Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 6 Ich hab' noch eine Tasse in der Lüneburger Heide (1945)

Als Landarbeiter bei Bauer Fritz A.

Das Gehöft
Das Gehöft
Aus dem Gefangenenlager entlassen, zur Verteilung in Uelzen, schaffte ein LKW mehrere Entlassene zum jeweiligen Bauern des Gebietes um Hohne im Kreis Müden. Meine Fahrt endete beim Bauern Fritz A. im kleinen Ort Hahnenhorn. Die Landschaft ließ eine erste Einschätzung zu: Flaches Land und Gräben deuteten auf ein entwässertes Moor hin, dunkler Boden auf fruchtbares Land, ausgedehnte Wiesen mit Rindern auf große Weidewirtschaft.

Soviel ich noch weiß, bewirtschaftete mein Bauer Ahrens etwa 100 Morgen, davon zirka 40 Morgen unter dem Pflug, etwa 40 Morgen Weiden und 20 Morgen Wald und Ödland. Ein ähnliches Nutzungsverhältnis hatten auch die wenigen anderen Wirtschaften des Dorfes.

Ich wunderte mich damals, wie es möglich war, dass ein Bauer, Anfang der Dreißiger, schon (oder noch) bei Kriegsende auf dem Hof zu finden war. Soweit ich mich erinnere, sollten die hier ansässigen Erbhofbauern das gewonnene Land optimal bewirtschaften. In der Landwirtschaft und bei der Bahn Beschäftigte waren bei den drei westlichen Alliierten ja auch die ersten aus der Kriegsgefangenschaft Entlassenen.

Das Gehöft lag am Rande des Dorfes, Wohnung, Stallungen und Scheune alles unter einem Dach, gewissermaßen trockenen Fußes vom Schlafzimmer ins Heu, vom Stall in die Küche.

Auf dem Hof gab es noch Unterstellmöglichkeit für Wagen, Geräte und Maschinen. Den Binder, eine Garben bindende Getreideerntemaschine, hatte er jedoch aus Kostengründen gemeinsam mit dem Nachbarn Bauer M., wie sich diese beiden Wirtschaften überhaupt gegenseitig auch mit Gespanndiensten halfen.

Als ich so mit mit meinem Bündel Habseligkeiten, in alter Arbeitsdienstuniform unter seine Augen trat, mag er wohl gedacht haben: Na, ein junger, kräftiger Bursche ist es ja. Diese Positivwertung schien sich aber an seiner Physiognomie erkennbar zu verändern, als ich ihm sagte, dass ich aus dem Raum Berlin käme. "Was soll ich mit diesem Großstädter auf meinem Hof?", diese Frage stand unausgesprochen im Raum.

Familie A.
Familie A.
Zu viert saßen wir dann erstmalig zum Essen am Tisch in der Wirtschaftsküche nahe der Waschküche. Der Bauer, die Bäuerin, ihre kleine erste Tochter und ich. Sie unterhielten sich in einem Dialekt, der dem uckermärkischen Plattdeutsch verwandt war. Mit diesem Dialekt vertraut, konnte ich mich auch einmal ins Gespräch einmischen, als es um die Heuernte ging, denn ich wollte bei meinem Arbeitgebern möglichst Eindruck machen und gut dastehen. Hier muss Bauer A. wohl das erste mal gestutzt haben.

Aus dem Gespräch hatte ich entnommen, dass es am nächsten Tag ins Heu gehen sollte. Die günstige Witterung Anfang Juni hatte die erste Wiesenmahd gut trocknen lassen. Da war dann Eile geboten, sollte nicht ein grober Regen das Heu in seiner Qualität mindern.

Ein Unkundiger muss wissen, zum Beladen eines Wagens nutzte man Stakforken. Sie haben einen etwa 2,5 m langen Stiel, waren für Heu drei zinkig. Die Stakforke mit diesem langen Stiel zu hantieren, erforderte schon einige Übung.

Als ich am nächsten Tag gemeinsam mit dem Bauern das Heu stakte, das von den beiden Packern an die richtigen Stellen für den Zusammenhalt einer Fuhre gebracht werden musste, hielt er schon nach wenigen Forken inne und meinte: "Das hast du aber nicht das erste Mal gemacht". Ruhigen Gewissens konnte ich dies bejahen unter Hinzufügung, dass meine Mutter aus einer Bauernwirtschaft stammt und ich dort oft zu Besuch war.

