Günter Siebert - Aus dem Leben eines Paukers, Kapitel 9 Dorfschulze in Hohen Neuendorf (1990 bis 1992)

Dem Leser dieses Kapitel sei empfohlen, nochmals meinen Gedanken im Vorwort zu meiner Biografie aufzunehmen:

Das Aufgeschriebene ist sicher gelegentlich mit der Unzulänglichkeit eines Schleiers des Vergessens dazwischenliegender Jahre behaftet. Doch bietet es lebenden Zeitzeugen die Möglichkeit, zu ergänzen, zu berichtigen, zu loben oder zu tadeln, zu überlesen oder nachzudenken, zu schmunzeln oder eine Träne zu verlieren. Kurzum, sich seine eigenen Gedanken zum Geschriebenen machen.

Das Niedergeschriebene ist eben  m e i n e  Biographie, aufgeschrieben, ursprünglich nur für unsere Nachfahren, geschichtlich unbedeutend, aber voller Geschichten.

"So wahr mir Gott helfe!"

Amtliches Wahlergebnis am 6. Mai 1990 in der Gemeinde Hohen Neuendorf:

Wahlberechtigt: 6.551

Wähler: 5.117 ( 78 %)

Gültige Stimmscheine: 4.973 ( 97,18 %)

Gültige Stimmen 14.757 (jeder Wähler hatte 3 Stimmen, die er unterschiedlichen Kandidaten zuordnen konnte oder alle drei Stimmen einem.)

Insgesamt hatten sich 73 Kandidaten auf 11 Listen für 20 Mandate beworben. Ins Parlament kamen:

Für die Richtigkeit zeichnet damals Fred Bormeister, der Vorsitzende der örtlichen Wahlkommission.

Herr Bormeister war 1989 zur Zeit der Wende tätiger evangelischer Pfarrer in der hiesigen ev. Pfarrgemeinde. In der Zeit des Umbruchs 1989 waren die Pfarrer oft Vorsitzende des sogenannten "Runden Tisches", einer Gruppe Nicht-gewählter, aber an der Schaffung neuer, veränderter Verhältnisse Interessierter. Vereinzelt darunter auch solche, die aus der Vergangenheit als Belastete eigentlich nicht dahin gehörten, noch nicht enttarnt waren, aber wieder mitreden wollten, z.B. Ibrahim Böhme, SDP.

Verständlich darum auch später der Beschluss aller Abgeordneten, sich zunächst freiwillig bei der sogenannten "Gauck-Behörde" überprüfen zu lassen. Benannt nach dem Rostocker Pfarrer Joachim Gauck, unserem jetzigen Bundespräsidenten, der dann ein Jahrzehnt die Auswertung der Stasi-Unterlagen in dieser Behörde leitete, die auch heute noch die notwendige Geschichtsaufarbeitung mit ihren hunderte von Kilometern reichenden Akten betreibt. Nach zeitlich versetzter wiederholter Auskunft bei der Gauck-Behörde, war ich nur in der "VHS-Kartei" (Vorverdichtung, Such-, und Hinweiskartei) erfasst.

Karteikarte Stasi
Karteikarte der Stasi

Kinosaal während der Wahl
Kinosaal während der Wahl
Pfarrer Bormeister wurde 1990 dann auch der gewählte Vorsitzende der örtlichen Wahlkommission. Zählte die Gemeinde Gerswalde meines Großvaters nur mehrere hundert Einwohner, so waren es in meinem Heimatort Hohen Neuendorfimmerhin über neun Tausend.

Zur Bürgermeisterwahl durch die Abgeordneten und zum Ablegen eines Amtseides waren viele erwartungsvolle und interessierte Bürger aus dem Ort, aber auch aus den angrenzenden Gemeinden und Berlin in den Kinosaal der heute abgerissenen "Klause" gekommen.

Amtseid
Amtseid
Mit 16 gegen 3 Stimmen der PDS und meiner Enthaltung wurde ich von den gewählten Abgeordneten zum neuen Bürgermeister gewählt (siehe auch vorhergehendes Kapitel) und legte gegenüber dem Gemeindevertretervorsteher Dr. Wegner den Amtseid mit folgendem Wortlaut ab:

"Ich schwöre,

dass ich meine Kraft dem Wohl

der Bürgerinnen und Bürger widmen,

Recht und Gesetz wahren,

meine Pflichten gewissenhaft erfüllen

und Gerechtigkeit gegenüber jedem üben werde.

So wahr mir Gott helfe!"

Dieser nicht vorgeschriebene Abschluss des Amtseides wurde von mir bewusst gewählt. Auf meinen Wunsch in wurde ich am darauffolgenden Sonntag im Gemeindegottesdienst durch Pfarrer Bormeister für die Ausübung meines Amtes in die Fürbitte einbezogen.

Bei der Antrittsrede
Bei der Antrittsrede
Es folgte die öffentliche Übergabe des Amtes durch die ehemalige Bürgermeisterin, Frau Schwarz. Meine erste Amtshandlung war die Verpflichtung meiner neu gewählten Beigeordneten aus dem Kreis der Abgeordneten durch Handschlag. Dem folgte meine Antrittsrede, die nach zehn Jahren für mich erstaunliche Weitsicht bei den Koalitionsabsprachen erkennen ließ. Alle Ziele und Vorhaben wurden in abgesprochener Weise angegangen und fast vollständig auch unter sich verändernden Bedingungen realisiert. Unter den Gratulanten aus der Reihe der gewählten Abgeordneten sicher auch der oder die eine oder andere, der oder die an meiner Stelle hätte sein wollen, aber es aber für klüger hielt, durch mich das zunächst Gröbste auffangen und beseitigen zu lassen; das "Noch-Experiment" einer demokratischen Selbstverwaltung mit einer veränderten Verwaltungsstruktur des eingegliederten Ostteils (die ehemalige DDR) in die bestehende Bundesrepublik Deutschland beginnen zu lassen.

Nach Darlegung meiner Gedanken und Absichten in meiner Antrittsrede nahm ich die herzlichen, aber auch erwartungsvollen Glückwünsche vieler mir Wohlgesonnener und meiner Familie in einem Bad der Freude entgegen. Im Rückblick waren das nicht nur die ersten, sondern auch die freudvollsten Minuten im Amt des Bürgermeisters.

Du bist unser Mann, du packst es es!

Gratulation von Pfarrer Bormeister
Gratulation von Pfarrer Bormeister
Gratulation meiner Frau Uschi
Gratulation meiner Frau Uschi
Gratulation meiner Tochter Geli
Gratulation meiner Tochter Geli
Gratulation von Frau Konig und Karin Kruger
Gratulation von Frau Konig und Karin Kruger

"Kann doch gar nicht so schwer sein, wir sind doch ein Deutschland!", so eine  verbreitete Ansicht von Bürgern. Sie entsprach in Vielem dem Wunsch nach der nunmehrigen Möglichkeit einer sofortigen Regelung von Dingen, wie sie in "Westdeutschland" Normalität war. Um die Größe des Umbruchs beim Zusammenführen zweier verschiedener Gesellschaftsordnungen und unterschiedlicher Verwaltungsstrukturen jedoch anschaulicher zu machen, suchte ich es in einem Gleichnis zu verdeutlichen:

Es ist so, als wenn man die Verwaltungsstrukturen des ebenfalls deutsch sprechenden Österreichs von einem Tag auf den anderen auf die alte Bundesrepublik übertragen würde.

