisierte wortlos: "Waffenabgabe, du bist Gefangener, für Dich ist dieser Krieg beendet!"

Die Amerikaner verschenkten hier und da eine Schachtel Zigaretten, viele Gruppen diskutierten miteinander, erste Schulenglischkenntnisse wurden aktiviert. Es herrschte einfach eine erlöst heitere Stimmung. DER KRIEG WAR AUS, ENDGÜLTIG FÜR UNS AUS !!!

Am 9. Mai 1945, unterzeichnete General Karl Dönitz die bedingungslose Kapitulation des "1000-jährigen 3. Reiches Deutschland." Nur wer dieses Gefühl "Kriegsende" erlebte, kann wirklich ermessen, was es bedeutet, heute auf 68 (achtundsechzig) Jahre Frieden in unserm Lande zurückblicken zu können, kann ermessen, was heute in Afghanistan, Palästina oder Syrien, oder, oder... geschieht, kann die Sehnsucht nach Frieden in den vielen Flüchtlingslagern oder die der Bootsflüchtlinge ermessen.

Doch bereits zu diesem Zeitpunkt manifestierte sich in Fortführung alter Nazi-Propaganda unterschwellig das Gefühl: Gutes kommt aus dem Westen, das Böse aus dem Osten. Westen bedeutet Sicherheit, und Osten bedeutet Angst. So einfach ist das vielfach bis heute geblieben, diese Urangst. Nur sehr langsam ändert sich auch dieses Gefühl.

Das Kochgeschirr

Die ersten Nächte verbrachten wir nur mäßig bewacht auf freiem Feld. Mit der Landwirtschaft Befasste wussten zu warnen, uns nicht mit der Zeltplane in die blühenden Lupinenfelder zu legen, dies könnte todbringend sein.

Altgediente wussten, ohne K o c h g e s c h i r r und Löffel ist man in Gefangenschaft verloren! Ich wurde blass, Löffel ja, aber Kochgeschirr? Woher nehmen, wenn nicht stehlen, so heißt ein geflügeltes Wort. Ich rang mich zum Verstoß gegen das mir wohl bewusste und verinnerlichte 7. Gebot durch, das zu den 10 Geboten christlicher Grundwerte gehört. Wird der Mensch in der Not schwach, wirft er dann seine bisher beachteten Lebensmaxime über Bord? Ich wurde schwach und warf sie über Bord.

In der Dunkelheit der Nacht meiner Gefangennahme schlich ich mich in dem Durcheinander ermüdeter, niedergelassener, ausgedienter Krieger tastend durch abgelegtes Gepäck. Da fühlte ich ein Kochgeschirr, fest mit Riemen an einen Tornister geschnürt. Das schnelle Lösen der Riemen gelang nicht sofort. Ich nestelte und nestelte, suchte keine Geräusche zu verursachen. Mein Herz raste vor Angst, denn ich wusste, was mir als Ertapptem bei Kameradendiebstahl blühen würde, im Ehrenkodex unter Soldaten ganz an der Spitze von Vergehen stehend. Mir schlug das Herz bis zum Hals, meine Angst verhinderte beinahe normales Denken.

Da, es öffnete sich endlich die Riemenschnalle, ein Kochgeschirrbügel lag verdächtig schwer drückend in meiner Hand. Weg - nur weg, ehe eine Taschenlampe vielleicht aufleuchtete. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben wirklich vorsätzlich jemanden bestohlen. Entschuldbare Sünde?!

Als ich in gebührender Entfernung der Schwere des Behältnisses auf den Grund ging, zeigte sich mir doppelter Gewinn, das Kochgeschirr war voll ausgelassenen Schmalzes. Wie sich am Geschimpfe des kommenden Morgens herausstellte, gehörte es einem "Küchenbullen". Dies entlastete weitgehend mein Gewissen. Wenigstens kein "armer Hund". Der Mann aus der Küche hatte sicher noch andere Sachen in Tornister und Sack über die Elbe hinüber gerettet.