Von Stunde an hat mich mein Bauer A. wohl mit anderen Augen gesehen, ich avancierte zum "Berliner Landarbeiter mit abgeschlossener Landwirtschaftslehre". So diente ich mich im Laufe der nächsten fünf Monate an, gewann beim Bauern zunehmend Vertrauen in meine Landarbeit für seinen Hof.

Ochsenkutscher

Dieses Vertrauen gipfelte später in der eigenverantwortlichen Überlassung seiner drei Pferde an mich, ein kostbares Gut damaliger Bauernwirtschaften. Ein Fohlen lief zunächst nur angebunden neben einem Arbeitspferd, wurde frühestens mit drei Jahren angespannt, musste sich erst an das Geschirr, später ans Anspannen gewöhnen. Ein gutes Arbeitspferd sollte zugfest sein, kein Schläger oder Beißer. Wenn es auch noch gut "unter dem Sattel" ging, war es beinahe vollkommen. Trafen all diese Eigenschaften bei einer Stute zu, suchte man hier Fohlen nachzuziehen, denn viele Eigenschaften waren als Anlagen vererbbar. Beim Schreiben erinnere ich mich dunkel an ein Pferd, dass gerne mit den Vorderbeinen in die Höhe stieg, so auch auf die Futterkrippe. Wir nannten es "der Zigeuner". Gute Pferde konnte man nicht nach Katalog bestellen, mit festem Liefertermin und Garantieforderungen bei Ausbleiben angepriesener Leistung, wie dies heute anderweitig üblich ist.

Als Vorstufe ackerte ich schon einmal mit einem Ochsengespann. Dieses Ersterlebnis werde ich nie vergessen. Das war richtige Arbeit, und Nerven kostete es auch. An den Leinen musste man schon kräftig ziehen, um eine Richtungsänderung zu erwirken. Diese Ochsen kannten keine Trense im empfindlichen Maul, ihr Schritt war beständig aber gemächlich, für den Gespannführer galt es Ruhe zu bewahren, nichts für schwache Nerven. Der langsame Schritt hinter ihnen strengte mehr an als zügiges Laufen.

Mit ihnen eggte ich das abgeerntete Kartoffelfeld, um die noch im Boden versteckt liegenden Kartoffeln der Sorte "Ackersegen" zum Nachlesen ans Tageslicht zu bringen. Dabei waren schon über 200 Zentner vom Morgen (2500 qm) geerntet worden.

Beim ersten Eggen begleitete mich der Bauer, musste er mir doch zeigen, die Eggen beim Wenden für die Rücktour an einer Seite anzuheben, sollten sie nicht umschlagen und den Zugtieren die Hinterbeine verletzen.

Da lief es sich später in der Pflugfurche hinter zwei Pferden schon leichter, wenn auch gelegentlich mit einem Wolf zwischen den Beinen, wenn man stundenlang in der Furche beim Pflügen einen Fuß genau vor den anderen setzen musste. Doch hierbei gab es wieder etwas anderes zu beachten. Weniger Gefährliches, mehr Optisches:

Auf der Koppel
Auf der Koppel
Die Wege zwischen den Feldern waren schnurgerade und so gerade musste auch die letzte Pflugfurche vor dem Arbeitsende sein. Wenn dann die Bauern abends mit ihren Gespannen nach Hause fuhren, sollte die letzte Furche auch allen kritischen Blicken der anderen standhalten.

Bauer A. war kein Mann vieler Worte, hatte aber ein gewisses Feingefühl. Dies zeigte sich z.B. an den Wochenenden. Am Sonntag hatte ich immer das ganze Gehöft zu säubern, d.h. den Hof zu harken, den Schweinestall auszumisten, die leeren Rinderstallungen und die Tenne zu fegen. Wollte ich einmal am Sonntag richtig ausschlafen, was junge Leute ja gerne tun, verrichtete ich diese Arbeiten schon am Samstag Abend, noch n a c h der täglichen geleisteten Arbeit, teilweise bei Licht nach Abendbrot. Ohne meinen Wunsch auszusprechen, verstand der Bauer auch so, er ließ mich am Sonntag in Ruhe, weckte mich nicht, wie sonst üblich.