Das verstanden dann die Bürger besser, die auf den sofortigen Erhalt einer Wohnung, den sofortigen Erwerb von Immobilien zur Existenzgründung, die auf sofortige, sicher notwendige Veränderungen im Ortsbild drängten. Gleichermaßen aber auch viele Bürger der alten Bundesländer, die sich über unsere, für sie unverständliche Unkenntnis in manchen Bereichen wunderten. Die Grundbücher waren wichtiger als Parteibücher oder die Bibel geworden. Wir haben aufgeholt, heute habe manchmal ich eher Grund, mich zu wundern.

Nur drei Stunden dauerte die direkte Amtsübergabe im Bürgermeisterzimmer des Rathauses durch die Alt-Bürgermeisterin Frau Schwarz an mich.
Rathaus 1990
Rathaus 1990
Rathaus 2001
Rathaus 2001

Alle (noch verbliebenen)Schrankinhalte des Raumes, die Fächer des Schreibtisches waren im "Vorbeiflug" erklärt, Amtssiegel und Tresorschlüssel hatten den Besitzer gewechselt, die wichtigsten anstehenden Vorgänge lagen auf dem Tisch. Da stand ich nun am neuen, alten Schreibtisch, davor die durchgesessene Couchgarnitur. Ich blickte aus einem der vier Fenster über den leeren Rathausvorplatz  m e i n e r  Gemeinde.

In Anlehnung an Goethes berühmtes Faustworte konnte ich sagen:

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

Die anhaltende auf mir lastende Stille des Raumes, meine zunächst Untätigkeit und das langsam immer stärkere Bewusstwerden von der Schwere der vor mir stehenden Aufgabe machte mich bald nachdenklich:

Musstest du das dir und deiner Familie, der geliebten Ehefrau, zwei zu betreuenden, verwitweten alten Müttern, zwei Töchterfamilien mit Enkeln antun - zwei Jahre vor Eintritt in die Altersrente?

Ich, der ich eine Familie als den zentralen Mittelpunkt meines Lebens ansah, dem ich vieles unterordnete. Man könnte mich für die Familie Tag und Nacht wecken. Niemals habe ich mein Tun für die Familie als Last empfunden.

Zu sehr hatte ich die Veränderung ersehnt. Ich hatte die Berufserfahrung eines Neulehrers mit dem Lernen bei der Arbeit, hatte keine Kontaktschwierigkeiten im Umgang mit Menschen und überwiegend aufgeschlossene Reaktionen erfahren. Ich hatte eine verständnisvolle, gesellschaftlich sozial denkende und dafür verzichtsbereite Ehefrau, die ihre Zustimmung zum Amt des Bürgermeisters mit den Worten begleitete:

Bei dem Wahlergebnis und das in dich gesetzte Vertrauen von deinen Wählern, wie Eltern oder ehemaliger Schüler, das kannst du nicht enttäuschen!

48 Stunden nach der Wahl teilte ich im Casino-Turm Berlin-Frohnau den beiden Ortsvereinen der SPD von Hohen Neuendorf und Frohnau meine von ihnen unbedrängte Entscheidung zur Übernahme des Amtes mit.

Arbeitsbeginn
Arbeitsbeginn
Im Bürgermeisterzimmer, 1990
Im Bürgermeisterzimmer
Auch wenn es heute überheblich klingt: Ja, ich war der rechte Mann, zur rechten Zeit, am richtigen Ort, der getreu seines Amtseids, seines bisherigen Privat- und Berufsleben und des ihm entgegen gebrachten Vertrauens, auch als Bürgermeister ein Mensch zum Anfassen war und blieb und ein offenes Rathaus immer zu führen bereit war!

Das durch die geräuschdämpfenden Doppeltüren vernehmbare dumpfe Klappern der Schreibmaschine der Sekretärin aus dem Vorzimmer versetzte mich wieder in die Realität: Die Arbeit als Hohen Neuendorfs Bürgermeisters begann.

Leider bin ich nicht mehr im Besitz meiner Terminkalender aus den Jahren 1990/91, die vielfach Erinnerungen wecken würden, über die es vieles zu erzählen gäbe. Erst zehn Jahre später griff ich den Gedanken zu Niederschrift meiner Biografie auf.

So beziehe ich mich darin im Wesentlichen auf während der Amtszeit Aufgeschriebenes wie Zeitungsartikel, Fotos, Briefe, Mitteilungen, Ansprachen, Anmerkungen, Stellungnahmen und spätere Analysen, die aber in ihrer Gesamtheit doch ein gutes Bild der Probleme dieser beiden Anfangsjahre einer wiedererlangten Demokratie aufzeigen. Dieses Kapitel ist eine erweiterungsfähige Zufallsselektion meiner Erinnerungen.

Kommentare dazu aus späterer Sicht, Jahre später aufgeschrieben, sollen zum besseren Verständnis beitragen, werden mit gewachsenem Abstand zum Geschehen vielleicht objektiver, moderater, geschärfter, aber auch lückenhafter. Es sind Kommentare voller Stolz über Geleistetes und freudvoll Erlebtes, aber auch in Teilen über verschuldetes Unerreichtes oder von Bitterkeit Getrübtes.

"Ein Lehrer lernt regieren"

So überschrieb Oliver Zielinski seinen Artikel in "Der Nordberliner" über meinen Start als Bürgermeister. Er hat ganz gut die damalige Arbeitsatmospäre eingefangen, weshalb er hier etwas umfangreicher zitiert sein soll:

Humor hat der Neue. Wenn es nach ihm ginge, sollte niemand mehr verbittert das Rathaus verlassen, denn dann würden die Leute auch freundlich wiederkommen… Nur, allein mit einem Schuß Humor ist es nicht getan.
Sorgenfalten zerfurchen seine Stirn, wenn er nur seinen Terminkalender zur Hand nimmt. Wohnungsstreitigkeiten, Gewerbeanträge, die Jauche im Keller einer Bürgerin, wohin mit der Gemeindebibliothek, wie Geld in die Gemeindekasse bringen. Günter Siebert bekennt, dass er zunächst herausfinden müsse, was zur Zeit am Wichtigsten sei. „Zuerst kommen die Hohen Neuendorfer mit ihren Problemen dran, dann die Auswärtigen, dann die aus dem Westen.“
Zum Schreibtischtäter will der waschechte Hohen Neuendorfer aber nicht werden. Er will raus. Ran an die Basis. Er braucht das.
Den Abstand zum Bürgermeister als Autorität verkürzt er auf simple Weise. Er geht auf die Leute zu und empfängt sie an der Tür zu seinem Arbeitszimmer. Es folgt ein freundliches Wort, ein fester Handschlag… Dann ein prüfender Blick, er muß wissen, mit wem er es zu tun hat.
Die 60 bis 70 arbeitsprallen Stunden, die der Bürgermeister jede Woche im Rathaus zubringt, so spürt er, zehren ganz schön an Körper und Geist.


(Quelle: Der Nordberliner, Oranienburger Kreisblatt Nr. 17, vom 5. Juli 1990, Seite 8)

Bürgermeister - ein "allrounder" ...