Das war's dann mit dem 7.Gebot: "Du sollst nicht stehlen"! Die zu jedem Gebot gehörende Erklärung (was ist das?) hatte ich schon lange aus meinem Konfirmandenunterricht vergessen.

Diese Geschichte hat eine bleibende Erinnerung hinterlassen: Bis heute, über 60 Jahre danach, habe ich dieses eigentlich unnötige Kochgeschirr nie weggeworfen. Es lag in Schränken, hing in Mutters Bodenkammer an einem Nagel und liegt nun wieder zwischen altem Werkzeug meines Großvaters Siebert im Keller. Hunderte Male nahm ich es in die Hand um es wegzutun, immer wieder legte ich es zurück. Nur einmal wurde ich schwach, verwendete für einen Anstrich mit Farbe den Deckel zweckentfremdet. Er war nicht mehr zu reinigen, rostete nun vor sich hin, wurde entsorgt. Wenn ich das noch vorhandene Kochgeschirr liegen sehe, geht mir immer wieder durch den Kopf: Das hast du gestohlen, würdest du in Not wieder stehlen? Ich bekenne: ja. Die Worte erster Christen im "Vaterunser" geben uns aber "Gott sei Dank" auch die Möglichkeit in Reue um Vergebung dieser Sünde zu bitten: "...und vergib uns unsere Schuld!"

Truppeneinmarsch in eine Stadt

Willig folgten wir am Morgen den Befehlen der Unteroffiziere und Offiziere und hörten von der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Armee. Beinahe nicht fassbar, noch am ersten Tag der Gefangenschaft wurden Beförderungen

Beim Marschieren in der HJ
Beim Marschieren in der HJ
ausgesprochen und von den meisten Untergebenen akzeptiert. So tief saß das, was man im weitesten Sinn als Kadavergehorsam anerzogen, als deutsche Tugend verkauft bekommen hatte. Als man schon im Jungvolk des 3.Reiches von Gleichaltrigen sich in den Dreck kommandieren ließ oder, wie von mir erlebt, vom Tambour des Spielmannszugeswegen falschen Gleichschrittes in den Hintern getreten wurde.

Die neu formierten Gefangenen-Kompanien marschierten wie gewohnt, nun in das von Westalliierten besetzte Tangermünde ein. In der ersten Reihe die Offiziere, dahinter die Unteroffiziersdienstgrade und dann fein in Dreiergliedern wir, das Fußvolk. Nun aber alles gemischt in den Uniformen unterschiedlicher Waffengattungen, dazu Volkssturm mit Armbinde, ich in brauner Reichsarbeitsdienstuniform. Das ließ die Marschkolonnen sogar angepasst frühlingshaft bunt erscheinen. Auch der Gleichschritt klappte noch, denn jeder hatte ja noch weit vor einem Beruf das Marschieren erlernen müssen.

Überall blühte es schon, die Menschen schauten uns zuwinkend aus den Fenstern der Häuser, reichten uns etwas zu trinken und ... blühenden Flieder. Fast jeder hatte an seinem Rock eine Dolde des duftenden weißen Frühjahresboten. Ja, es wurde sogar vereinzelt gesungen. Nicht etwa "Es zittern die morschen Knochen, wenn alles in Scherben fällt, heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt" von Hans Baumann, dieses nun ad absurdum geführte Lied der Nazis. Die Realität war eine andere. Ich erinnere mich mehr an "Schwarzbraun ist die Haselnuss" und anderes noch bekanntes Volksliedgut aus der Wandervogelbewegung. Nicht wie die Verlierer eines Krieges zogen wir nach Tangermünde ein, nein, wie die Sieger.

War das schon Überheblichkeit? Mitnichten, a l l e waren in diesen Stunden total glücklich. Immer wieder riefen wir uns zu: "Der Krieg ist aus! Der Krieg ist endgültig zu Ende!" so, als wäre es für jeden neu. Unbekannte herzten sich, vergessen waren in diesem Moment auch die toten Kameraden, die diese Stunde nicht miterleben konnten.

