Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 7 Der Frieden beginnt (1945 bis 1946)

Grenzdurchbruch

Viele Deutsche denken um die Jahrtausendwende 2001/2002 bei Grenzdurchbruch an die gewaltsame Überwindung der fast 30-jährigen Schandmauer von 1961 bis 1989 inmitten Deutschlands. Doch mein Kapitel begann schon gleich nach Ende des 2. Weltkrieges. Die Alliierten Briten, Franzosen, Russen und Amerikaner waren schon bald nicht mehr alliiert in ihren Handlungen und Ansichten. Dies war nur bis zur Besiegung des Hitlerschen 3. Reiches von Bestand und das auch noch unvollkommen. Aus den Demarkationslinien zwischen den Zonen war schon längst zwischen den drei westlichen und der russischen Zone eine lockere Grenze geworden. Zu gravierend waren die Unterschiede der Ideologien, zwischen Inhalten einer bürgerlichen Auffassung von Demokratie und der einer vorgegebenen Demokratie mit der "Diktatur des Proletariats".

Trotzdem machte ich mich Ende Oktober 1945 mit meinem zugebundenem Sack (Bullenstricke als Tragriemen) und Inhalt (ein Brot und eine Speckseite) von West in Richtung Ost auf den Weg, von Hahnenhorn in der Lüneburger Heide nach Hohen Neuendorf bei Berlin. Am 12. April hatte ich letztmalig meine Eltern gesehen, nur wenige Tage später waren hier zunächst Polen, dann Russen einmarschiert. Was mag aus den Eltern geworden sein, waren sie vielleicht auch geflüchtet, stand das Haus noch, war die Wohnung geplündert? Fragen über Fragen, die mich bewegten.

Ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwie kam ich in die Nähe der Grenze, für mich die Ostgrenze. Gleichgesinnte fanden sich in der Absicht der Grenzüberquerung zusammen. Sofort waren auch Schleuser da (heute die Schlepper), die sich angeblich in der Gegend auskannten und gegen ein Entgelt die illegale Grenzpassage möglich zu machen vorgaben. Was blieb mir übrig, als von meinem wenigen verdienten Geld zu zahlen und zu hoffen. Möglichst alle Geräusche vermeidend schlichen etwa 30 Leute in einer Schlange durch die Nachtdunkelheit, stockten am Zaun einer Koppel.

"Stoi!", eines der wenigen Worte, die wir mühelos der russischen Sprache zuordnen konnten. Da ich an der Spitze war, s a h ich im Zwielicht des Morgengrauens den ersten Russen, g e h ö r t hatte ich sie schon einmal. Ihr lauter langgezogener Kampfschrei "urräh, urräh" beim Sturm der Bodentruppen ließ uns damals auf die Pferde beim Tross einschlagen, nur um schnell wegzukommen. Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging, wie uns unsere in Schützengruben liegenden gleichaltrigen Kameraden versicherten, ein Schrei, der sie ohne einen Schuss zur Flucht trieb. Um Himmelswillen, bloß nicht in russische Gefangenschaft, ging es mir durch den Kopf.

Zu unserer großen Verwunderung entnahm der Russe lediglich einem vor mir Gehenden aus dem Brotbeutel Wurst, fragte "Wodka"? und jagte uns wieder nachdrücklich nach Westen: "Zurück! Granitza!"

Mein Drang nach Hause ließ es mich am nächsten Morgen erneut versuchen. Neuer Schleuser, neues Entgelt, neues Glück. Dieses Mal liefen wir einem britischen Soldaten in die Arme, mussten mit erhobenen Händen vor ihm stehen. Er tastete einen neben mir Stehenden ab. Ich glaubte an Waffensuche, sah mich aber getäuscht, denn eine schöne Taschenuhr wechselte den Besitzer. Nachkriegsbeute! Engländer klauen auch, dachte ich, nicht nur Russen und die oft so gescholtenen Polen. Er ließ uns dann aber in Richtung Osten weiterziehen. Als wir eine Bahnlinie erreichten, wussten wir uns in der russischen Zone. Wir vertrauten einer mitgeführten Karte, unser Schleuser hatte uns schon längst nach dem Abkassieren verlassen.