... als Gemeindeoberhaupt

Nach 14-tägiger Arbeit im Rathaus leitete ich die erste Gemeindevertretersitzung. Aus meinen persönlichen Aufzeichnungen in Vorbereitung der Sitzung resümiere ich:

Gemäß meines Amtseides nehme ich mein Amt gewissenhaft wahr. Es führte mich an Grenzen meines physischen Leistungsvermögens. Nach der Kommunalverfassung von 1991 durften die Ämter von Abgeordneten besetzt werden. Von den sechs vorgesehenen Ämtern waren zur Zeit mit verantwortlichen Amtsleitern besetzt:

Ich war in dieser Zeit gezwungen alle unbesetzten Ämter, in Eigenverantwortlichkeit zu übernehmen und zu bearbeiten. In Wahrnehmung dieser Verantwortlichkeiten wurden von mir in dieser Zeit geschätzte 160 Bürgergespräche, Zusammenkünfte und Verhandlungen geführt, die in der Regel für alle Betroffenen von weitreichender Bedeutung waren.

... als Verwaltungschef

Hatte ich bisher nur Erfahrungen in der Führung von Lehrern und in der Verwaltung einer Schule, so waren jetzt doch ganz andere Maßstäbe mit der Verwaltung einer Kommune gesetzt. Es galt, veränderte Strukturen mit anderen Inhalten und Schwerpunkten aufzubauen, dies aber mit einer im Rathaus noch vorhandenen Strukturen der DDR-Verwaltung, die sich nun veränderten Aufgaben in neuen Strukturen stellen musste. Es galt auch, mit alten Denkweisen, liebgewordenen Gewohnheiten wie mehrfacher und längerer Kaffeepausen in und außer Haus bei weniger voll ausgelasteter Arbeitszeit sowie guter "Beziehungen" untereinander zu brechen.

Stark Regimebelaste (z.B. Inneres mit Verquickung zum System) zogen freiwillig die Konsequenz zum Ausscheiden, andere mussten sich neu für eine Anstellung bewerben und sich dem Votum der Gemeindevertreter stellen. Völlig ungewohnt, wo vorher fast alle Entscheidungen der Verwaltung über die dominierende Partei, die SED, getroffen wurden, die sogar im Rathaus mit dem Parteisekretär des Ortes ihr eigenes Büro hatte.

Viele Verwaltungsangestellte im Rathaus waren mir als Sportfreunde, ehemalige Schüler und Eltern, auch zum eigenen Freundeskreis gehörend, bekannt. Diesem Umstand trug ich in meiner ersten Betriebsversammlung vor allen Mitarbeitern des Rathauses Rechnung, um dem möglichen Vorwurf der "alter Vetternwirtschaft" unter veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten vorzubeugen. So führte ich z.B. aus:

Schon immer im Ort lebend, habe ich auch eine Vielzahl privater, sportlicher oder berufsbezogener Kontakte mit Mitarbeitern des Hauses gehabt.

Um im Versprechen meines abgelegten Amtseides bei keinem Dritten das Gefühl einer besonderen Vertrautheit aufkommen zu lassen ( gilt auch für Besucher, Gäste oder Antragsteller), verkehre ich mit allen Mitarbeitern des Hauses per "SIE". Dies bedeutet auch gleichzeitig eine gewollte Absetzung gegen bisher im Hause Praktiziertes.

Es gibt dabei eine Ausnahme mit dem Hausmeister, Herrn Schildbach, Ich halte es für widersinnig, mit meinem Klassenkameraden von 1933 bis 1939 per "SIE" zu verkehren.

Es gehört zu meinen unangenehmsten Erinnerungen, in persönlichen Gesprächen erste Entlassungen auszusprechen. So reagierte eine mir bekannte Angestellte frustriert und verbal ausfallend, die ich wegen fehlender Arbeitsauslastung - sie war für nur sechs zu betreuende Personen zuständig - nunmehr kurz vor ihrer Berentung entließ. Weitere Entlassungen waren aus ähnlichen Gründen absehbar. Es gab auch "leichtere" Fälle. Eine andere politisch Belastete mit vorausschauender Einsicht kommentierte: "Ich habe damit gerechnet!"

Mehr Freude, aber auch mehr Verantwortung bedeuten da erforderliche Neueinstellungen. So galt es eine zweite Standesbeamtin sowie einen mit veränderten neuen Strukturen und Gesetzesabläufen vertrauten Hauptamtsleiter für die Verwaltung einzustellen, deren Personalien von drei Abgeordneten des Gemeindeparlamentes nach Anhörung mehrerer Bewerber gebilligt und ihrer Einstellung zugestimmt werden musste.

Große Hilfe dabei war mir dabei ein versierter Verwaltungsfachmann aus der SPD-Frohnau (Verwaltungschef im Klinikum), der mich Samstag und Sonntag z.B. mit Literatur zu Stellen-Ausschreibungen und Einstellungsgesprächen versorgte und vertraut machte, was ich dann mit ausgewählten Abgeordneten dauerhaft erfolgreich praktizierte.

Mein Helfer kam mit Fahrrad und Literatur im Einkaufskorb zum Wochenende angeradelt. Wie mich Hohen Neuendorfer wissen ließen, musste ich von den Gesetzeshütern des im Hause noch untergebrachten Polizeistützpunktes die Verbreitung eines Gerüchtes im Ort in Kauf nehmen:

Der Siebert verhökert am Wochenende mit den Wessis die Grundstücke des Ortes, damit es keiner mitkriegt!

Während meiner nicht ganz zweijährigen Tätigkeit im Amt hat es keine solche oder ähnliche Korruptionshandlung gegeben, kleinere Versuche dazu schon. Jede Entlassung, Neueinstellung oder Immobilienentscheidung (Verkauf oder längere Pacht) war nie meine individuelle Entscheidung, sie ging immer über das Parlament. Andere vielleicht spätere Verfahren müssen dann aber eine rechtliche Handhabe gehabt haben, um sich nicht strafbar zu machen.

Erschreckend und gesteigert empörend empfand ich die später immer neuen Fälle von Vereinigungs- und Wirtschaftskriminalität sowie von Korruptionsfällen in unserm Land, dieser Missbrauch der Freiheiten einer Demokratie. Ist etwas dran an der marxistischen Behauptung, das Kapital ist sein eigener Totengräber?

Hilfe aus Müllheim, Eintragung ins Gästebuch
Hilfe aus Müllheim, Eintragung ins Gästebuch
Eine noch größere Hilfe in dieser anfänglichen Aufbauphase 1990/91 war mir die Hilfe unser Partnerstadt Müllheim. In loser mehrwöchiger Aufeinanderfolge kam es zu einer freimütigen, uneigennützigen Entsendung von vier Amtsleitern verschiedener Ressorts und kompetenter Sachstellenleiter zum Aufbau der Verwaltung. Das persönliche Gespräch war wirkungsvoller als jedes meist schnell und flüchtig Erlesene, weil es Rückfrage ermöglichte.

Die Art der Hilfe mit badischer Mentalität und Markgräfler Charme trug nach meiner Einschätzung wesentlich dazu bei, diese Hilfe nicht als Bevormundung von "Besser-Wessis" zu erleben, sondern vielmehr als Hilfe, das Selbstvertrauen zur eigenen Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Ich sehe diese Hilfe mit als einen wesentlichen Grund für die positive Entwicklung unserer Kommune an, wenn auch verschiedentlich schon in Vergessenheit geraten.