Ich hatte im Obergeschoss sogar ein eigenes Zimmer. Es lag gegenüber einem weiteren, in dem ein anderes mitarbeitendes, rothaariges Mädchen schlief. Wie ich einmal feststellte, schloss sie immer zweimal ihre Tür ab, einmal zu und das zweite Mal wieder auf. Ich glaube, sie erhoffte einen Besuch, doch ich war zu diesem Zeitpunkt mit 19 (!!!) noch völlig unerfahren in solchen Dingen, in der Heutzeit kaum noch zu glauben. Wie ich mich weiter erinnere, war sie auch von einfacher Denkweise, für mich weniger anziehend.

Arsch nach oben

Im Dorf Hahnenhorn regte sich aber schon geselliges Leben. Treffpunkt war die Tenne eines anderen Bauern im Dorfe. Sie war gefegt, ein Musiker spielt auf einer Harmonika auch schon zum Tanze auf. Kriegsbedingt waren die Mädchen dabei in der Überzahl, doch ich konnte nicht tanzen. Wie auch andere saß ich auf den in der Tenne abgestellten Gerätschaften und Wagen.

Doch gefallen wollte ich schon. Auch hier zeigten die A.'s Gespür, denn sie spendierten mir aus Vaters Kleiderschrank ein Hemd mit einem passenden Schlips, die mein Outfit nicht mehr so an einen entlassenen PW (prisener of war) erinnerten, der ich immer noch die Uniform vom Arbeitsdienst trug.

Doch viel Müßiggang war zu dieser Jahreszeit nicht angesagt, zu sehr forderte die Erntezeit den Menschen. So lernte ich auch eine andere Art der Lagerung von Getreide kennen. In der mütterlichen Bauernwirtschaft wurde das gebundene Getreide gleich in die Scheune verbracht, hier setzte man einen Schober, „

Rund um eine hohe Stange wurden die Garben von dem Packer geschichtet. Als Letzter in einer Garben weiterreichenden Kette war ich der Zureicher für den Packer. Auch er bemerkte meine Vorkenntnisse bei dieser Arbeit. Ja ich wusste, dass der Letzte die Garben mitunter drehen musste, damit sie sich besser der Lagerung anpassten. Vom Aufstellen der Hocken auf dem Feld waren sie an den unteren Schnittstellen mitunter schief gestanden. Zum Packen mussten sie dann der Lage angepasst werden. " Arsch nach oben!", hatte in Buchholz Vater Söler, ein schon früh aus Russland Eingewanderter, mir immer wieder zugerufen, bis ich es begriffen hatte. Nun trug es Früchte.

Stripp, strapp, strull, is de Emma nich bald vull?

Doch etwas hatte ich noch nicht erlernt: Das Melken. Dies war auf dem mütterlichen Bauernhof immer die Domäne der Frauen und Mädchen, in Buchholz von Tante Alma und meinen Cousinen Annemarie und Marga.

Doch ich wollte es hier und heute wissen. "Kann ich auch melken lernen?", fragte ich den Bauern. Wieder traf ich auf Verständnis, ob er wohl mein Hierbleiben auf dem Hof erhoffte? Theoretisch wusste ich ja, wie das Melken ging, aber Theorie und Praxis sind zwei verschiedene Schuhe. Dies, zumal die Kühe nicht angekettet waren, sondern tagaus, tagein 24 Stunden zum Weidegang draußen in der Koppel. Wenn einer dann lange am Euter ungeübt herumfummelte, lief die "blöde Kuh" einfach weg. Erika wurde mein "Erstmelkling". Sie hatte vier gleichmäßig ausgebildete Striche (Zitzen) und gab die Milch leicht her.

Die ganze Zeremonie verlief dann so: Im Morgengrauen, noch schlaftrunken, natürlich nur Katzenwäsche, zog man zur Koppel. Die Kühe waren oft im Dunst nicht zu sehen, reagierten aber auf mehrmaliges lautes Rufen: "Heuta, heuta, heuta". Schemenhaft tauchten sie aus dem Morgennebel auf. Ja, und wo war nun Erika? Mit Ohrmarkensuchen war da nix, man musste sie am Äußeren erkennen. Jedes Schwarzbuntes Niederungsrind hat eine andere Zeichnung, es ist gewissermaßen der "Fingerabdruck" einer Kuh. Für Herdbuchzuchten wurden so auch die Muttertiere und Zuchtbullen als "Passbild", früher gezeichnet, später fotografiert, unverwechselbar. So fand ich bald auch optisch immer meine Erika.