Irgendwo und irgendwann fuhr ein Zug in Richtung Berlin, irgendwie fuhr in Berlin auch die S-Bahn in Richtung Oranienburg. Ich sehe mich noch heute am Fenster der Zugtür kleben, denn aus dem in den Bahnhof Hohen Neuendorf einfahrenden S-Bahnzug konnte ich immer unser Haus sehen, und die Bäume hatten zu dieser Jahreszeit schon weniger Blätter. Da stand das unbeschädigte Haus, trotz Übermüdung hastete ich die Bahnhofstreppe hoch und eiligen Schrittes die 200 Meter vom Bahnhof nach Hause.

Wieder zu Hause

In der Schönfließer Str. 18, die vorher Straße der SA hieß, später dann Leninstraße, waren neben der Sparkasse im Erdgeschoss auch zwei Läden. Das Kurzwarengeschäft Martin Deter und der Feinkosthändler Fritz Camin. Clärchen C. erblickte mich zuerst, eilte aus dem Laden.

Unser Günter ist wieder da!

rief sie wiederholt den zufällig Gegenwärtigen zu. Ihre Freude, mich lebend zu sehen, war gleichzeitig auch ihre Vorfreude für die zu erwartende meiner Eltern. Clärchen war schon durch den hinteren Ladenausgang und Hausflur geeilt, hatte bei uns geklingelt. Als ich um die Ecke des östlichen Hausflügels kam, schaute meine Mutter wegen des wahrscheinlichen Klingelsturmes aus dem Fenster und erblickte mich. Auch sie hatte über ein halbes Jahr nichts von mir gehört, wusste mich als letztes Aufgebot ins Kriegsgeschehen gezogen, eines schon verlorenen Krieges, und sie sah mich nun da unten stehen!!!

Mutter war damals 45 Jahre. Sie schlug die Hände vors Gesicht und muss die Treppen zweier Stockwerke hinab geflogen sein: Schon an der Hauseingangstür unseres Südflügels empfing sie mich. Wir beide waren sicher tränenreich, ich erinnere mich nicht.

Aber an ihre beiden ersten Fragen:

Bist du verwundet?

und

Hast du Läuse?

Beides konnte ich verneinen, trotzdem ging es erst einmal in den ehemaligen Heizungskeller des Hauses, wo wir seit dem Neubau 1937 als Hausmeisterleute immer mit der Zentralheizung für die Wärme des Hauses gesorgt hatten.

Das war ein häufig aufgesuchter und genutzter Raum. Der nahe Kohlenhändler Betzin, zwei Häuser weiter, schaffte früher zu Kriegszeiten mit seinem Kriegsgefangenen Polen bis zu 400 Zentner kiepenweise in den Kohlenkeller.

Hier entfachte Vater, noch bevor er zur Arbeit nach Berlin fuhr, Feuer im Heizkessel. Hier warfen Mutter oder ich am Tage die eine oder andere Schippe Koks auf die Glut, regelten die Zugluft. Ich habe direkt noch die Frage im Ohr: "Hast du die Klappe auch zwei Striche höher eingestellt?"

Hier, in wohliger Wärme, hatte Vater unter einem Kellerfenster aus dicken Bohlen seinen Platz eingerichtet, wo er Schuhe besohlte oder mit den aus Mutters elterlicher Bauernwirtschaft mitgebrachten Pferdehaaren Bürsten fertigte, deren Drahtschlingen aus Zigarrenkistendeckeln von Onkel Hans sauber abgedeckt wurden. Davon tut auch heute noch eine Bürste gute Dienste. Sogar der restliche Pferdeschweif aus der Wirtschaft ist heute noch vorhanden.

Hier fühlten sich Hausbewohner während der Bombenangriffe auf Berlin am sichersten, und ich lagerte hier die aufgesammelten Granatsplitter der Flak. Ich ahnte damals nicht, bald selbst in einer Flak-Batterie Dienst tun zu müssen.

Hier hatte Vater beim Einmarsch der Besatzungstruppen wichtige Dinge unter den restlichen Kohlen versteckt oder im doppelwandigen Mauerwerk eingemauert.

Hier entledigte ich mich nun auch meiner endlich ausgedienten Uniformteile vom Arbeitsdienst.