Hervorheben will ich hier das Verhalten des damaligen Müllheimer Bürgermeisters, Hanspeter Sänger. Das Anliegen der Wiedervereinigung war für ihn keine Pflichtaufgabe, sondern aufrichtig menschlich und politisch motiviertes Anliegen. Ich weiß heutenoch  besser zu werten, was ich damals schon zu schätzen wusste: Sein bedingungsloses Vertrauen zu mir und zu uns. Er gab mir teilweise Einblicke in Verwaltungsinterna. Als langjährig gestandener Bürgermeister einer Stadt ging er mit mir nicht wie mit einem "Frischlings-Amtsbruder" um, er betreute mich als im Amt Gleichberechtigten, wofür ich ihm sehr dankbar war.

Das war für Uschi und mich Grundlage und Bedürfnis, ein besonders herzliches, persönliches Verhältnis anzustreben und aufzubauen, mit gegenseitigen öfteren Besuchen. Auch 22 Jahre später nehmen wir großen Anteil an seinem Leben und dem seiner Familie, wie man es nur Freunden gegenüber tut.

Als Nebeneffekt entstanden erweiterte freundschaftliche menschliche Beziehungen zur Stadt und ihren Bürgern und ein sonst nicht vermittelbares Verständnis füreinander sowie über die Probleme der Wiedervereinigung. Das klingt auch nach nunmehr 22 Jahren in den Beteiligten nach. In regelmäßigem Jahresrhythmus gibt es bis heute gegenseitige Besuche.

.....als "Mädchen für alles"!

Es gehört zur allgemeinen Auffassung, der Bürgermeister sei für alles zuständig, was im Prinzip ja auch stimmt. Er muss selbst für kleinste Dinge jeder Zeit ansprechbar sein. So verwundert es mich auch nicht, als mich am Abend des 1. Weihnachtsfeiertages zu Hause ein Bürger anrief, einen angefahrenen Hund auf dem Pflaster der Schönfließer Str. meldete und mein sofortiges Eingreifen forderte. Bevor ich mich der "kommunalen Bescherung" zuwenden konnte, erreichte mich ein weiterer Anruf, dass der schon wieder auf den Beinen befindliche Hund von einem anderen Bürger vorsorglich ins Haus genommen worden sei. Ja, diese hilfsbereiten Bürger gab es auch. Dieser Weihnachtsabend war für die Familie gerettet.

Andererseits fühlte ich mich in meinem Verantwortungsbewusstsein auch selbst für alles zuständig, wenn es die Bürger meiner Gemeinde betraf. Als an einem Sonntag mir ein Rohrbruch in der Tucholskystraße gemeldet wurde, veranlasste ich nicht nur telefonisch die Behebung durch den Havariedienst, was ja ausgereicht hätte. Entsprechend meiner amtseidlichen Absichtserklärung, alles für den Bürger zu tun, vervielfältigte ich auch im Rathaus meine handschriftliche Information zum notwendigen Abstellen des Wassers und einer empfohlenen Bevorratung und trug diese Nachricht selbst in der Tucholskystraße aus.

Kein Wunder, wenn Altbundesbürger darüber den Kopf schüttelten. In diesem Verantwortungsgefühl gegenüber erforderlicher Sparsamkeit für die Kommune war ich aus heutiger Sicht einfältig befangen. Zur Kostenersparnis für den kommunalen Haushaltes benutzte ich für dienstliche Fahrten den eigenen Pkw, während andere Amtsbrüder schon längst das Amts-Funktelefon in ihrem Dienstwagen installiert hatten. Einzelne andere betrieben bereits Vereinigungskriminalität in Millionengröße, wie man heute weiß.

... als Unterhaltener und Unterhaltender

Bierwährung
Bierwährung
Erheiternd war der Besuch meines Klassenkameraden Willi Seifert, als seine Frau erst durch mich seinen Spitznamen erfuhr: "Mensch, Locke bist Du es?" Es stimmte mich auch freudig, als anlässlich eines Klassentreffens meiner Frau einer ihrer früheren Mitschüler aus Bayern mir einen Kasten Bier mit Spezialabfüllung und gesonderter Etikettierung schenkte.

Turbulenter der lockere Auftritt einer ursprünglich aus Hohen Neuendorf stammenden Familie aus den USA, als der Mann mit seiner Kamera freudig im Bürgermeisterzimmer herumschwebte, mich im Gespräch samt Bildern, Pflanzen und Einrichtung filmte, alles für sein Heimkino kommentierend. Vieles war in dieser Zeit auch belustigend und entkrampft, manchmal schon etwas verrückt.

Etwas verrückt muss ich auch gewesen sein, als ich mich 1990 anlässlich einer großen Sensations-Auto-Show auf dem ehemaligen Reiterplatz, jetzt Rudolf-Harbig-Sportplatz, zu einer Fahrt in einem angekippten, auf nur zwei Rädern fahrenden PKW überreden ließ. Sicher unter dem Eitelkeitsaspekt: Seht her, euer Bürgermeister hat keine Angst! Ich hatte sie schon.

Volksfest mit Trachtengruppe
Volksfest mit Trachtenkapelle
Da lag mir die Rolle als "Showman" und "Bandleader" einer Trachtenkapelle aus dem Österreichischen anlässlich eines ersten Volksfestes vor dem Rathaus schon besser.

Erinnerungswert der Besuch meines ehemaligen Schülers Peter, Sohn vom Schuster Duske aus der Stolper Str., der nichts wollte, sondern etwas „korruptionsunverdächtiges Annehmbares" brachte: Die Einladung für zwei jugendliche Hohen Neuendorfer über eine Woche zu ihm nach Hamburg, allerdings mit der Maßgabe, die Hin-und Rückfahrt habe mit dem Fahrrad zu erfolgen. Peter Duske war passionierter Radfahrer. Ich fand zwei neugierige Unternehmungslustige. Wozu sich ein Bürgermeister in seinem Amt zu dieser Zeit so alles Zeit nahm? Zwölf Jahre nach der Wende unterschrieb meine Nachfolgerin, die Bürgermeisterin Monika Mittelstädt, die Zustimmung zum Ausbau des Radfernweges nach Dänemark durch ihre Gemeinde, der 1999 das Stadtrecht verliehen wurde.

Leichtfertig und gerne gaben wir nach der Währungsumstellung von Mark (DDR) auf D-Mark Teile meines ersten Gehaltes in neuer Währung für eine Taxifahrt nach Lehnitz bei Oranienburg aus.

Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Dzembritzki hatte uns anlässlich der Wiedereröffnung der Schifffahrtslinie der alten Eignerfamilie Bethke zur Jungfernfahrt auf der Havel von Lehnitz nach Tegel eingeladen. Das Taxigeld für die Rückfahrt von dort hätten wir gar nicht mehr gehabt, doch der Dienstwagen des Bürgermeisters von Reinickendorf brachte uns wieder nach Hause. Der gesprächige Cheffahrer Ottke, ein Verwandter des einstigen Boxweltmeisters, machte das gern. Wir genossen erstmalig solche bevorzugte Behandlung.

Gefährlich solche Privilegien, Einfluss und Macht in einem Amt. Mit der Dauer seiner Ausübung wächst die Gefahr charakterlicher Veränderung oder gar Verderbtheit, es korrumpiert, gewollt oder auch bestritten.