Als die Kolonne einmal ins Stocken geriet, folgten wir vereinzelt dem Angebot, uns in den Wohnungen der Einwohner zu waschen. Trillerpfeifen riefen wieder zum Weitermarsch und ... wir folgten. Doch nicht alle, wie sich dann vereinzelt herausstellte. Erste Gewitzte und vielleicht auch Mutige, blieben in den Häusern, tauschten Uniform gegen meist nicht maßgerechte Zivilklamotten, um sich von hier dann in ihre Heimat durchzuschlagen. In der russischen Zone hätte diese Art der Verabschiedung aus der Gefangenschaft beim erneutem Aufgreifen die Todesstrafe bedeuten können.

Beschissenes Lagerleben

Nach etwa 15 km Fußmarsch erreichten wir und andere Gefangenenzüge den Flugplatz in Stendal. Er wurde zum riesigen Lager mit etwa 40.000 Gefangenen. In meiner Erinnerung lebt nur noch das Bild von lang ausgeworfenen Gräben, über die wir breitbeinig stehend unsere Notdurft verrichteten. Erste Durchfälle traten auf und dementsprechend auch das Bild im Umfeld dieser Gräben. Es waren reine Balanceakte, den Kotgraben überhaupt zu erreichen. Es ruft noch beim Schreiben diesen Ekel damaligen Geschehens in mir wach.

Unseres Bleibens hier war nur kurze Zeit, denn die Russen bekamen auch dieses Gebiet um Stendal ihrem Einflussbereich als Besatzungszone zugeordnet. Gefangene gab man als nunmehrige billige Arbeitskräfte nicht wieder her, und so verlagerten mich die Amerikaner weiter Richtung Westen in das Gebiet der Lüneburger Heide.

Auf einem Ackerstück, neben einem Erlen gesäumten Bach und einem angrenzenden Dorf nahe Celle schlugen wir etwa 3000 Gefangenen unsere Zelte auf. Unter dem Kommando deutscher Unteroffiziere und Bewachung legerer "Amis" schlugen wir im Wald Pfähle, gruben sie um unser Wiesen-Lager ein, zogen den uns gelieferten Stacheldraht von Pfahl zu Pfahl. Kurzum, wir bauten uns unser eigenes Gefangenenlager.

Eine erhoffte, richtige Latrine aber auch. Ich weiß es noch ganz genau, es waren drei Reihen, auf denen man sich Rücken an Rücken auf (s)einem Loch niederlassen konnte. Wir nannten es "Doppeladlerschiss". Die 106 Sitze waren meist zur Hälfte besetzt, natürlich nicht überdacht, Wind - und Sicht zugänglich, auch von der Straße des Dorfes. Doch das machte uns gar nichts mehr. Hier wurde erhaschter Lesetext weitergereicht, neben Gerüchen auch Gerüchte ausgetauscht. Hier lernte ich also, was sogenannte "Latrinenparolen" sind.

Anders war es, wenn das natürliche menschliche Bedürfnis sich beim Zählappell einstellte. Letzterer war täglich für mindestens eine Stunde Dauer angesetzt. Man nahm es nun schon genauer mit dem Zählen der Gefangenen. Als mich einmal der Durchfalldrang erwischte, konnte ich nur wählen zwischen "in die Hose" (das hatte ich ja schon einmal beim Arbeitsdienst) oder vor die 100 Mann-Kompanie. Dabei hatte ich sogar noch die Wahl, v o r meiner Kompanie oder h i n t e r meiner Kompanie. Ich entschied mich für hinter, war aber gleichzeitig auch vor der anderen Kompanie, die hintereinander angetreten standen. Der Gang zur Latrine blieb dann trotzdem nicht aus, aber nach Appell und mit Schaufel zur Entsorgung.

Spätestens jetzt frage ich mich, was lässt mich immer wieder von "Latrinen-Geschichten" berichten? Noch heute lässt mich dieser Ekel überreagieren und leicht erbrechen. Seltsamerweise macht mir Stalldung aus gleichgearteter t i e r i s c h e r Herkunft überhaupt nichts aus.