Meine erste Tätigkeit war WASCHEN. Erwärmtes Wasser kam aus der oberen Wohnung in einer Schüssel. Nach all den Jahren zog ich nach langer, langer Zeit wieder meine noch passenden, vorhandenen Zivilklamotten an. Ich war zu Hause angekommen!!!

Die Garage
Die Garage
Doch wo war Vater? Mutter erzählte: Vati ist in der Hubertusstraße bei seiner Schwester Else und Schwager Hans. Die Garage auf dem Hof war leer, das letzte Auto, ein schicker "Union-Wanderer", war trotz seines roten oder schwarzen V-Winkels, was soviel wie Freistellung vom Kriegseinsatz für die Wehrmacht bedeutete, den letzten Zuckungen einer flüchtenden Wehrmacht zum Opfer gefallen. In der Garage hätten sich Onkel Hans und Vati eine Arbeitswerkstatt eingerichtet. Um die höhere Lebensmittelkartenstufe 4 zu bekommen, musste man eine Arbeit nachweisen. Ins Haupttelegrafenamt nach Berlin durfte Vater nicht mehr, er musste als Beamter 1937 der NSDAP beitreten. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es zu dieser Zeit für einen Beamten erwartete Pflicht war. So galt er nach Kriegende 1945 als Nazi. Bald war ich an der Drehbank mit der erlernten Herstellung von Rädern für Spielzeugautos meines Großvaters Siebert, ein Stellmacher, eingebunden.

Einmal hatte man meinen Vater nach einer Denunziation abgeholt und für eine Nacht in einem Keller der Schönfließer Straße 2 eingesperrt, ihn aber wieder laufen lassen. Dieses Glück hatte nicht jeder harmlose Mitläufer. Das berüchtigte Sachsenhausen wurde gleichzeitig alter und neuer Ort für Willkür und Unrecht. Aus dem KZ Sachsenhausen wurde das Speziallager Nr. 7. Auch der legendäre Schauspieler Heinrich George hat hier eine unbekannte Grabstelle. Im Rathaus Hohen Neuendorf gab es 1990 sogar eine Auflistung abgeholter Bürger der Gemeinde, in die ich als Bürgermeister Einblick nehmen konnte.

Fahrradgenehmigung
Fahrradgenehmigung
Als gelernter Musiker sei Vater, so berichtete Mutter, mitunter in Sachen Kultur mit m e i n e m Fahrrad unterwegs. Er hatte dazu sogar eine Bescheinigung als Kulturausübender mit Erlaubnis für die Fahrradbenutzung in Russisch. Genutzt hat es aber nicht, das Fahrrad wurde ihm geklaut, wie Mutter später auf der Bescheinigung vermerkte.

Sie erzählte mir aber auch von seinen körperlichen Beschwernissen. Schon einmal war er in Kriegszeiten mit einem Magendurchbruch aus dem Haupttelegraphenamt Berlin direkt in eine Berliner Klinik gebracht worden. Die damalige mangelnde Ernährung, ohne Fett, wässrige Wurstsuppe und weniges, klitschiges Brot aktivierten wieder seine schlafenden Magengeschwüre, mitunter hustete er leicht blutgefärbten Schleim ab. So ihr sorgenvoller Bericht.

Im unserm Wohnhaus Nr. 18 sei nach Einmarsch der Sieger ein russischer Major einquartiert gewesen. Nachdem irgend ein vielleicht betrunkener Russe in sein Fenster im 1. Stock geschossen hatte, stand nachts ein Soldat Wache vor der Haustür. Dies verhinderte häusliche Plünderungen und gottlob Vergewaltigungen So wären in der elterlichen Wohnung nachts oft Gäste zur Übernachtung geblieben, wie eine Nachbarin aus der Ruhwaldstraße oder die Bankangestellten der Sparkasse, wenn sich die meist Frauen abends nicht mehr nach Hause trauten.