Beglückend das Geburtstagsständchen einer Klasse der Grundschule, die mir am 13. Januar 1991 auf den Treppen der Schönfließer Straße 18 die neu erlernte alte Heimatmelodie der Brandenburger im Widerhall des Hausflures voller stolzer Freude entgegen schmetterten: "Märkische Heide". Es war ein Treffer ins Schwarze (Rote), konnte ich doch sofort das in meiner Schulzeit erlernte Lied in allen drei Strophen mitsingen.

... als Fernsehstar

Wer käme nicht gern ins Fernsehen oder auch in die Zeitung, wenn es denn eine positive Information ist. Aus DDR-Zeiten hatte ich schon eine Erfahrung damit, als ich zu einer Sendung über das Für und Wider des Rauchens eingeladen war. Selbst angedient, denn ich hatte mich 1962 in einem Brief als nunmehriger kompromissloser Nichtraucher mit "Rauchererfahrung" für das "Wider" ausgesprochen, war zur Diskussion ("Nebenstar") gefragt und eingeladen worden.

Sechs Monate nach Amtsantritt war es 1991 ein anderes Spielchen, nach anderen, neuen Regeln, das da gespielt wurde. Zu dieser Zeit begann ein allgemeiner Run von Antragstellern auf den Erwerb des in fremdem Besitz befindlichen Bodens, auf dem sich Bürger gutgläubig Haus oder Datsche als Eigentum gebaut hatten (das sogenannte "Modrow-Gesetz").

Die DDR-Behörden hatten ihre eigene Gesetzlichkeit geschaffen, ohne Beachtung alter Vorgaben der Grundbücher, der Einheit von Grund und Boden und des darauf Errichteten. So war die Bebauung auf fremdem Boden „mit blauer Urkunde" als rechtens genehmigt worden. Es war wie ein Vorgriff des Staates DDR auf die feststehende Ansicht, dass es zu keiner Einheit Deutschlands mit alter, in der Bundesrepublik noch gültigen Gesetzlichkeit, kommen würde.

Aus dieser Fehlannahme resultieren nach der Wiedervereinigung allein in Hohen Neuendorf 1.800 vermögensrechtliche Ansprüche auf Immobilien von insgesamt etwa 5.000 bebauten und unbebauten Grundstücken. Das Rathaus war voll dieser Anspruchsteller aus allen Teilen Deutschlands, aber auch des Auslandes. Täglich im Tresor zu verschließende Listen durften nur durch mich als Bürgermeister für meine Einsichtnahme hin und her gewälzt werden und waren bald zerlesen.

Vervielfältigungen oder Einsichtnahme Unberechtigter waren wegen möglichen Missbrauches für Immobiliengeschäfte strengstens untersagt. Antragsteller auf Rückübertragung von Immobilien und eventuelle neue Eigentümer hätten sich vor den vielen Immobilienhaien nicht retten können. Es war schon schlimm genug, wenn man, wie in meiner Nachbarschaft, einem alten Herrn für 12.000 DM das Grundstück abkaufte, vielleicht abschwatzte, und er dachte, ein großes Schnäppchen gemacht zu haben. Unwissend, dass er mühelos das zwanzigfache Preisgeld hätte erzielen können.

Teilweise wurde gelogen, und es war nicht verwunderlich, wenn für eine Immobilie dann mehrere als berechtigte Antragsteller auftraten, so z.B. für das Grundstück mit der "Klause" und dem Kinosaal. Darum war es dann auch wenig verwunderlich, wenn es lange bis zur rechtlichen Klärung brauchte und nichts auf dem Grundstück geschah.

Mein Besucherklientel reichte von geduldigen Besuchern oder Nachfragenden bis zu Überheblichen und Anmaßenden, die mit begleitenden, zur Anzeige bereiten Rechtsanwälten brutal und einschüchternd drohten. Gipfel solcher "Besuche" waren zwei im Vestibül des Rathauses herumschreiende, okkupationssüchtige Neurotiker, die erschreckt andere Besucher des Rathauses aufhorchen ließen. Aus dem noch gar nicht einmal in ihrem Besitz befindlichen Haus wollten sie Mieter hinausschmeißen, Ladenmietern am "Kuhdamm" übliche Ladenpreise diktierten, so dass sich sogar der stellvertretende Landrat hier wegen anderer verbaler krimineller Unterstellungen einschaltete.

Im gleichen Jahr 1991 war es mit einem auftauchenden Fernsehteam und mir als Hauptdarsteller und Fernsehstar Schluss mit lustig. Anders als beim Thema Rauchen, weniger erfreulich.

Unter meinen täglich Besuchern war eines Tages Herr Wolfgang B., ein ehemaliger Schüler und nun Kaffeestubenbetreiber im elterlichen Geschäft, meinem umgebauten Geburtshauses.

"Herr Siebert, ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, sie in Unkenntnis davon zu lassen, was da morgen mit ihnen geschehen soll!", so seine einführenden Worte. Ein Herr L. mit Sohn hatte sich um den Kauf "Alter Dorfkrug" bemüht, wurde nach Ablehnung durch das Parlamentes mit 15 von 20 Stimmen und angebotener kürzerer befristeter Pacht gegen mich persönlich aggressiv tätig. Einen kürzeren Pachtvertrag deshalb, weil durch das Parlament bereits eine andere Gestaltung des Ortsmittelpunkt nach Klärung des Eigentümers angedacht war, was bis heute, 2014, noch nicht realisiert ist. Selbst anwaltliches Bemühen und Unterstützung der Treuhand vermochten Beschlüsse unseres Parlamentes nicht zu kippen.

Darauf verstieg sich der Antragsteller L. auf der Jahreshauptversammlung der Liberalen zu solchen Formulierungen: "... müssen wir bald handeln, wir werden von morgens bis abends vom Bürgermeister verarscht!" oder „... wenn wir etwas tun wollen, müssen wir uns Sieben-Meilen-Stiefel anziehen und ihm damit in den Hintern treten, damit er nachdenken kann!"

Eine Abgeordnete der Liberalen enthob mich einer Reaktion (30.1.1991):

Als Abgeordnete der FDP distanziert sich Karin Baumann „energisch“ von den im Artikel „Die Liberalen wählten Albert Lewy“ (26. Januar) geäußerten Aussage zu Günter Siebert. die Aussagen von Klaus L... haben sie schockiert. „…Politische Auseinandersetzungen ‚Ja‘, das gehört sehr wohl zur neuen Demokratie, aber derartige niveaulose Ausschweifungen ‚Nein‘“.

Das genügte scheinbar nicht. Herr L. aktivierte eine "Prisma-Sendung" des neuen Ostdeutschen Fernsehens für einen Besuch bei mir, indem mein undemokratisches Verhalten nach angeblichem alten Muster des SED-Staates dargestellt werden sollte. Mit 153 Unterschriften gegen mich, der ich angeblich den "alten historischen Ortskern Hohen Neuendorf" abreißen lassen wolle, machte er Stimmung. Geschäftsinhabern versprach er, seine Angestellten nur noch bei diesem Friseur frisieren zu lassen, Torten für seine Gaststätte (!) nur noch bei Herrn B. zu kaufen. Durch Letzteren war ich nun für den nächsten Tag vorbereitet auf den Empfang dieses Fernseh-Teams. Dieser Beitrag wurde von einem Bürger aufgenommen. Das mir überlassene Video durfte ich mir auf Anraten meiner Frau erst zwei Jahre später ansehen. Sie fürchtete angstvoll um mein Herz.