Gezählt wurde zunächst bei den Amerikanern, später waren es dann die Briten, denn das Land Niedersachsen wurde der britischen Zone zugeordnet. Schon im Ablauf des Lagerlebens traten damit auch Veränderungen ein, später damit auch andere demokratische Verwaltungsstrukturen auf Bundesländerebene.

Zunächst wurden die Zelte einmal nach Schnur ausgerichtet und in jedem Zelt war ein Unteroffizier der verantwortliche Zeltälteste, analog dem Stubenältesten in der Kaserne. Während die Amerikaner uns in den Zelten unkontrolliert gewähren ließen, brachten die Briten die uns vorher bekannte preußische Ordnung wieder ins Gedächtnis.

Gravierender noch der Unterschied bei den Zählappellen. Der zählende Ami hatte seinen scheinbar lästigen Helm ins Genick geschoben, sein Gewehr mit dem Schaft in die Luft geschultert und am Lauf festgehalten. Er zog Kaugummi kauend an der angetretenen Kompanie vorbei. Nur unverständlich seine gemurmelten Zahlenfolge "one - two - three - ...". So manch einer mag gedacht haben, "und gegen die haben wir den Krieg verloren?" Heute wissen wir, die Amerikaner wählen den Weg der Materialschlachten, wie es leidvoll nicht nur die Völker Vietnams und Afghanistans erlebten. Nur ein lebender USA-Soldat zählt für das Image der Staaten und seine vorgegebene unbesiegbare Stärke. Es bröckelte aber seit dem Vietnamkrieg, wie wird es im Nahen Osten werden?

Neu und erforderlich war auch das zeitlich festgeschriebene tägliche Filzen der Kleiderläuse. Wir saßen alle auf der Erde vor unsern Zelten, wendeten stumm die Kragen und durchsuchten alle Nähte nach den mir bisher unbekannten Tierchen. Die intensive Suche wurde nur unterbrochen von einem leisen Knacken, wenn wieder jemand einen dieser nur bis 3 mm großen Blutsauger entdeckt und zwischen den beiden Daumen zerquetscht hatte. Mancher Daumen färbte sich blutrot vom Jagdgeschehen. Aber, es war nachhaltig erfolgreich, die Anzahl der Bisswunden am Körper verringerten sich.

Gegen die auch krankheitsübertragenden Filz- und Kopfläuse wurde die Bekämpfung noch durch Chemikalien unterstützt. Die Methode war einfach: Uniformrock wie auch Hose im Bund geöffnet, Hände hoch und schon pustete ein stäubender Mitgefangener wie bei der Schädlingsbekämpfung im Obstbau dir mit großer Tube eine Ladung unter den Waffenrock in den Achselhöhlenbereich, eine andere Wolke in den Bereich der Schamhaare. So traten wir nicht ohne Flachsen wöchentlich einmal in Reih und Glied zur "Bestäubung" an.

Sonstige Hygiene konnten wir am Bach erledigen, der unser Lager in seiner Gesamtlänge durchfloss. Von Körper- bis Hemdenwäsche, von Wassernahme zum Kochen bis zum Nachdenken über die Zukunft, der Bach war einfach die Lebensader des Lagers. Hier hörte man noch die Natur mit dem Plätschern des Wassers, genoss auch den Schatten der den Bach säumenden Erlen eines sonnigen Mai 1945.

Und gekocht wurde auch, obwohl es eine Versorgung durch die Feldküche, die Gulaschkanone, gab. Als Kaltverpflegung erhielten wir im Lager trockene Kekse, die sogenannte eiserne Ration, wie sie in jeder Armee als letzte Reserve bei Ausbleiben der Fouriere im Gepäck eines Soldaten zu finden war. Natürlich gab es unter den Gefangenen auch Kochamateure, auch eine Börse für Rezepte, wie man aus Keksen, Brennnesseln und Sauerampfer eine Suppe zubereiten konnte, durch das Quellen der Kekse einen höheren Sättigungsgrad erreichte.