Die Tür zu meiner kleinen Kammer war mit dem heute noch vorhandenen Kleiderschrank zugestellt. Kaufmann Camin hatte dort seine vorhandenen paar Säcke mit Zucker und Mehl versteckt und sicherer abgestellt, in dieser Zeit besser als alle Devisen. Durch den Schrank war nicht gleich ersichtlich, dass dort noch ein Raum war. Mit meiner Heimkehr wurde er aber wieder umgestellt, es gab keine Vorräte mehr. Hier, in der kleinen Kammer hinter dem elterlichen Schlafzimmer, war nun wieder meine Schlafstatt, wie zu meiner Kindheit

Wie ernst es mit Vater war, hörte ich des nachts, wenn er laut vor Magenschmerzen jammerte. Es war so belastend für mich, dass ich mir die Bettdecke über den Kopf zog. Meine Mutter schaute mich immer etwas traurig an, weil ich den Eltern zu verstehen gegeben hatte, wieder nach Hahnenhorn zurückkehren zu wollen. Solange ich zurückdenken kann, war Mutters stete Rede zu allen Dingen: "Also, du willst wirklich ...?" Der Satz: "Ich möchte, dass du mich in dieser Situation nicht allein lässt!", wäre nie über ihre Lippen gekommen. Sie war oft unentschlossen, selbst entschieden hat sie kaum, meist nur immer andere entscheiden lassen. Ihrem Naturell nach war sie immer nur für andere da. Nein, einmal entschied sie selbst, und das noch richtig, als sie meiner baldigen Hochzeit zustimmte und sich für eine Wohnung für uns einsetzte

Nur ihre Augen sagten, Junge bleib bitte, bitte hier, mit Vater steht es nicht zum Besten und ich habe doch nur dich! Zunehmend neigte sich die Waage von den westlichen Futtertöpfen beim Bauern mit Perspektive hin zu östlichen Entbehrungen in der russischen Besatzungszone. Ich wählte die Angst und nicht das freiere Leben. Das leidende Mutterherz wog schwer.

Lebensmittelkarte IV

Geburtshaus in Gerswalde
Geburtshaus in Gerswalde
So begleitete ich meinen Vater bald an seine Arbeitsstelle zur Garage in die Hubertusstraße 36. Hierher hatte Vater die vom Großvater Siebert aus Gerswalde geerbte Holzdrechselbank gebracht, die solange mit vielen anderen alten Holzwerkzeugen im Hauskeller der Schönfließer Straße stand. Reste davon sind noch heute in meinem Besitz, und sie tun wieder ihren Dienst in angestammter Heimat, in dem uckermärkischen Buchholz. Großvater Siebert war Stellmachervon Beruf und schon lange verstorben. Er war der erste Mensch, den ich als Kind sterbend im Wohnzimmer meines Vaters Geburtshaus in Gerswalde sah.

Vaters Schwager Hans hatte vor 1945 als Anbieter von Lederwaren für eine sächsische Fabrik in Berlin die Alleinvertretung und natürlich auch noch Geschäftsbeziehungen. Er "organisierte", (ein beliebtes Zeitwort für sonst nicht zu bekommende Ware aus unergründlichen Quellen) einen kleinen Motor und diverse Abnehmer für unsere Produkte: „Spielzeugautos". Weihnachten stand vor der Tür. Die alten Verschläge der Verpackung für die ehemaligen Kofferlieferungen, wurden unter den geschickten Händen Vaters zu glatten Brettern, mit verzierenden Nuteinfräsungen, auf Gärung geschnitten, die hölzernen Spielzeugautos für 12 Mark als Eigenentwurf bald ein Verkaufsrenner zur Weihnacht 1945. Vater zeigte mir auf der Holzdrechselbank, wie man aus alten Stuhlbeinen ein Rundholz drechselte, dann durch abgerundete Einschnitte die Räder markierte, die dann nach dem Umspannen auf ein Sägeblatt Scheibe für Scheibe abgetrennt werden konnten. So wandelte ich nicht nur in den Fußstapfen meines Großvaters Siebert, nein, ich bekam dafür auch die Lebensmittelkarte IV, die für leichte Arbeit.