Erika war gewöhnt, still zu stehen. Ich setzte mich mit dem Melkschemel, ein einbeinig konkav geformter Sitz, der mit einem Lederriemen um die Hüften gebunden wurde und somit die Hände frei hielt. Nun ran an und unter die Kuh, zwischen den Beinen den Eimer festgeklemmt. Aus einem Strich zog man etwas Milch, fettete sich damit die Hände für leichteres Melken ein und zog abwechselnd rhythmisch mit beiden Händen an zwei Zitzen. Stieß zwischendurch auch mit der Hand ans Euter, um das ursprüngliche Butzen der Kälber beim Säugen nachzuahmen und damit bessere und erhöhte Milchabgabe zu erwirken. Wechselseitig kamen dann die anderen beiden Striche dran, bis ... keine Milch mehr floss. Verblieb noch Milch im Euter, könnte das zu Entzündungen oder nachlassender Milchleistung führen. Darum musste die Bäuerin bei mir anfangs noch nachmelken.

Bei meinen Cousinen in der Uckermark hatte ich mir auch abgeguckt, wie man verhinderte, den wedelnden, nicht immer ganz sauberen Kuhschwanz um die Ohren gehauen zu bekommen. Also dicht ran mit dem Kopf an die Bauchwand und mit dem Bindegarn einer aufgeschnittenen Garbe den Schwanz einfach am Hinterbein festgebunden. Problem gelöst!

Nach wenigen Wochen bewältigte ich schon zwei Kühe. Man glaubt gar nicht, was das für Kraft in den Unterarmen erfordert. Voller Respekt weiß ich, dass auf den Gütern gute Melker zehn und mehr Kühe nacheinander zu melken imstande waren. Gute Schweizer, so wurde der Berufsstand des Melkers genannt, waren in der Landwirtschaft gesuchte, anerkannte und besser bezahlte Leute. Darum noch heute meine Anerkennung, dass sich die A.s mit mir dieser Mühe zum Erlernen des Melkens unterzogen.

Wie man "Honig" schleudert

Bei dem praktizierten Weidegang entfiel das tägliche Ausmisten des Stalles, doch das "Scheißen" haben die Rinder bei dem reichen Futterangebot nicht aufgegeben. Kühe "äpfeln" nicht wie ein Pferd, sie entledigen sich eines satten Kothaufens, was bei saftigem Futter und etwa 30 Liter täglicher Wasseraufnahme nicht verwunderlich ist.

Im Laufe eines Monats war die Weide reichlich mit diesen Kuhfladen garniert. Die Größe eines türkischen Fladenbrotes ist damit durchaus identisch. Alle Tiere fraßen darum herum, Gräser vergilbten, Disteln vermehrten sich in diesem Bereich üppiger. Da Rinder als reine Pflanzenfresser mehr als 3000 Arten gut mit den Papillen ihrer Zunge unterscheiden können, waren sie sehr wählerisch. Welch ein Schwachsinn, sie heute aus Profitstreben entgegen biologischer Ernährungsweise ihre eigenen Kadaver fressen zu lassen, mit den Folgen der Verbreitung von BSE-Erkrankungen.

"Günter, wir müssen mal wieder Honig schleudern!" Letzteres war die freundlich humorvolle Umschreibung der Beseitigung dieser Kuhfladen. Dazu bewaffnete ich mich mit einer vierzinkigen Mistgabel und schwang diese mit kräftigen Armschwung über dem Haufen hin und her. Wenn ich dabei die Fladen traf, wurde jeweils ein Teil davon in die Gegend der Weide geschleudert. Die Gräser unter den Fladen hatten kaum noch Chlorophyll, die Weide war hell fleckig wie die Haut nach frisch überstandener Scharlacherkrankung.