Zutaten wie Salz und Zucker kamen über die "Außendienstler" rein. Jeden Tag konnten sich Gefangene zu einem Dienst außerhalb des Lagers melden, doch nicht jeder kam in diesen Genuss. Sie waren die Kuriere, die nicht Vorhandenes illegal ins Lager einführten. Da diese Gunst für "draußen" willkürlich unter den Zelten verteilt war, funktionierte das auch in der Breite des Lagers.

Ich erinnere mich noch an einen Außendienst, bei dem ich zur Autowäsche für die amerikanische Armee eingeteilt wurde. Die meist betont lässigen amerikanischen "Kameraden", erstmalig hatte ich mit dunkelhäutigen Umgang, hatten da Kakaogetränke im Überfluss, das nur mit einem 1/2 l Henkelglas, wie sie heute in Biergärten verwendet werden, geschöpft werden konnte.

Wir sechs Außendienstler standen im Kreis um den Kakaokübel, schöpften und tranken immer reihum mindestens ein halbvolles Glas aus. Wer nicht mehr konnte, schied aus. Einer brachte es auf sechs Glas, ich war schon beim vierten voll zum Platzen. Nach Nährstoffentzug wollte die Flüssigkeit auch wieder raus aus dem Körper, doch bei Rückfahrt per LKW ins Lager gab es keinen Halt, wie bei Bus-und Autofahrten heute. Wir standen ganz schön unter Druck.

Mit unserer täglichen Versorgung bekamen wir auch alle zwei Tage eine Schachtel Zigaretten, "Lucky Strike", ich erinnere mich genau. Sie wurden schnell zur Devisenwährung. Für Zigaretten tauschte man Eingeschleustes, auch Keksrationen. Nichtraucher wie ich waren dabei die Bevorteilten. Ich erlebte sogar den Tausch: Zigarette gegen Ehering, die Suchtbefriedigung gegen Treuebekenntnis zur Ehefrau! Schlimm, schlimm! Ich empfand dies als abstoßend. Mit meinen 19 Jahren hatte ich Wertvorstellungen der Ehe von meinen Eltern und Großeltern, und die waren andere.

Eines Tages mussten wir uns alle mit nacktem Oberkörper und barfuß aufstellen. Unter den Armen und zwischen dem großen und dem angrenzenden Zeh wurde nach einem Zeichen gesucht. So erfuhr ich, dass man den SS-Angehörigen an besagten Stellen ihre Blutgruppe tätowiert hatte. Sie sollten als freiwillige Gefolgsleute der Nationalsozialisten, als "rassistisch ideale Germanentypen" im Falle ihrer Verwundung durch gesicherte Bluttransfusionen vorrangig und schnell gerettet werden können.

Mit dem Untergang des 3. Reichs hatte ein bisher nicht erkannter SS-Angehöriger im Lagers mit einer glühenden Zigarette versucht, sich dieses Kainsmals zu entledigen. Er wurde aus dem Lager geprügelt und fand in Sichtweite von uns sein eigenes Gefängnis: ein 3 Meter mal 3 Meter großes, gegen Witterung schutzloses freies Wiesenstück, mit Stacheldraht eingezäunt, bei Wasser und Brot. Nach drei Tagen wurde er abgeholt. Wohin?

Im Lager gab es bald auch Vorträge gegen eine Eintönigkeit. Entsprechend des eigenen Bildungsstandes trugen einzelne Gefangene den einfach am Bach lagernden Gruppen etwas aus dem Wissen ihres Berufes vor. So erfuhr ich durch Mitgefangene im Lager viel Wissenswertes über verschiedene Sachgebiete, erstmalig auch über Gräueltaten von SS-Leuten in Konzentrationslagern. Ich begann zunehmend mehr nachzudenken.

Hier im Lager liegen auch die Wurzeln meines bis heute unveränderten Wollens: "So etwas darf es nie wieder geben!", meine Furcht vor Faschismus, der Wille zur Erhaltung einer Demokratie.