Inzwischen hatte ich mich bei der hiesigen Behörde schon angemeldet, nachdem Tante Frieda, Vaters älteste Schwester, es nicht wagte, mich in Hermsdorf, im westlichen Teil Berlins, anzumelden, weil mein Aufenthalt ja in Hohen Neuendorf sei. Etwas bangen Herzens war ich ins Rathaus Birkenwerder gegangen. Hier saß die russische Kommandantur, auf der sich jeder entlassene Kriegsgefangene mit seinen Papieren anmelden musste - und ich kam aus e n g l i s c h e r Gefangenschaft!!! Es ging aber gut. Das war aber nicht immer der Fall. Wenn den Russen einmal irgend ein Festgesetzter entkommen war, griffen sie einfach wahllos Leute auf, füllten den Verlust zahlenmäßig auf, denn die Anzahl musste gegenüber dem nächsthöheren Vorgesetzten wieder stimmen.

So kam eines Novembertages der wenige Jahre ältere Polsterermeister Gerhard K. warnend zu mir nach Hause. Sein Vater war der einzig noch tätige Sattler in der Stolper Straße, sein Bruder erster Ritterkreuzträger aus Hohen Neuendorf und wie viele "für Führer, Volk und Vaterland" gefallen".

"Tauch unter!" hieß die Parole, "die Russen haben schon wieder welche abgeholt." Die nächsten acht Tage verbrachte ich auf dem niedrigen Boden über der Garage zwischen dem dort lagernden Holz. Hier war man auch sicherer, hatte doch inzwischen ein gebildeter russischer Kulturoffizier mit (s)einer Frau in der Hubertusstraße zwei Räume als Wohnung beschlagnahmt.

Natürlich feierten die Russen auch in Hohen Neuendorf ihren Jahrestag der Oktoberrevolution, wegen des ehemals geltenden gregorianischen Kalenders aber erst im November. Dazu wurde die Bevölkerung in den Kinosaal der jetzt abgerissenen "Klause" eingeladen. Ich weiß noch, wie mich Mutter bekniete, mich dort ja blicken zu lassen, man könne sonst annehmen, ich hätte etwas gegen die Russen. So taumelten wir wieder in eine neue Angst, eine andere, nach dem Kriegsgeschehen. Wenn ich mein Leben heute überdenke, ist es auch die Aneinanderreihung von Ängsten. Man darf sich aber darin niemals verlieren, dann hat man schon verloren. Das Wichtigste dieses Tages der Oktoberrevolution war: Es gab für die Bevölkerung die ersten 70 Gramm Butter nach Ende des Krieges.

Eisenbahngenehmigung 1945
Eisenbahngenehmigung 1945
Schon im November suchte ich „Ernährungskontakte" nach Buchholz. Dabei bedurfte es sogar noch einer Bescheinigung der örtlichen Polizeibehörde zur Benutzung der Eisenbahn. Sicher als Legitimation gegenüber den kontrollierenden Russen, dass man kein flüchtiger Gefangener oder in „unredlichen" Dingen unterwegs war.

So verging Woche um Woche, es gibt bei mir keine Erinnerung an Weihnachten und Neujahr, wohl aber an das, was mein Leben nach dem Jahreswechsel 45/46 weichenstellend veränderte.

Der Tod - Ende und Anfang

Antifa-Bescheinigung
Antifa-Bescheinigung
Gerade hatte mein Vater vom "Antifa"-Ausschuss seine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Eingliederung in den Wiederaufbau erhalten, die Aussicht, vielleicht wieder bei der Post in Berlin arbeiten zu können. Doch Vaters Schmerzen häuften sich, er bekam Magenbluten, die eine Krankenhauseinweisung erforderlich machten. Für die Hohen Neuendorfer war das bisher immer das Dominikus-Stift in Berlin-Hermsdorf. In den Klassenbüchern der ersten Nachkriegsjahre war meist Berlin-Hermsdorf als Geburtsort angegeben. Hier wurde ich als Sechsjähriger am Blinddarm operiert, eingewiesen durch unsern jüdischen Hausarzt Dr. Rosenthal.