Elf Jahre später hatte sich am äußeren Bild im Ortsmittelpunkt immer noch nicht viel verändert. "Meine Amtsnachfolgerin" schien meine angebliche Verhinderungspolitik als Diktator fortgesetzt zu haben, so müsste L. wohl feststellen. Doch diese Turbulenzen der ersten Jahre sind vorbei, nicht mehr möglich. Alles Unrecherchierte und nicht Belegbare unterbleibt im Wesentlichen, öffentliche Sitzungen sind Grundlage regionaler, kommunaler Berichterstattung. Aufreißerisches bleibt mehr in der "Bildzeitung" angesiedelt als in unserer Regionalpresse.

... als Seelsorger

Zu den schönsten, mich auch mit Stolz erfüllenden Erinnerungen gehört, dass mir von vielen Bürgern unserer Stadt entgegengebrachte große Vertrauen. Das Bürgermeisterzimmer war täglich hoch frequentiert. Es waren nicht nur nachdrückliche Forderungen, die hier erhoben wurden, es entwickelten sich viele sehr persönliche Gespräche, die den Bürger über eine veränderte Situation aufklärten, ihm Mut machen sollten, vorrangig darauf gerichtet, ihm seine z.T. unbegründeten Ängste besonders besitzanmaßender "Wessis" zu nehmen oder ihm nach neuer Gesetzlichkeit behilflich zu sein.

Es war von mir auch etwas Unwissenheit und Leichtfertigkeit dabei, sich mit den Sorgen und Forderungen ganzer Berufsgruppen allein an einen Tisch zu setzen, wie ich das mit den vielen Ärzten und Handwerkern des Ortes tat, die sich nun selbstständig machen wollten, sich eine Existenz zu gründen beabsichtigten.

"Sie haben aber ganz schön Mut, sich allein der Diskussion zu stellen. Das täte bei uns kein Bürgermeister ohne begleitendes Gremium von Sachbearbeitern!", so ein hospitierender Westfale. Woher nehmen gleich nach der Wende? Hohen Neuendorfern galt meine erste Hilfe.

Ganz nebenbei ergaben sich auch Gespräche der Erinnerung mit alten Hohen Neuendorfern aus dem Westen Deutschlands, die weit in meine Kindheit zurückreichten, die eine 65-jährige Gehbehinderte zu Tränen rührte, als ich ihr aus meiner Erinnerung von ihrem Vater erzählte.

Es war emotional eine für mich sehr schöne Zeit, in kirchlichem Sinne war ich Seelsorger, ja mitunter Beichtvater für psychisch belastete Menschen. Ich war oft verständnisvoller Zuhörer, genoss und rechtfertigte das in mich gesetzte Vertrauen, der ich auch sehr persönliche Dinge und Regungen für mich behalten konnte. Darauf bin ich auch heute noch stolz.

Daran änderte sich auch nichts, als ich einmal auf einer Leiter mitten auf der Chaoskreuzung im Ortsmittelpunkt stehend, die den Verkehr blockierende Menge von Bürgern, Eltern, Erziehern, Lehrern und Schüler zu beruhigen suchte. Sie verliehen mit Tuten und Trillerpfeifen ihrer Forderung nach einer Ampelanlage für einen sicheren Schulweg mit Nachdruck und riefen mir immer wieder laut zu:

Du bist Bürgermeister, du musst das ändern!

Recht hatten sie! Das Geld sollte besser in eine Ampelanlage investiert werden als in eine erforderliche neue Möbelausstattung im Rathaus. Ich und die Demonstrierenden wussten noch nicht, wie lang solche Wege vom Wunsch bis zur Realisierung sind.

Zu der schmerzlichsten Erinnerung gehört der 14. Dezember 1991, als ich morgens um 5 Uhr zu einem Brandort in der Margaretenstraße 22 gerufen wurde und vor dem Hause die Füße toter Kinder unter einer Decke bemerkte. Ein einjähriges Baby, ein siebenjähriger Junge und ein 16-jähriges Mädchen waren bei einem Wohnungsbrand im Schlaf erstickt. Ein verstörter, vom Brand verletzter Vater hatte den Brand gemeldet und befand sich im Krankenhaus, die Mutter war zur Arbeit und nicht im Ort.

Die in solchen Fällen erforderlichen Formalitäten und Veranlassungen wurden durch die schon vor Ort befindlichen Feuerwehren und die Polizei vorgenommen. Mir oblag, für die spätere Unterbringung der Eltern zu sorgen und die Information der im Ort wohnenden Großeltern vorzunehmen, sowie eine psychische Betreuung der so schwer Betroffenen zu sichern. Die erbetene Unterstützung bei der Betreuung durch die im Ort tätige Psychologin Frau S. war mir in dieser Situation äußerst hilfreich, der ich mit den Großeltern gemeinsam die Augen voller Tränen hatte, keines Wortes fähig.

Natürlich wurde auch der Landesvater, Ministerpräsident Stolpe, vom Geschehen in Kenntnis gesetzt, und schon früh erreichte mich dessen Anruf mit der Nachfrage, was ich dazu veranlasst hätte. Noch am Nachmittag musste ich ihm persönlich zu einer Veranstaltung in Potsdam einen abschließenden Bericht telefonisch mitteilen, dessen Inhalt ich auf einem Tonband bis heute festhalte.

Zunehmend arbeitete ich in dieser Zeit mit Tonbandaufnahmen bei oder nach Gesprächen und Zusammenkünften. Zu leicht ging in der Hektik und Vielschichtigkeit der Probleme eine Information verloren, wurde eine notwendige Veranlassung vergessen. Tonbandaufzeichnungen wurden zunehmend bestimmend für mein Arbeiten. Sie waren gedächtnisentlastend und sicherten rationelles Arbeiten, auch in der Zusammenarbeit mit dem Sekretariat.

... als Immobilienverwalter

Ja, ja, die Immobilien, Dreh-und Angelpunkt der nun bestimmenden Gesellschaftsordnung. Besitz war schnell als ein bedeutsamer Faktor für ärmer oder reicher, für Voraussetzung oder Unterlassung bei Bau oder Existenzgründung, für Einfluss oder Machtlosigkeit, für Neid und Missgunst oder Genugtuung erkannt und wirksam geworden. Immobilienbesitz und Anspruchsstellung zerstörten mitunter bisherige harmonische Familien- und Nachbarschaftsverhältnisse, brachten veränderte Beziehungen der Menschen untereinander. Materieller Besitz rückte mehr und mehr in den Lebensmittelpunkt, Solidarverhalten und Vertrautheit alter Mentalität einer Nischengesellschaft entwickelten sich rückläufig.

Aber der Besitz von Grundstücken machte auch viele Familien nunmehr glücklich, stieg doch mit der Wende deren Geldwert auf das 200- bis 300-fache, gestattete im Bedarfsfall gewinnbringenden Verkauf und verbesserte Lebensverhältnisse oder auch die Kreditnahme für An-, Um- oder Neubauten für sich selbst oder nahe Familienangehörige.

Entsprechend war auch die übermäßige Nachfrage nach Immobilien, die ich nun als Bürgermeister befriedigen sollte. Von vielen noch in erwarteter Fortsetzung bisheriger Gepflogenheiten, bei der Bürgermeister oder deren Erfüllungsgehilfen solche Angelegenheiten ohne Anhörung Betroffener diktatorisch geregelt haben. So auch im Falle unserer Freunde M. oder meines ehemaligen Schülers C., wie ich es schriftlich dokumentiert las: „Der Eigentümer ist nicht zu informieren!" Also, warum nicht weiter so, so ihre jetzige Denkweise.