Doch bei der Unberechenbarkeit ausgeführter Schwingungen, spritzte der "Honig" nicht nur auf die umliegende Weidefläche. Ganzwäsche war danach angesagt. Sie fand bei mir in einer kleinen Wanne statt, nur zum Hineinstellen, die ich auf dem Gang des Schweinestalles aufstellte. Ja, so war das mit dem "Honigschleudern".

Eine "Scheiß-Geschichte"

Doch, da gab es noch eine andere "beschissene Geschichte", eine historische. In der Stallung war auch eine Toilette, wo i c h meinen drängenden Geschäften nachgehen konnte. Für „hinterlistige Zwecke" war das Papier mit der Auswahl zwischen drei-oder vierlagig noch nicht auf dem Markt. Man behalf sich mit Zeitung oder anderem Papieren. Bauer A. hat sich für ein Buch entschieden, ein ganz besonderes: "Mein Kampf" von Adolf Hitler, dem wir die ganze Schose bis zur Heutzeit verdanken, und mit dem wir uns angesichts der "Glatzen" wohl auch weiter beschäftigen müssen, heute, 68 Jahre später.

Dieses Buch von der Sorte, die man als "Bestseller eines Diktators" in vielen Schränken fand, wie etwa später auch anderen Ortes solche von Stalin, Ulbricht oder Honecker. Hätte man „Mein Kampf" doch früher gelesen! Mein Verweilen auf der Toilette war nun oft länger als erforderlich. Ich las in diesem Buch erstmalig, obwohl ich im 3. Reich aufgewachsen war. Ich war erschrocken, was darin zu lesen war.

Ich fragte mich damals, was Außenminister europäischer Großstaaten bewogen hat, sich bei der im Buch aufgezeigten Zielstellung mit diesem Mann H. an einen Tisch zu setzen. Heute weiß ich es besser. Wenn gesagt wird, die Geschichte wiederholt sich nicht, widerspreche ich dem in einigen Punkten, zumindest, was den Versuch dazu angeht.

Bis heute habe ich nicht die in dem Buch erklärte Absicht vergessen, Mütterhäuser, sogenannte Lebensborne, einzurichten. Hier sollte um einen durch Selektion erkorenen typischen arischen Mann ein Kreis von etwa acht arischen Frauen in diesem Lebensborn zusammen leben, in einem "Arierpuff" sozusagen. Sinn des Ganzen war die Zeugung von Nachkommen mit typischen Merkmalen der arischen Rasse wie z.B. groß, kräftige Statur, blond und blauäugig. Heute würde dieser Unmensch H. wahrscheinlich dafür Samenbänke schaffen. Dazu brüllen heute solche vielleicht verhinderten Zuchtbullen auf der Straße wieder "Heil Hitler", weisen dabei aber oft erheblich abweichende körperliche Merkmale auf, müssen dem Erblonden mit Bleiche nachhelfen.

Ich erinnerte mich auf dem stillen Örtchen an meinen Biologieunterricht, als wir gegenseitig unsere Kopfformen nachmessen mussten, um dann zu analysieren, wer den arischen Rassenmerkmalen am besten entspräche. Armer Einstein oder Schweitzer oder Sauerbruch oder Gandhi oder ... usw., usw., usw.

Mein Bauer A. hatte jedenfalls die richtige Schlussfolgerung gezogen, die Seiten reichten zum "Arschabwischen", Seite für Seite und dann darauf einen Haufen gesch ... Ich denke, meine Schulzeit am Lessing-Gymnasium mit mehrheitlich humanistisch geprägten Lehrern begann hier ihre ersten Früchte zu tragen.

Die "Bauernwehr"

Aus diesen ersten Nachkriegsmonaten gab es um Hahnenhorn jedoch auch Unerfreuliches zu berichten, wenn nicht sogar Gefährliches. Irgendwo in der Gegend war noch aus Kriegszeiten ein Lager mit ehemals polnischen Gefangenen, so meine Erinnerung. Sie lebten noch dort und zogen nachts auf Nahrungssuche wildernd umher. Vieh auf Weiden, aber auch in Gehöften waren bevorzugte Objekte. Als wir Dorfbewohner von einer gewaltsamen Inbesitznahme erfuhren, wurde im Dorf so etwas wie eine "Bauernwehr" organisiert. Wir waren damals etwa 15 Männer im wehrfähigen Alter, die sich zu jeweils fünf die Nachtwachen teilten. Also, jede dritte Nacht nach schwerer Tagesarbeit mit wenig Schlaf auskommen zu müssen. Bewaffnet waren wir mit Forken, und als Alarmsignal diente ein großer leerer Behälter im Dorf, der im Falle von Auffälligkeiten oder Übergriffen laut dröhnend geschlagen wurde. Ich erinnere mich Gott Lob an nur einen Fall ohne Folgen im Dorf.