Hierher wurde auch mein Vater eingeliefert. Einmal besuchte ich ihn mit Mutter zusammen, ein anderes letztes Mal war sie allein bei ihm. Damals konnte man nur zwei Mal in der Woche Krankenbesuche abstatten. Bei Mutters letztem Besuch hat Vater im Krankenbett sein Testament geschrieben, sicher schon in der Ahnung, dass man seine Blutungen nicht zum Stillstand bringen konnte. Sein Körper hatte in dieser Zeit des Mangels an Allem nicht mehr die Widerstandskraft. Am 10. Januar 1946 wurde uns durch einen Arzt mitgeteilt, dass er eingeschlafen sei. Wir erhielten die Möglichkeit, ihn ein letztes Mal zu sehen.

Dabei ging es nicht wie im Film um die Identifikation eines Unbekannten, wir beide nahmen leidvollen Abschied vom Ehemann und Vater. Die Bilder stehen wie gestern vor mir: Ein weiß gefliester, kalter Kellerraum, mehrere mit weißen Tüchern bedeckte Verstorbene, an den Zehen der unbedeckten Füße kleine Schilder, auf einem stand "Fritz Siebert, gest. 10.01.1946." Ich habe sein dann abgedecktes Gesicht vor Tränen gar nicht mehr richtig erkannt. Mutter und ich erfassten uns stumm, fühlten fast körperlich, nun sind wir beide allein. In diesem Moment entschied sich, ein Zurück in die Lüneburger Heide gibt es nicht mehr. Ich wusste aber noch nicht, dass ich als einziger Sohn damit auch an Vaters Stelle treten müsste. Mutter war 45, ich wurde drei Tage später 19, Vater wäre sieben Tage später 53 geworden.

Rechnung Sargtransport
Rechnung Sargtransport
Herr Nessau aus der Ruhwaldstraße betrieb ein kleines Geschäft und hatte sogar noch ein Pferd. Er holte damit auf holprigem Wagen den schlichten Sarg mit Vater aus Hermsdorf nach Hohen Neuendorf. Ich hätte das nicht mehr gewusst, wenn ich nicht 1998 in Mutters legendärem Rollschrank, an den keiner von unserer Familie zu Lebzeiten ging, auch wenn der Schlüssel steckte, die Rechnung von Nessau gefunden hätte. Mutter war sehr gewissenhaft. Zu meinem 19. Geburtstag am 13. Januar war Vater noch nicht unter der Erde, es war ein trauriger Tag.

In einem Reihengrab, das nicht so teuer war wie eine Wahlstelle, wurde Vater beerdigt. Obwohl dieses Quartier auf dem sogenannten neuen Friedhof schon lange wieder zum zweiten Mal belegt ist, weiß ich noch ganz genau: In der 3. Reihe das 7. Grab, denn einen Grabstein hatte mein Vater nie, wohl aber unser stetes Gedenken und auch in den ersten Jahren unserer Ehe seine Grabpflege. Wir zählten immer 1., 2., 3. Reihe und 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7. Grab.

Vater fehlte entscheidend auch in unserm Garagenbetrieb. Ich erlebte so den ersten Konkurs. Onkel Hans kam Dank seiner Verbindungen wenig später samt eines Teils der Möbel mit einem LKW über die noch kaum kontrollierte Grenze durch den Frohnauer Forst, zunächst nach Hermsdorf, später zum Wedding, zuletzt nach Frohnau. Er versuchte sich so recht und schlecht im Handel mit einem Geschäft und einem Stand in der Halle. Auch er war Mitglied der NSDAP gewesen, hatte in Vereinen auch Verkehr mit dem damaligen Bürgermeister Jacob und anderen einflussreichen Bürgern. Wohl mehr aus geschäftlichen Gründen, sonst hätte er mir nicht zu Kriegsende den Feindsender BBC eingestellt. Sie trafen sich sowohl am Stammtisch, als auch beim Skat oder Tennis. Darum ging er wie auch andere lieber schnell in den Westen, wo die Entnazifizierung schneller und leichter ging.

Was sollte ich nun tun? Mutter hatte außer Landarbeiten und etwas Hauswirtschaft bei Verwandten in Prenzlau nichts weiter gelernt, hatte sich n u r um Mann und Kind gekümmert. Meine schon in Angriff genommene Bewerbung um ein Studium der Veterinärmedizin an der Humboldt-Uni musste bald ad acta gelegt werden, denn es hieß, so schnell wir möglich für den Unterhalt von uns beiden aufkommen zu können.