Mich erschreckt, dass es über 60 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft junge Menschen gibt, die das Geschehen dieser Zeit leugnen, wider besseres Wissen der Menschen, die sie erlebten. Und es werden immer weniger Zeitzeugen, und es gibt immer wieder neue Anhänger dieser Ideologie. Wie kann man dem nur wirksam begegnen?

Es dauerte nur wenige Wochen und die ersten arbeitsfähigen Gefangenen, die bei der Bahn oder in der Landwirtschaft beschäftigt waren, wurden entlassen. Jedoch nur, wenn deren Heimat in den drei westlichen Besatzungszonen lagen. Die Wirtschaft sollte wieder in Gang gesetzt werden, Arbeitskräfte waren vonnöten.

Der ich in der sowjetischen Besatzungszone ansässig war, wurde aus lebenserhaltenden, guten Gründen nicht nach Hause entlassen. Zwei Wochen arbeitete ich als Gefangener in einer Schwellenkolonne der Reichsbahn. Hartholzbohlen mit den darüber führenden Schienen lagerten zur Stabilität auf grobem Schotter. Solcher, wie wir ihn heute vereinzelt noch als kleine Pflastersteine im Traufbereich größerer Bäume in den Städten finden, die eine bessere Durchlässigkeit für Luft und Wasser ermöglichen.

Mit der Schaufel mussten wir den Schotter zwischen zwei Schwellen entnehmen, ihn von Erde und Gesplittertem mittels einer eng gezinkten Forke sieben und wieder in das leere Bett einbringen. Andere waren damit befasst, mittels stumpfer großer Hacken, den Schotter wieder in rhythmischen Schlägen der Kolonne unter die Schwellen zu schlagen. Stopfen nannte man das. Eine dritte Kolonne zog die gelockerten Schienenschrauben an oder alle zusammen ersetzten ganze, ausgefahrene Schienenstränge.

"Räder rollen für den Sieg!" stand zu Kriegszeiten an den Lokomotiven, die Truppen und Kriegsmaterial durch Deutschland zogen. Und sie zogen vergeblich Kriegsmaterial und Truppen hin und her an die Fronten für den Endsieg. Aber auch Gefangene und Vertriebene in Lager und noch schlimmer: Menschen zum Tod ins Konzentrationslager. Dieses Gleisbett war wirklich kaputt, sanierungs- und erneuerungsbedürftig für andere Frachten.

Lager lebwohl

Im Juni 1945 nahm ich die Chance wahr, mich zur Arbeit in der Britischen Besatzungszone zu melden. Für mich Gefangenen mit der Heimatadresse in der sowjetischen Besatzungszone gab es nur die Wahl zwischen Eisenbahn oder Landwirtschaft. Aus dem uns bekannt gewordenen sehr verständlich: Ich meldete mich für die Landwirtschaft.

So schnürte ich Ende Juni mein Sackbündel (mit Kochgeschirr und Woilach), erhielt meine ordentlichen Entlassungspapiere, bekam an meine noch immer alte Arbeitsdienstbluse ein gelbes Dreieck angeheftet, das Zeichen für einen aus dem britischen Gefangenenlager Entlassenen. Dadurch wurden Uniformträger als entlassene Kriegsgefangene ausgewiesen, durften auf Hilfe der Bevölkerung setzen, wurden nicht als flüchtig angesehen. Man fühlte sich aber doch als Gekennzeichneter, wie müssen sich da Menschen mit dem Judenstern gefühlt haben, die in der Regel nicht auf Entgegenkommen hoffen durften.

Wir wurden auf einem Lastkraftwagen nach Uelzen zur Verteilung an die Bauern verfrachtet. Es war eine andere "Endstation" als die Gaskammer für die einst mit Davidstern Versehenen, wir waren frei, wurden dem zivilen Leben zurückgegeben. Hier nach Uelzen hatten niedersächsische Bauern ihre Arbeitskräftewünsche gerichtet. So war der Wunsch des Bauern Fritz A. in Hahnenhorn mir zugefallen. Hiermit endete dann mein nur kurzes, etwa zweimonatiges Gefangenendasein, und für mich begann ein neuer Lebensabschnitt.