Hahnenkampf

Bauer Ahrens sah mich nun schon als "aus gelernten Landarbeiter mit Gesellenbrief" an und erteilte mir eines Tages den Auftrag zum Schlachten eines Hahns für das sonntägliche Mahl. Das hatte ich jedoch noch nie getan, wollte aber mein Unvermögen ums Verrecken nicht zugeben. Lieber Leser, hast du schon einmal einen frei laufenden Hahn gefangen? Nach vergeblichen Versuchen kam ich auf die Idee, eine große Hühnerschar mit einem Hahn durch die offene Tür in den Schweinestall zu keschern. Tür zu! Obwohl keine Fluchtmöglichkeit gegeben, erwies sich meine Hatz durch die Buchten mit Schweinen auf meinen Hahn als schweißtreibend, aber schließlich erfolgreich.

Zwar hatte ich meiner Großmutter beim Schlachten schon einmal zugeschaut, doch selbst schlachten? Das bedeutet auch Töten! Ich packte den Hahn mit der linken Hand an beiden Beinen, in der rechten hielt ich das Beil. So schritt ich auf den am Holzplatz stehenden Hauklotz zu.

Ich hatte gehört, wenn man auf dem Klotz einen weißen Strich ziehen würde, läge der Hahn still. Woher nehmen? Ach, das ist sicher nur ein Märchen. Auch ohne Kreidestrich tat mit der Hahn den Gefallen und lag mit dem Hals still auf dem Hauklotz. Ich holte aus ... und setzte wieder ab. Im ersten Versuch verweigerte mir mein Arm einfach den Dienst. "Du sollst nicht töten!" Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen, um diesen Akt meiner Tötung eines Lebewesens nicht ansehen zu müssen. Doch was wäre, wenn ich den Hals nicht richtig treffen würde, vielleicht gar die haltende Hand? Erst im zweiten Anlauf konnte ich mich überwinden und traf an der gewünschten Stelle, trennte Kopf vom Körper. Da schoss im Takt des Herzschlages das Blut aus dem nun kopflosen Hals. Nicht erwartetes Entsetzen packte mich, ich ließ die Füße los. Es folgte ein neuer Schock, als der enthauptete Hahn auf flatterte und los rannte, so wie die Sage von der Enthauptung eines Störtebekers erzählt, der enthauptet noch an Gefolgsleuten vorbeigelaufen sei und die Passierten so vorm dem Tode gerettet habe.

Kückenaufzucht
Kückenaufzucht
Endlich hatte der Hahn ausgeflattert und war verblutet. Ich brachte ihn wortlos zur Bäuerin, entließ das übrige Federvieh aus seinem Gefängnis Schweinestall in die Freiheit des Hofes mit Grün. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, später einmal in unserm Garten aufgezogene 25 Hähne zum eigenen Verzehr mit dieser Erfahrung zu schlachten. Fällt ein zweites Mal töten schon leichter? Doch unsere Töchter waren niemals Zeuge dieser Handlung.

"Na Bua, kennst mi noch?"

So vergingen 1945 die Tage und fünf Monate, bis Zeitung und Rundfunk in mir die Frage nach dem Schicksal meiner Eltern keine Ruhe mehr ließen. Was war zu Hause los, lebten Vater und Mutter noch, stand unsere Wohnung noch?

Familie A. hatten Verständnis für mich. Die Ernte war eingebracht, als ich ihnen meine Absicht für den Blick nach Hause offenbarte. Ich hatte mir einen Sack mit Stricken zu einem Rucksack umfunktioniert, in den ich meine paar Habseligkeit tat, eingedenk meiner Erfahrung: Löffel, Kochgeschirr und Decke immer am Mann.