Es war auch nicht einfach, den Besuchern aus den alten Bundesländern zu erklären, warum auf gepachtetem Grund Bürger der DDR in gutem Glauben gebaut hatten, das Land nun mit der „blauen Nutzungsurkunde" kaufen konnten und die Rückgabe an die Alteigentümer nicht mehr gegeben war, da sonst der Abriss des darauf Gebauten rechtlich hätte betrieben werden können. Es blieb aber die Antragstellung auf späteren finanziellen Ausgleich beim Vermögensamt. Täglich saßen in zwei Zimmern des Rathauses zwei Notare, die unter Einhaltung bestimmter Fristen dies bewältigen mussten. In der Hektik dieser Tage gab es sicher auch die eine oder andere Unkorrektheit und sehr, sehr viel böses Blut.

Im täglichen persönlichen und brieflichen Kontakt mit den Anliegen für den Erwerbs oder die langfristigen Verpachtung von Immobilien, lernte ich die ganze Bandbreite des Verhaltens von Menschen kennen, wenn es um nicht vermehrbaren Grund und Boden ging. Ich hörte ihre Worte, konnte ihnen aber nicht ins Herz sehen. Meine lebenslange Berufserfahrung im Umgang mit Menschen musste mir oft beim intuitiven Werten helfen, mit der Gefahr einer ungewollten Fehleinschätzung.

Da waren:

So erinnere ich mich daran:

Ich erinnere mich an den zeitaufwendigen und intensiv verhandelten Abschluss zum Bau der ersten Tankstelle (Shell) über einem Hauptwasserrohr. Dabei war mir beim Abschluss des Notarvertrages in Kreuzberg mit der teilweise türkischen Klientel nicht ganz wohl.

In einem anderen Fall hatte ich mich nach einem abschlägigem Bescheid für die im Sinne des Gesetzes nicht ausreichende Investition bei fünf verschiedenen Ministerien mit 10 Seiten rechtfertigen mussen. Ein ganzes Wochenende musste ich darauf verwenden.

Bei einer Grundstückbegehung mit dem Hauptausschuss mussten wir die ungenehmigte Bebauung über zwei Flurstücke feststellen und wurden mit den Worten empfangen: "Verstehen Sie überhaupt etwas von Vermessungen?"

Dann der laut Gemeindevertreterbeschluss versagte Kauf eines zweiten Grundstücks durch einen tätigen Politiker. Nach dem damals geltenden sogenannten "Modrow-Gesetz" zwingend.

So war das 1990/91 in den Anfängen der jungen Demokratie. Wer das Sagen hatte, der geriet auch in Gefahr, das Zuhören und Befolgen neuer Regeln zu vergessen!

... als ein Überforderter

Sicher verständlich, wenn um die Jahreswende 1991/92, vor meinem 65. Geburtstag, wegen meines schonungslos beanspruchten Immun- und Nervensystem sowie der physischen Belastungen der Gang zu meiner Hausärztin erforderlich wurde. Ihre eindringlichen Worte ließen mich innehalten, weckten wieder die anfänglichen Gedanken der ersten Stunde am Schreibtisch als Bürgermeister. Ihre Worte:

Sie waren zum Anfang der rechte Mann am rechten Ort und haben ihre Pflicht vorbildlich erfüllt. Es ist eine neue Zeit auch mit verändertem Moral- und Sittenverhalten von Menschen angebrochen, dem sie in ihrem Gesundheitszustand und auch ihrem Wesen nach nicht gewachsen sind. Sie können wählen, ob sie aus dem Rathaus aufrechten Ganges hinausgehen oder sich mit den Füßen voran hinaustragen lassen wollen. Was bedeutet es, wenn sie für ihre Familie nicht mehr da wären? Ihre Mutter ist jetzt 91, ihr Großvater wurde 93 Jahre, und diese Erbmasse wollen sie so einfach beiseite schieben?

Weihnachten und Jahreswechsel 1992 ließen mir die Zeit zur Besinnung, über diese Worte nachzudenken, machten mir die zu Recht angemahnte Verantwortung für mich und meine im hohen Stellenwert stehende Familie bewusst. Ja, meine Hausärztin hatte Recht, mein Haus war fürs Erste bestellt, und ich wechselte zeitgleich mit meinem 65. Geburtstag in die verdiente Altersrente, nahm üble Nachreden Einzelner nun schon mit gewissem Abstand in Kauf. So z.B. die nachgereichte Verdächtigung in einer Anfrage der PDS-Fraktion im Gemeindeparlament, ich wäre korrumpiert gewesen, hätte mir nach der Wende mein seit 1933 in Familienbesitz befindliches Grundstück nach der Wende erschlichen und von den Bauherren des Hotels ein Mehrfamilienhaus billig als Wohnsitz bauen lassen. Meine Richtigstellung der falschen Verdächtigung erfolgte umgehend.

Diese Richtigstellung war mein letztes Schreiben vor meiner Verabschiedung aus dem Gemeindeparlament in den Altersruhestand. Verabschiedet wurde ich mit einem Dankschreiben des Landrates auf einer letzten Gemeindevertretersitzung am 27. Februar 1992.

Meine letzte Amtshandlung bestand in der abschließenden Vorbereitung zum baldigen Treffen mit den Bürgern unserer Partnerstadt Müllheim und des erstmaligen Besuchs ihres Bürgermeisters Sänger, der dann mit Gattin unser persönlicher Gast war.

Aus der amtsberechtigten SPD erklärte sich keiner zur Amtsnachfolge bereit. Meine Stellvertreterin Frau Mittelstädt (CDU) führte vier Monate zunächst das Amt weiter, stellte sich dann einer Neuwahl, die sie gegen den Kandidaten der SPD gewann.

Sie hatte nach eigenen Angaben anfangs dieses Amt des Bürgermeisters nie angestrebt, stellte sich nun aber doch dieser Wahl. Der schwere Anfang war getan, und die Verwaltung zunehmend stabilisiert. Ein Sprichwort bewahrheitete sich: „Dem ersten die Not, dem Zweiten dann das Brot„.

Bei meinem 65. Geburtstag (v.l.n.r.: Schröter - Landrat; Rahn - SPD-Vorstand; Dr. Kunke - SPD-Fraktionsvorstand; Ilte - MdB; Siebert -Jubilar)
Bei meinem 65. Geburtstag (v.l.n.r.: Schröter - Landrat; Rahn - SPD-Vorstand; Dr. Kunke - SPD-Fraktionsvorstand; Ilte - MdB; Siebert -Jubilar)
Ich nahm mir zunehmend alte Erinnerungsbilder oder Zeitungsartikel aus einem für mich nicht zu bereuenden, erlebnis- und lehrreichen Zeitabschnitt meines Lebens zur Hand, holte Versäumnisse im Familienleben nach, suchte und fand wieder verstärkt Kontakt mit Menschen meines Umfeldes und Bekannten alten und neuen vernachlässigten Vereinsleben. Bald entdeckte ich die Freude am Filmen, machte es zum Hobby, schuf 1992 in Gemeinschaft mit anderen den ersten Videofilm "Hohen Neuendorfer Impressionen" - als Gastgeschenk zum Abschluss der Städtepartnerschaft mit der Stadt Müllheim. Ich widmete mich wieder verstärkt meinen alten Freunden und Bekannten, wurde wieder der unverbogene, unbeschwerte alte und doch neue Günter Siebert, fand wieder zu mir selbst und gesundete nervlich zunehmend - Danke, Frau Doktor!