Stall
Stall
Zu gern wäre ich Tierarzt geworden, hatte ich doch schon Kontakte dazu. Wenn einmal in der Bucholzer Bauernwirtschaft ein Tierarzt gebraucht wurde, war ich sein ständiger Begleiter.

Scheune
Scheune
Dr. Wüsthof aus Gustavsruh war so ein richtig uriger Typ und hatte schon Telefon. Weitaus früher musste sonst jemand, am besten mit Pferd und Wagen, in die kleine Enklave fahren und ihn rufen, und wenn es ging, ihn gleich mitnehmen. Nun kam er meist mit dem Einspanner über den Windbock gefahren. Hatte auf dem Hof ein Pferd mal Kolik, wusste ich schon Bescheid: einen Eimer warmes Wasser zum Waschen und den einen Vorderfuß des Pferdes aufhalten (hochhalten). So konnte der Gaul hinten nicht ausschlagen, wenn der Doc fast bis zur Schulter durch den After des kolikkranken Tieres den Innenbauch ab fühlte oder ein Klistier einführte. Ich beobachtete auch, wie er die Spritzen setzte.

Es war wie ein Ritterschlag, als er mir einmal auf die Schulter klopfte und sagte: "Junge, du musst einmal Tierarzt werden!" Dieser Gedanke ließ mich nie los. Später suchte ich behutsam bei unserer jüngeren Tochter ein Studium in diese Richtung zu lenken. Mit den Erfahrungen beim polytechnischen Unterricht des Gymnasiums Oranienburg in der LPG Schmachtenhagen wussten wir, dass es körperlich zu schwer wäre.

So fand ich auch gar nichts dabei, als Onkel Franz in der Bauernwirtschaft mich zur Beaufsichtigung einer ferkelnden Sau schickte. Jedes Neugeborene musste mit Stroh zur Säuberung von Schleim und zur Aktivierung der Blutzirkulation abgerieben werden. Dann kamen die Ferkel in eine mit einem Sack überdeckte Kiepe. Das schien wichtig, weil sonst die Erstgeborenen als Erstsäuger zu Nahrungsbegünstigten geworden wären. Etwa zwei Stunden dauerte die Mehrfachgeburt bei etwa zehn bis zwölf Ferkeln, also normal. Onkel Franz kam, brach mit eine Zange die vorhandenen 2 spitzen Zähne der Ferkel ab, um die Verletzung des Gesäuges der Muttersau auszuschließen. Erst dann wurden alle frisch geborenen angesetzt. Wir verließen den Stall erst als wir wussten, die Sau liegt ruhig mit jedem Ferkel an einer Zitze.

Früh wusste ich auch „anschaulich praxisbezogen" um die Zeugung des Nachwuchses bei Rindern, denn im Stall des Bauernhofes stand der Zuchtbulle der Gemeinde. Gegen einen Preis fürs Decken, wurde der Bulle gehalten und gefüttert. Das war auch nicht immer leicht, das Tier von etwa 18 Zentnern an einer mit Karabinerhaken versehenen Stange an dem durch die Nase gezogenen Ring zu führen. Sogar beim Füttern war ich beim angeketteten Tier vorsichtig. "Der Bulle ist los", war ein gefürchteter Ruf. Ich habe davon nur gehört, dass sich einer beim Wägen auf der Viehwage des Hofes losgerissen habe, die Waage ramponiert und nur unter größter Anstrengung und Gefahr wieder eingefangen wurde. Beim Wägen wurden darum auch immer die Hoftore geschlossen oder der Bulle geblendet, d.h. mit einer Augenbinde versehen. Geradezu harmlos war dagegen Mutters Kindheitsbericht, als einmal ein Fohlen auf dem Hausflur vor der Küchentür stand.