Bis nach Hahnenhorn war schon die Kunde gedrungen, dass es mit den Zuständen in der russischen Besatzungszone nicht zum Besten stünde. So taten die A.s auch noch ein Brot, eine Dauerwurst und ein großes Stück Schinken in den Sack, auf dass ich möglicherweise zu Hause etwas auf den Tisch legen könnte. Lang konnte die Wegstrecke ja nicht dauern, erste Bahnen ohne Fahrplan fuhren wieder, und bis Hohen Neuendorf waren es gerade mal 300 km. Nach Hahnenhorn zurückzukehren, war mein erklärtes Ziel.

Und so war es denn auch, allerdings 47 Jahre später. Aus dem einstigen Landarbeiter war ein Lehrer geworden, der nach der Wende 1989 für zwei Jahre das Bürgermeisteramt seines Heimatortes ausübte. Er wollte nicht nur seiner Frau Uschi an Ort und Stelle aus dieser Zeit berichten, er wollte auch in Worten den A.s Dank sagen, für die menschliche Behandlung eines "Knechtes", einst übliche Bezeichnung für den Arbeiter auf dem Bauernhof.

Mit vielen Ausrufen: "Guck mal da, das Gebäude, wo die Trommel stand!" oder "hier auf dieser geraden Straße kam ich immer vom Acker!", so erreichten wir die Dorfmitte. Nur schwach konnte ich mich an die genaue Lage der Wirtschaft erinnern, musste fragen. Wie glücklich war ich zu hören, ja die alten A.s leben noch.

Rauf auf den Hof, Erstaunen im Haus, wer da so einfach auf den Hof fährt, Aufklärung und große Freude darüber, dass wir uns an die A.s auch nach dieser langen Zeit erinnerten, uns erinnern wollten. Nur Bauer Fritz war nicht anwesend, war mit seinen 80 Jahren auf der Koppel, um den Zaun zu richten. Ein guter Bauer hat immer etwas zu tun.

Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, ihn dort zu überraschen, den Weg zu den Koppeln hatte ich noch gut in Erinnerung. Da hämmerte er an einem Pfahl, erst spät bemerkte er mich, schaute mich mit seinen großen blauen Augen fragend an. Auf Plattdeutschsprach ich ihn an:

Na Bua, kennst mi noch?

Er überlegte nur kurz und antwortete fragend: "Günter?". Dieser Moment war für mich emotional anrührend, denn ich stand ja nach 47 Jahren für ihn völlig unverhofft vor ihm. Es mag der Ort und die Anrede in einer ihm vertrauteren Mundart gewesen sein, die in ihm das Erkennen auslöste. Diese Wiederbegegnung hat in mir bis heute starke emotionale Spuren hinterlassen. Sie sind aber auch für mich ein Indiz, wie nahe wir uns als Menschen in diesen nur wenigen Monaten 1945 waren.

Voller Stolz stellte er mir den neuen, alten Hof vor, die Erleichterungen in der Wirtschaft, besonders die neue Heizung. Er erzählte aber auch von veränderten Produktionen in der Landwirtschaft. Natürlich war er nur noch der Altbauer auf dem Hof. Die Arbeitsgemeinschaft A./M. hatte eine familiäre Fortsetzung gefunden. Eine Tochter der A.s und der Sohn M.s waren als Ehepaar die neuen Bewirtschafter des Hofes.

Dann trat ich im Wohnzimmer vor den Vitrinenschrank. Ja, da stand sie, die schönste von wenigen Sammeltassen meiner Mutter. Diese Tasse hatte etwa 1946 auf wundersame Weise unbeschadet durch die Post den Weg zu den A.s überstanden. Sie war ein Dankeschön, für meine Familien angepasste Behandlung und die mitgegebene "Marschverpflegung" bei meiner Heimkehr. Dafür hatten wir wirklich unsere schönste Sammeltasse herausgesucht.

Sie stand auch bei einem zweiten Besuch 1999 noch an gleicher Stelle, obwohl inzwischen die Altbauern verstorben sind. Möge sie auch weiterhin Zeuge für gute zwischenmenschliche Beziehungen sein und bleiben, heute in erweitertem Sinne eines wiedervereinigten Deutschlands.

In Abwandlung eines alten Liedtextes von Marlene Dietrich: "Ich hab' noch einen Koffer in Berlin", könnte ich den Text singen :

Ich hab' noch eine Tasse in Hahnenhorn!