"Meine Wiedergeburt" oder "Was nicht in der Zeitung stand"

Ganz verschloss ich mich der Kommunalpolitik aber nicht, besuchte Versammlungen des Ortsvereins der SPD, auch Gemeindevertretersitzungen in Hohen Neuendorf und in Birkenwerder zum Thema Fusion der Gemeinden, brachte mich in neue Vereine ein.

So engagierte ich mich für den Erhalt des über 100 Jahre alten Büdnerhauses in Bergfelde und war Mitarbeiter im Kommitè für die 650-Jahrfeier von Hohen Neuendorf, regte oder beurteilte in Texten örtliches Kommunalgeschehen, war auch Ansprechpartner für politisch Tätige oder andere Bürger.

In einer zweiten Wahlperiode, 1998, baten örtliche Abgeordnete des GuBV (Gewerbe-und Bürgervereins) mich als Altbürgermeister um eine Stellungnahme zu Inhalten ihrer Erstausgabe der Zeitschrift "IMPULS". In Auszügen gebe ich ein Statement zu meinen politischen Auffassungen dazu wieder:

Mein Schreiben ist weder von der SPD initiiert noch relegiert, solche Bevormundungen weise ich zurück. Ebenso das Ansinnen meiner Partei, mich für die kommende Kommunalwahl um ein Mandat zu bewerben, um dies dann nach gewonnener Wahl an einen weniger bekannten Nachrücker abzugeben. (Wie später von der PDS praktiziert.) Dies bedeutet für mich eine Wahlfälschung.

Ich fühle mich als ein Bürger Hohen Neuendorfs, der für die gedeihliche Entwicklung seiner Gemeinde der Kommunalpolitik gegenüber der Parteipolitik eine Priorität einräumt.

Es ist heuchlerisch, kommunale Interessen vorzugeben, aber kommerzielle zu verfolgen und unwahr, sich dann "überparteilich" zu nennen. Im Artikel bedient sich die „überparteiliche" GuBV aber aller Rituale und Gepflogenheiten einer Partei, ergeht sich vielfach in Schwarz/Weiß-Malerei, schreibt Erfolge meist sich selbst zu. Eine bei IMPULS gerügte Parteidisziplin wird lediglich durch den Ehrenkodex ersetzt, so im Artikel dargestellt.

Mir widerstrebt die Forderung zu einer einheitlichen Meinung der Abgeordneten innerhalb der Partei einer Kommune, ich empfinde unterschiedliche Meinung auch als eine Widerspiegelung des Meinungsbildes in der Bevölkerung. Ein Abgeordneter ist vorrangig seinem Gewissen gegenüber verantwortlich. Überzeugen, nicht überreden!

Partei ergreifen "JA", sich jedoch nicht nur parteiisch entscheiden müssen!

Der Erfolg hat meist verschiedene Mütter und Väter, er ist meist ein Kompromiss. Die Grundhaltung der Kompromissbereitschaft und Toleranz ist ein wesentliches Merkmal lebendiger parlamentarischer Demokratie, nicht das Einklagen eigener Meinungsgültigkeit und des Alleinverdienstes eines Erfolges.

Es ist ein legitimes demokratisches Recht, die Forderung nach geheimer Abstimmung zu erheben. Dies ist kein demokratisches Fehlverhalten oder lässt eine rügende Makelzuweisung für den Antragsteller zu, wie es im Artikel anklingt. Die angestrebte Fusion mit der Gemeinde Birkenwerder wäre ohne Zwänge und Druck aus Parteien durch eine geheime Wahl sicher zustande gekommen.

Jede Profilierungssucht auf Kosten anderer, das Frönen eigener Eitelkeit ist jeder Sache abträglich. Bei der Abfassung eines geschriebenen Wortes, wenn es denn der eigenen Feder entstammt, denkt man konkreter und verantwortungsbewusster nach. Der Redende hat sich schon oft bedacht, der Schreibende schon seltener, ein Schweigender braucht das jedoch nicht. Letzteren braucht aber die Demokratie nicht.

Mit diesem Statement stieß ich in meiner Partei wie auch im Rathaus nicht immer auf Gegenliebe. Ich war nicht immer auf "Parteilinie", war unbequemer Erinnerer, vielleicht auch nicht zeitgemäß angepasst genug. Kurzum: Meine Mitarbeit war nicht sonderlich gefragt, mitunter ignoriert und ins Abseits gedrängt. Das gipfelte 1999 mit meiner Anwesenheit zur Verleihung des Stadtrechtes für Hohen Neuendorf bei Betreten des Rathauses mit den Worten:

Leider haben wir für sie und ihre Frau im Rathaussaal keinen Platz reservieren können. Es fehlt auch an Platz für ihre Teilnahme am Empfang für geladene Gäste im Ratskeller!

Ehrenrühriger und verletzender hätte man mich nicht treffen können. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich bin gebürtiger Hohen Neuendorfer, hatte 1999 mein Leben lang hier über 70 Jahre gewohnt, hatte 44 Jahre in der jetzigen Stadt als Lehrer und stellvertretender Schuldirektor gearbeitet. Ich habe zwei schwere Jahre in einer jungen Demokratie als erster frei gewählter Bürgermeister nach der Wende 1989 kraftaufwendig meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, durfte die Laudatio für unsern ersten Ehrenbürger der Stadt halten und da war jetzt kein Platz für mich?!

Ich konnte es mir nur so erklären, dass ich als eventueller "Sympathie-Konkurrent oder unbedeutender Bürger" in dem erlauchten Kreis keine Platzanspruch erwarten durfte

Das Maß war damals voll. Von Stunde an mangelte es am politischen Interesse für meine Heimatstadt und ihrem Parlament, die Regionalpresse wurde abbestellt, der Besuch kommunalpolitischer Veranstaltungen unterblieb. Als von vielen Bürgern um Auskunft zu kommunalem Geschehen Befragter lasse ich wissen, welche Gründe dazu vorliegen, dass ich nicht mehr auskunftfähig bin.

Ich spürte das Gefühl. „Wir machen es schon richtig, kümmere Dich nicht um unsere Sachen, sei lieber ruhig und mache deinen Kram!" Ach nein, wenn es wieder so weit ist, wähle uns, denn wir sind für DICH da! Wenn auch nach den von uns bestimmten Spielregeln.

Die erste Phase meiner Politikverdrossenheit war erreicht, nur mein Verstand diktiert mir anderes politisches Verhalten, mich nicht einer Wahl zu versagen, weil ich um die Folgen weiß.

Meine Aktivitäten galten zunächst nur noch der Familie und den Menschen und Gruppierungen, die es erwarten, wollen und achten, solange meine Kraft dazu noch reicht.

Und so hielt ich es dann, mit zunehmendem Alter und abnehmender Kraft, aber heute eher mehr aktiv, umfangreicher und bewusster für unsere Kommune, für meine Geburtsstadt und meinen Lebensraum. Ich denke, mit 87 Jahren als noch nützliches Mitglied unserer Gesellschaft zu wirken!