Vertraut war mir dann auch die Geburt von Kälbern, die besonders bei Erstgeburten und Stallhaltung für Mensch und Tier nicht immer leicht waren. Zunächst zeigte es sich in der Unruhe der Kuh, es folgte der Austritt der Fruchtblase aus der Scheide, etwa von der Größe eines Luftballons. War sie geplatzt, zeigten sich zwei Beine. Waren es die Vorderbeine, dann folgte meist eine leichtere Geburt. Dazu legte sich im Normalfall das Muttertier auf ein mit Stroh gut vorbereitetes Lager. Der etwas keilförmige Kopf des Kalbes lag auf den Vorderbeinen und weitete so kontinuierlich den Geburtsweg, bis der größere Leib des Kalbes folgte. Eine Steißlage brachte meist Probleme und erforderte mitunter die Hilfe des Arztes, bestimmt aber die von anderen Menschen. Ich habe einmal erlebt, wie drei Männer einen derben Strick um die Beine des ungeborenen Kalbes schlangen und kräftig durch Ziehen das rhythmische Pressen der Wehen bei der Kuh bis zur schweren Geburt unterstützen mussten.

War es geboren, wurde es kurz mit Stroh gesäubert, meist aber von dem Muttertier mit seiner rauhen Zunge ganzflächig abgeschleckt. Verschiedentlich soll man auch mit Salzstreuen aufs Kalb diesen Leckvorgang forciert haben. Damit wurde der Blutkreislauf sofort angeregt, denn Kälber stehen als Nestflüchter schon nach wenigen Stunden auf den Beinen. Zum Saugen kamen sie dann aber kaum, man wollte nicht die Schädigung der Zitzen der Milchkühe riskieren. Das Rind wurde gemolken, die erste „Biestmilch" weggetan. In einem Eimer reichte man die gemolkene Muttermilch, führte dazu ein oder zwei Finger der in die Milch eingetauchten Hand ins Maul des Kalbes, die man in Plattdeutsch "Nöllas" nannte. Entsprechend des Instinktes begann das Kalb zu saugen und schlürfte dabei die Milch ein. Das Gefühl des Saugens aus der Zitze war angetäuscht. So lernte das Kalb schon bald aus dem Eimer zu trinken, den man dabei ganz schön festhalten musste, weil das Neugeborene dabei auch öfter butzte. Mit jeder weiteren Geburt, mitunter sieben Kälber, vermehrte sich die Milchabgabe der Kühe. Bis zu 30 Liter Milch am Tag war damals bei frischmelkenden Kühen keine Ausnahme. Das waren 1 1/2 Milchkannen voll. Heute ist das durch ständige Selektion bei der Vermehrung der Rinder weit übertroffen.

Wie ein Pferd fohlt, habe ich nie gesehen, das geht weitaus schneller. Abends hatten wir, wie üblich, noch einen Kontrollgang durch die Stallungen gemacht, und am Morgen tapste schon ein Fohlen auf wackligen Hufen im Stall herum.

Ja, so war ich im Januar 1946 noch mit meinen geplatzten Träumen unterwegs. Gleichzeitig hatte ich mich aber schon mit anderen Hohen Neuendorfern, mit Lore P., Inge Sch., Hermann O. für einen Kursus als Neulehrer in der damaligen Noch-Kreisstadt Niederbarnims, in Bernau beworben.

Mutter träumte immer schon vom Beruf des Lehrers, hatte sie doch scheinbar einmal in Buchholz einen Lehrer Theo H. als Verehrer. Eine entstehende Glatze und höheres Alter schienen jedoch das Gefühl für ihn gebremst zu haben, so klang es mir einmal bei ihren spärlichen Erzählungen aus dieser Zeit heraus.

Die vorgesehene Ausbildung zum Lehrer ging nicht nur schnell, mit acht Monate brauchte sie weniger Zeit als die Entwicklung eines Kindes bis zur Geburt, der Beruf entsprach auch dem Wunschdenken meiner Mutter. Aber es war auch mein Vorsatz, aus dem bisher Erlebten im "Tausendjährigen Reich" eine Schlussfolgerung zu ziehen: Ich will alles dafür tun, dass sich so eine Geschichte nicht wiederholt, wollte dies überzeugend und warnend jungen Menschen aus eigenem Erleben vermitteln.

Meine Lebensmaxime dazu habe ich bis heute nicht aufgegeben, leider nicht aufgeben können, Gott sei Dank politisch bedingt nicht aufgeben müssen !!!

Mein erster Personalausweis September 1946 – Beruf Neulehrer
Mein erster Personalausweis September 1946 – Beruf Neulehrer